Montag, 5. Oktober 2015

Christen zuerst?

Wir können in Europa nicht jeden Flüchtling aufnehmen. Also müssen Kriterien her, welche Flüchtlinge am besten nach Europa kommen sollen und welchen vor Ort besser geholfen ist. Kann Religion ein Kriterium sein?

Rasande Tyskar
Zehntausende Flüchtlinge kamen in den vergangenen Monaten in die Europäische Union. Allein in Deutschland werden in diesem Jahr bis zu 800.000 Asylsuchende erwartet. Während kurzfristig eine „Wir schaffen das“-Euphorie herrschte, nimmt die Sorge derzeit zu. Eine knappe Mehrheit der Befragten sorgen sich laut aktuellem ARD-Deutschlandtrend über die zunehmende Zahl der Flüchtlinge. Das bedeutet eine Steigerung von 13 Prozent der Besorgten allein gegenüber dem Vormonat. Zudem zieht die Bundesregierung mit dem neuen Asylgesetz die Zügel wieder fester an. Und Bundesinnenminister Thomas de Maizière spricht im Bundestag von einer Ankommenskultur, die von den Flüchtlingen eingefordert werden muss.

Dürfen Christen bevorzugt werden

Wenn aber über strengere Grenzkontrollen, Abschreckung und Grenzen der Aufnahmefähigkeit gesprochen wird, dann wirft das die Frage auf, nach welchen Kriterien Asylsuchende in Europa aufgenommen werden sollen. In Osteuropa gibt es derzeit dazu auch eine religionspolitische Antwort: Sie wollten nur Christen aufnehmen, erklärte die Regierung der Slowakei im Sommer. Geht das denn? Kann es eine besondere Solidarität für Christen geben, was automatisch die Muslime diskriminiert? 

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Kommentare :

  1. Zitat aus dem Artikel:
    "Christen haben als erste überhaupt Menschen außerhalb der eigenen Gemeinschaft in die karitativen Tätigkeiten integriert."

    Gibt es dafür einen Beleg oder eine historische Erläuterung?

    Für die Frühzeit, als die Christen die Witwenfürsorge erfanden, gilt das glaube ich nicht (die Wurzel der Armenhilfe war ja die Versorgung christlicher Witwen, um sie von der Wiederheirat abzuhalten).
    Die Armen, die der hl. Laurentius dem Kaiser vorführte, waren m.W. alle Christen. Der missionarische Erfolg der Armenfürsorge bestand ja gerade darin, dass die Armen Christen werden wollten, weil sie dadurch in den Genuss der Dienstleistungen christlicher Caritas kamen. Man muss sich die frühen Christen wohl ungefähr so vorstellen wie heute Salafisten oder evangelikale Sekten, die bevorzugt Drogenabhängige, Bedürftige und Randständige ansprechen: Zuwendung als Strategie zur Anwerbung neuer Mitglieder.
    Diese christliche Strategie wird z.B. in den Schriften Kaiser Julians des Apostaten gut beschrieben, der ja anregte, auf heidnischer Seite etwas Ähnliches zu schaffen, um die Abwanderung der Armen zu den Christen zu stoppen.

    Im Mittelalter gilt es wohl auch nicht. Da waren ja im christlichen Europa per definitionem alle Christen und es gab von daher nur christliche Beddürftige. Auch lag der Sinn des Almosengebens ja gerade darin, dass der Bedachte als Gegenleistung für das Seelenheil des Gebers betete. Das ging ja nur, wenn der Bettler Christ war.

    Im 14. Jh. schuf Johannes XXII. das päpstliche Almosenamt und verteilte zigtausend Brotlaibe an die Armen von Avignon. Aber Nichtgläubige werden darunter kaum gewesen sein, höchstens vielleicht ein paar klandestine Ketzer.
    Die klassischen mittelalterlichen Leprosenstationen waren ebenfalls als fromme Anstalten organisiert und daher wohl auch nur Christen zugänglich.
    Das bspw. Klöster nichtchristliche Bettler, sagen wir Juden, mit Resten aus der Klosterküche versorgt hätten, kann man eigtl. auch ausschließen.

    Auch in religiös durchmischteren Gegenden, etwa im Mittelmeerraum, war es in Mittelalter und Frühneuzeit immer so geregelt, dass jede religiöse Gruppe ihre in Not geratenen Mitglieder selbst versorgte. Kann man gut z.B. an den sozialen Aktivitäten im Rahmen des Gefangenenloskaufs nachvollziehen, etwa in Spanien oder Nordafrika.

    Nichtchristliche Sklaven und Gefangene wurden sicherlich versorgt, aber wenn sie eine Bleibeperspektive hatten und nicht gegen eigene Leute eingetauscht werden sollten, war ja die Taufe ohnehin der erste Schritt, der anstand, um aus der völligen Rechtlosigkeit herauszukommen. Ähnlich bei Indios, die von Encomenderos gehalten wurden.

    Wann und wo ist es deiner Meinung nach also dazu gekommen, dass Christen (systematisch) Menschen außerhalb der eigenen Gemeinschaft in die eigenen karitativen Tätigkeiten integrierten? Ich sehe da sagen wir vor dem 18./19. Jh., als die typischen Kreise frommer Damen entstanden, die sich um "die Armen" kümmerten, eigentlich wenig. Kann mich aber irren.

    Andererseits:
    Dass im Rahmen antiker Wohltätigkeits- und Festspielkultur Herrscher oder Stadtmäzene etwa im persischen, hellenist. oder röm. Raum ihre Wohltaten nicht doch auch unabhängig von religiösen und ethnischen Zugehörigkeiten unter nicht näher bestimmbare Bedürftige verteilten, würde ich auch nicht ausschließen wollen.
    Ein Dankopfer im Lokalheiligtum zugunsten des Spenders oder die Unterstützung als gekaufte Jubler gegen Konkurrenten im Wahlkampf wird vielleicht erwartet worden sein, aber sonst?
    Wieso waren die Christen dann angeblich "die Ersten"?

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    1. Die Antike "Wohlfahrtstätigkeit" im Rahmen des Euergetismus galt lediglich den Mitgliedern der eigenen Polisgemeinschaft bzw. der Bürgerschaft. Der Mensch im allgemeinen war darunter nicht subsumiert. Es gab daher keine Verantwortung für andere Menschen außerhalb der Gemeinschaft.

      Das Christentum kannte hingegen die Wohlfahrt für andere. Darauf verweist schon Paulus im Galaterbrief, freilich mit dem Zusatz, sich besonders der Christen anzunehmen. Eine Überlieferung aus der Spätantike ist zum Beispiel ein Erlebnis des Pachominus, der, vor seiner Konversion, als Soldat die Wohltätigkeit der Christen auch ihm, dem Heiden, gegenüber erfuhr.

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