Samstag, 10. Januar 2015

Wenn die Seele zur Erkenntnis ihrer selbst gelangt

74) Wenn die Seele zur Erkenntnis ihrer selbst gelangt, bringt sie auch aus sich selbst eine gewisse Glut und gottliebende Zartheit hervor. Wenn sie nämlich nicht von den Sorgen des Lebens verwirrt wird, gebiert sie im Frieden eine gewisse Sehnsucht und sucht dementsprechend nach dem Gott des Friedens. Doch wird sie von diesem Ansinnen sogleich abgelenkt, wenn sich entweder das Gedächtnis von den Sinnen verraten läßt oder die Natur aufgrund ihrer Armut allzu schnell das ihr eigene Gut aufzehrt. Daher besaßen die Weisen der Griechen, was sie durch ihre Enthaltsamkeit zu erlangen meinten, nicht so, wie es nötig gewesen wäre. Befand sich doch ihr Geist nicht unter der Wirksamkeit der ewigen und in allem wahrhaften Weisheit. Doch die Glut, welche vom Allheiligen Geist in das Herz strömt, ist zuallererst gänzlich friedsam und nie versiegend; sie ruft alle Teile der Seele auf zur Sehnsucht nach Gott und kühlt auch außerhalb des Herzens nicht ab, sondern erfreut vielmehr durch sich selbst den ganzen Menschen zu einer sozusagen unendlichen Liebe und Freude. In der Tat, haben wir jene (Liebe) erkannt, müssen wir zu dieser gelangen. Denn die natürliche Liebe ist ein Kennzeichen dafür, daß die Natur durch die Enthaltsamkeit gewissermaßen gesund ist. Doch den Geist zur Leidenschaftslosigkeit führen wie die geistliche Liebe kann sie nicht.

Diadochos von Photike: 100 Kapitel über die Askese, in_ Philokalie, Bd. 1

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