Montag, 12. Januar 2015

Eine Demonstration der Angst in Paris

Die Medien feiern die gestrige Marsch von Millionen Menschen durch Paris als Demonstration der Meinungsfreiheit und Solidarität. Dabei ist es eher ein Zeichen von Angst und Sorge.

Foto: WikiCommons dontworry
Wenn Demonstrationen eine Form der Kommunikation sind, dann gilt für sie das klassische Dreier-Prinzip: Jemand schickt einem anderen eine Botschaft. Während beim gestrigen Marsch durch Paris dieser jemand klar ist - die westliche Bürgergesellschaft - bleibt der Adressat unklar. Und damit auch die Botschaft, denn nur wenn ich weiss, wer die Nachricht bekommen soll, kann ich den Sinn auch richtig transportieren.


Angst ist das Ziel der Terroristen

Ich kann mir nicht vorstellen, wie Dschihadisten gestern vor den Fernsehern gesessen haben und tief beeindruckt waren, wie hunderttausende Menschen sich mit den ermordeten Karikaturisten solidarisieren und Politiker aus ganz Europa durch Paris marschierten. Warum sollte es auch einem angehenden Terroristen imponieren, wenn die von ihm verachtete Gesellschaft gegen den Terror aufsteht? Es wird ihn eher motivieren. Denn umso stärker die Reaktion des Westens, umso größer sein Ruhm bei seinen Geistesverwandten. Denn beim Terror geht es nicht darum, möglichst viele Menschen zu töten. Sondern möglichst viel Angst zu verbreiten. Und damit die Gesellschaft zu irrationalen, schädlichen Handlungen zu bewegen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Anschlag auf das World Trade Center. Der Erfolg von Al-Qaida war nicht der Tod von 3.000 Menschen. Erfolgreich wurde die Aktion erst, als die Busch-Administration daraufhin losgezogen ist und sich im Nahen Osten in endlose Konflikte verwickelt hat. Die Folge: Die USA sind geschwächt und der Islamismus feiert im Orient fröhliche Urstände.

Demonstrationen sind hilflose Selbstvergewisserung

Wenn sich die Botschaft nicht an die Terroristen richtet, dann ist es zunächst eine Selbstvergewisserung des Westens. Die Menschen wollen sich in der gemeinsamen Demonstration Mut machen. Das heisst im Umkehrschluss aber, dass sie Angst haben oder sich wenigstens Sorgen machen. Denn eine souveräne Gesellschaft wird nicht durch eine handvoll Attentäter herausgefordert. Das Selbstverständliche bedarf der Bestätigung nicht. Je heftiger also die Reaktion, umso größer das Gefühl der eigenen Gefährdung und der Unsicherheit.

Eine souveräne Gesellschaft könnte hingegen kühl über den Terror hinweggehen und die Trauer den Angehörigen überlassen, die wirklich betroffen sind. Eine souveräne Gesellschaft kann sich auch fragen, wo es Probleme gibt, die sie angehen muss, um ähnliches in Zukunft zu vermeiden. Am effektivsten sind gerade die muslimischen Verbände, die sich beeilen, die Tat zu verurteilen, damit nicht alle Muslime unter Generalverdacht fallen. Sinnvoll ist auch eine Debatte darüber, welche Probleme der Islam mit der westlichen Gesellschaft hat, wenn er aktuell der wichtigste Nährboden für Terrorismus ist.

Die Journalisten sollen für die Masse mutig sein

Die heftige Reaktion auf die Ereignisse hängt mit der Rolle der Pressefreiheit im Westen zusammen. Denn diese sieht der Westen als sein Alleinstellungsmerkmal gegenüber dem Rest der Welt. Nirgendwo sonst darf man sich blasphemisch äußern oder seine Meinung so - relativ - frei sagen wie bei uns. Da der säkulare Westen gerade systematisch alle transzendentalen Werte entsorgt, bleiben im nur noch wenige, mechanistische Tugenden. Denn die Pressefreiheit ist eigentlich nur ein Mechanismus einer mündigen Bürgergesellschaft gegenüber einem potentiell repressiven Machtstaat. Dieser mechanistische Wert ist aber leicht angreifbar, weil er nur solange existiert, wie sich jemand findet, der ihn ausübt.

Allerdings bedroht der Angriff zweier Terroristen auf ein Satireblatt an sich nicht die Pressefreiheit. Gefährlich wird es aber dann, wenn die Journalisten dadurch Angst bekommen. Denn Angst potenziert die Gefahr und macht die Menschen willfährig. So sind gerade die Demonstrationen ein Zeichen der Angst. Die Menschen fürchten sich, dass sich die Journalisten beeindrucken lassen. So sind die Demonstrationen ein Aufruf an die Journalisten, sich nicht einschüchtern zu lassen, freilich ein Hohler, denn die Einzelnen sollen für die Masse mutig sein.

Welche Botschaft an die Terroristen

So hat die Demonstration in Paris drei Empfänger und drei Botschaften. Erstens ist sie eine Selbstvergewisserung der Demonstrierenden. Zweitens ist es ein Aufruf an die Journalisten, für die Masse mutig zu sein. Und drittens ist sie die unfreiwillige Botschaft an die Terroristen, dass der Westen sich beeindrucken lässt. Gerade das letzte ist besorgniserregend.

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