Montag, 5. Januar 2015

Diadochus von Photike über den Psalmengesang

73) Befindet sich die Seele in der Blüte ihrer natürlichen Früchte, verrichtet sie auch den Psalmengesang mit lauterer Stimme und will lieber mit der Stimme beten. Steht sie aber unter dem Einfluß des Heiligen Geistes, psalliert und betet sie in jeglicher Ruhe und Wonne im Herzen allein. Jenem Zustand folgt eine sichtbare Freude, doch diesem folgen geistige Tränen und danach eine gewisse Wonne, welche die Stille liebt. Da nämlich das Gedächtnis durch den maßvollen Gebrauch der Stimme glühend bleibt, läßt es das Herz gewissermaßen tränenbenetzte und sanfte Einsichten hervorbringen. Darum kann man wirklich sehen, wie der Samen des Gebetes unter Tränen in die Erde des Herzens aus Hoffnung auf die Freude der Ernte eingesät wird. Doch wenn wir von tiefer Niedergeschlagenheit bedrückt werden, sollen wir den Psalmengesang mit etwas lauterer Stimme verrichten. Wir lassen dann in der Freude der Hoffnung die Klänge der Seele erschallen, bis jene schwere Wolke von den Winden der Melodie aufgelöst wird.

Diadochos von Photike: 100 Kapitel über die Askese, in: Philokalie, Bd. 1

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