Samstag, 27. Dezember 2014

Jesus war Syrer. Kommentar zur kirchlichen Pegida-Schelte

Die Kirchen üben in den letzten Wochen massive Kritik an der Pegida-Bewegung. Kein Christ dürfe bei Pegida mitmachen, denn Jesus sei auch Flüchtling gewesen, so der Tenor. Nur letzteres stimmt. Denn gegen Jesus demonstriert niemand bei Pegida.

Foto: Wiki Commons
Pegida ist gegen das Jesus-Kind, war ein Thema, das in vielen Predigten und kirchlichen Äußerungen dieser Tage vorkam. Denn Jesus war ein Flüchtling und weil Pegida gegen Flüchtlinge ist, wäre sie auch gegen Jesus gewesen und  daher darf sie nicht die abendländisch-christliche Kultur für sich in Anspruch nehmen. In den Kommentaren der Online-Zeitungen, die diese Verlautbarungen wiedergeben, liest man anderes. Da steht, Jesus sei gar kein Flüchtling gewesen, sondern Maria und Joseph hätten eben nur Herbergen-Probleme auf der Reise gehabt. Also ne Touristen-Geschichte. Genau betrachtet sind beide Meinungen schief.

Jesus: zuerst Tourist, dann politischer Flüchtling


Denn Jesus war tatsächlich Flüchtling. Aber nicht in Bethlehem, sondern in Ägypten. In Judäa war das Problem von Maria und Joseph in der Tat das von Touristen. Man kommt an einen Ort, wo man nicht wohnt, und findet kein Hotel. Also muss man irgendwo unterkriechen, wo man normalerweise nicht nächtigen würde. Von einem Dauerzustand sprechen die Evangelisten aber nicht. Folgt man der These, Joseph und/oder Maria hätten Besitz in oder um Betlehem gehabt, wird es dort irgendwo auch Verwandtschaft gegeben haben oder genug Geld, um sich später in einem Haus einzuquartieren.

Dann jedoch musste die kleine Familie tatsächlich fliehen. Nämlich vor der Häschern des Herodes, der den potentiellen Konkurrenten aus dem Weg schaffen wollte. Glaubt man der Bibel und der Überlieferung, ist die Heilige Familie nach Ägypten geflohen, also in die nächstgelegene römische Provinz mit hohem Judenanteil. Jesus war also ein politischer Flüchtling, weil sein Leben - und übertragen wohl auch das seiner fliehenden Familie - bedroht war.

Kriegsflüchtlinge sollen aufgenommen werden


Nimmt man Pegida ernst, dann kann man in ihrem Programm nachlesen, welche Ziele sie sich gesetzt haben. Davon fühlen sich die Menschen, die dort demonstrieren, offenbar angesprochen. Im Programm steht unter Punkt 1:
Pegida ist für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch oder religiös Verfolgten. Das ist Menschenpflicht! 
und unter Punkt 3:
Pegida ist für dezentrale Unterbringung der Kriegsflüchtlinge und Verfolgten, anstatt in teilweise menschenunwürdigen Heimen.
Geht man die weiteren Punkte durch, so wird dort zwar eine Politik gefordert, wie Asylsuchenden skeptisch gegenübersteht und eine deutlich härtere Gangart fordert. Das richtet sich aber vor allem gegen Wirtschaftsflüchtlinge. Zwar ist Armut und die Hoffnung auf ein besseres Leben eine legitimer und verständlicher Grund, seine Heimat zu verlassen und nach Europa zu gehen. Aber das sind dann keine Flüchtlinge, sondern eben Menschen aus dem Ausland, die hier in Deutschland leben wollen. Das sollte ihnen auch ermöglicht werden, zumindest wenn sie die Ordnung des Staates einhalten sowie die Bereitschaft und Fähigkeiten zeigen, sich in die Gesellschaft einzubringen. Aber verfolgt sind diese Menschen nicht und sollten auch nicht so behandelt werden.

Verfolgte und Kriegsflüchtlinge sind hingegen z.B. die Syrer, die hierher kommen, weil in ihrem Heimatland ein Kampf tobt und sie dort nicht mehr leben können, obwohl sie dies überwiegend wollen. Diese Menschen kann ein so reiches Land wie Deutschland aufnehmen und das soll auch geschehen. Das sehen fast alle gesellschaftlichen Gruppen so, Pegida offenbar eingeschlossen.

Offene Türen für das Jesus-Kind


Wenn Jesus heute in Deutschland ein Asylsuchender wäre, dann wäre er Syrer. Ein Kind und seine Familie, das vor den politischen Bedingungen seines Heimatlandes fliehen muss. Das zudem zu einer Minderheit gehört, denn viele Syrer, die nach Europa kommen, sind orientalische Christen oder gehören zu kleinen muslimischen Gruppen. Gerade dieser doppelte Status, den auch das Jesuskind als Jude in einer paganen Umwelt betroffen hat, hätten wir heute Rechnung zu tragen. Das scheint man auch bei Pegida zu wollen. Der Kirche muss man also sagen: Daneben, Hochwürden!

Kommentare :

  1. Vielen Dank für diesen sehr durchdachten, klugen und besonnenen Kommentar!

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  2. FlieHen mußte die Familie, flieHen... :-)

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    1. Vllt. ist der Herr ja auch geflogen ;-)
      Danke für den Hinweis, wurde korrigiert.

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  3. Ein erhebliches Problem bei den Pegida-Demonstrationen ist, dass irgendein Programm den allermeisten Demonstranten völlig unbekannt ist. Das sei auch in persönlicher Kenntnis der Demos in Dresden gesagt. Es geht um dumpfen Ausländerhass und Islamophobie und zwar ohne Besehen jeglicher Umstände. Da kommen selbst eingebürgerte Personen in den Blick, deren Geburtsort nicht in Deutschland liegt.

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    1. Da ich selber dort noch nicht wahr, kann ich zu den Situationen selber nichts sagen, sondern muss mich auf Informationspapiere und Berichte verlassen. Und die vermitteln oft ein anderes Bild als das von Ihnen beschriebene. Die Lage dürfte vermutlich zwiespältig sein, wie meistens.

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