Mittwoch, 3. September 2014

Papst Benedikt XV. Stellvertreter des Friedensfürsten

Nachdem vor kurzem an den 100. Todestag von Pius X. erinnert wurde, feiern wir heute die Wahl von Benedikt XV., der vor 100 Jahren am 03. September 1914 gewählt wurde. Im historischen Bewusstsein eher vernachlässigt, versuchte er in einer Zeit des Krieges Frieden zu stiften.

Das Jahr 2014 ist für Europa ein denkwürdiges Jahr. Während allenthalben der 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges begangen wird, brechen an den Rändern Europas dramatisch Konflikte auf und fordern die Aufmerksamkeit des Kontinents. Ob in der Ukraine im Vorhof Europas oder ob im Nordirak, der durch den Nato-Partner Türkei und die westlichen Dschihadisten Europa näher ist, als uns lieb sein kann. In diesem Jahr ist also der Krieg Europa so nahe wie lange nicht und auch die Stimmen, die nach militärischem Eingreifen in Konfliktregionen rufen, sind lauter als sonst. Auch in der Kirche wird zumindest ein internationaler Einsatz im Nordirak in Erwägung gezogen, teilweise sogar gefordert.

Gerade in diesen Zeiten ist es nicht nur wertvoll, sich an die Kriege der Vergangenheit zu erinnern, sondern auch an die Friedensintiativen. Im kirchlichen Bereich ist es vor allem Benedikt XV., der wie kein anderer Papst für den Ruf nach Frieden steht und dessen Prinzipien das vatikanische Friedensengagement bis heute prägen.

Papst mit und ohne Kirchenstaat

Allerdings galt das Papsttum nicht immer als engagierter Kämpfer für den Frieden. Jahrhundertelang besaß es einen eigenen Staat, der sich über große Teile Mittelitaliens erstreckte. Er war die Machtsbasis des Papsttums und sicherte der übernational verfassten katholischen Kirche eine weitgehende Unabhängigkeit ihres Oberhauptes. Dadurch war der Papst aber auch des Öfteren Partei in internationalen Konflikten.

Das änderte sich mit der Eroberung des Kirchenstaates durch das Königreich Italien. Denn damit war das Papsttum seiner weltlichen Macht praktisch beraubt. Doch auf diese Weise eröffneten sich ihm ganz neue Möglichkeiten, international aktiv zu werden.

Schon Papst Leo XIII. wollte dem Papsttum nicht nur den Kirchenstaat wieder geben, sondern auch eine neue Rolle in der internationalen Politik einnehmen. Anstatt selber Partei zu sein, wünschte er sich den Vatikan als neutrale Schiedsrichterinstanz in internationalen Konflikten. Diese Tendenz zur Neutralität, besonders da, wo Katholiken gegeneinander standen, war fortan das Leitprimat der päpstlichen Krisendiplomatie.

Mahner für den Frieden

Unter Benedikt XV. nahm dieser Grundsatz päpstlicher Politik dann konkrete Gestalt an. In den ersten industriellen Massenkrieg der Geschichte hineingewählt, rief der Papst schon im September 1914 weitsichtig zum Frieden auf:
“Wir mahnen und beschwören alle Kinder der Kirche und besonders die Regierenden. Wir bitten zu Gott damit er die Geißeln der Wut, durch seine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit von den Sünden der Völker entferne”
Und 1915, als in Europa die Kriegsbegeisterung abgenommen und die Fronten bereits begannen zu erstarren: “… beschwören wir euch, euch von der göttlichen Vorsehung an die Spitze der kriegführenden Völker Gestellte, endlich dieser grauenhaften Schlächterei ein Ende zu setzen, die nun schon ein Jahr Europa entehrt.” “Gesegnet sei, wer als erster den Ölzweig erhebt und dem Feind die Rechte entgegenstreckt, ihm den Frieden unter vernünftigen Bedingungen anbietet.”
Radikale Neutralität

Doch Benedikt XV. war kein idealistischer Mahner, sondern machte konkrete Vorschläge, die auch heute noch wesentliche Leitlinien für Konfliktlösungen sein können. So forderte er 1917 nicht nur ein Ende des Krieges, sondern auch gegenseitige Abrüstung, die Rückgabe besetzter Gebiete und eine vertrauensvolle Konfliktlösung. Der Papst selber verpflichtete sich bei seinen Bemühungen um Frieden zu einer radikalen Neutralität. Persönlich wohl eher Frankreich zugeneigt, war er der Überzeugung, dass der Papst selber niemals wieder Partei werden durfte, gerade da, wo Katholiken gegeneinander kämpften. Nur wenn er zu keiner der beiden Seiten gehörte, so glaubte der Papst, könne er für den Frieden und die Opfer des Krieges wirken.

“Mit dem Frieden ist nichts verloren”

Mit Benedikt XV. begann sich das Papsttum zudem von der jahrhundertealten Vorstellung des gerechten Krieges, des bellum iustum, zu verabschieden. Diese Theorie des Hl. Augustinus hatte im wesentlichen festgelegt, wann es ein Recht zum Krieg gab. Später hatte sich u.a. Thomas von Aquin damit beschäftigt, welche Mittel in einem Krieg verwendet werden dürfen. Doch angesichts des modernen Massenkrieges kam der Papst zum Schluss, dass ein solcher Krieg unrecht sein musste. Auf diesem Grund entwickelte die Kirche in den nächsten Jahrzehnten ein neues Modell, eine iustitia contra bellum, einer Gerechtigkeit gegen den Krieg. Der wird dabei grundsätzlich verurteile und nur als reiner Verteidigungskrieg auf einen direkten Angriff akzeptiert, indem der schnellstmöglichen Wege zum Frieden eingeschlagen werden muss.

Diese Haltung prägt bis heute die Kirche. Besonders Pius XII., der von Benedikt XV. als Nuntius nach Deutschland geschickt wurde, machte sich die Haltung seines Vorgängers während des Zweiten Weltkrieges zu eigen und wird dafür bis heute heftig kritisiert. Einprägsam ist bis heute der Ruf Pius XII., der am Vorabend des 2. Weltkrieges in der Tradition Benedikts XV. zum Frieden aufrief:
“Mit dem Frieden ist nichts verloren, aber durch den Krieg kann alles verloren gehen.”
Und der Hl. Papst Johannes XXIII. betonte angesichts des atomaren Vernichtungspotentiales nachdrücklich die päpstliche Friedenslinie:
In unserem Zeitalter ist es nicht mehr möglich, den Krieg als geeignetes Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu betrachten.
Erfolglose Bemühungen

Allerdings waren die Bemühungen um Frieden weder bei Benedikt XV. noch bei Pius XII. von Erfolg gekrönt. Die kriegsführenden Staaten ignorierten die Apelle des Papstes, die Bischöfe übergingen die Enzykliken zumeist. In der nationalen Kriegsstimmung galten die Aufrufe Benedikts XV. den deutschen Bischöfen als frankreichfreundlich, den französischen als deutschlandfreundlich.

Waren seine Bemühungen um Frieden ohne Erfolg, durfte der Papst nicht einmal an den Friedensverhandlungen teilnehmen. Die Italiener hatten sich bei den Alliierten Großmächten ausbedungen, den Papst von den Versailles Verhandlungen auszuschließen. Doch nicht deswegen wurde der Vertrag von Versailles von Benedikt kritisierte. Seiner Meinung nach war es ein Diktatfrieden der Sieger, der Europa keinen langfristigen Frieden bringen konnte, sondern Keime neuer Konflikte in sich barg.Der Papst hat sich dagegen für den Völkerbund eingesetzt, da er ihn als ein Mittel langfristiger Friedenssicherung begriff. Freilich war er auch hier der Meinung, man müsse auch die Kriegsverlierer aufnehmen und wurde erneut nicht gehört.

Die Päpste in der Tradition Benedikt XV. Gegner eines “unnötigen Blutbades”

Die Geschichte Benedikts XV. zeigt damit die Grenzen und Möglichkeiten des Papsttums. Gegen die Staaten und die Gesellschaften, die den Krieg bis zum Sieg weiterführen und ihren Sieg dann zu ihrem eigenen Vorteil nutzen wollten, konnte der Papst nicht anschreiben und blieb selbst in vielen innerkirchlichen Kreisen ungehört. Zugleich prägte aber seine Haltung die langfristige Linie der Kirche zum Krieg bis heute. Wie stark dieses Erben des Papstes bis heute ist, zeigte besonders sein Nachfolger, Benedikt XVI., der anlässlich seiner Wahl an ihn erinnerte:
“Der Name Benedikt selbst, den ich am Tag meiner Wahl auf den Stuhl Petri angenommen habe, weist auf meinen überzeugten Einsatz für den Frieden hin. Ich wollte mich nämlich … auf Papst Benedikt XV. beziehen, der den Ersten Weltkrieg als ein ‚unnötiges Blutbad’ … verurteilte und sich dafür einsetzte, dass die übergeordneten Gründe für den Frieden von allen anerkannt würden.”
Seiner Kirche hat Benedikt XV. bis heute etwas zu sagen und es tut gerade in dieser Zeit gut, sich an ihn und seine Botschaft zu erinnern.

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