Samstag, 23. August 2014

Gibt es keine Welterklärer mehr? Zum Tod von Peter Scholl-Latour

Wiki Commons Bernd Andres
Mit Peter Scholl-Latour ist der letzte Welterklärer gestorben, so titelten zu Beginn dieser Woche allenthalben die deutschen Medien. Wer die Texte der Zeitungen las, hatte mitunter das Gefühl, mit Scholl-Latour sinke zugleich der ganze deutsche Qualitätsjournalismus ins Grab. Doch welche Tugenden und Fähigkeiten hatte Scholl-Latour, die den deutschen Journalisten unserer Tage so gravierend fehlen?

Zunächst ist es der Ehrgeiz, der Scholl-Latour ausgemacht hat, ein großer Wille, sich durchzusetzen. Bei allen Gaben, die ihm in den Schoss gefallen sind, hat er sich nie mit dem einfachsten Weg zufrieden gegeben. Er hat oft schwierige Missionen ergriffen, wo er es hätte einfach haben können. Das hing aber nicht nur dem seinem Willen zusammen, sondern mit einer weiteren Tugend: Seiner Abenteuerlust und seinem Mut. Wer französischer Fallschirmspringer und Vietnam-Korrspondent wird, beweist neben großem Ehrgeiz auch ebensogroßen Mut.

Deutsche Journalisten sind keine Angsthasen

Doch das erklärt das Phänomen Scholl-Latour noch nicht. Denn man kann nicht sagen, deutsche Journalisten arbeiteten nur aus dem Archiv und würden feige um Konfliktherde herumschleichen. Zwar ist es mitunter absurd, wenn ein Auslandskorrespondent, der in Kairo sitzt, danach gefragt wird, wie es im Nordirak aussieht. Doch noch immer wagen sich Journalisten ins Kampfgebiet. Erst im letzten Jahr wurde einer in Syrien verletzt und diese Woche war ein Artikel eines Journalisten in der Zeitung, der sich mit einem IS-Kämpfer in der Nähe des Kampfgebietes getroffen hat. Keiner wird solchen Leuten Mut absprechen oder den Ehrgeiz, für eine gute Geschichte etwas zu riskieren.

Schaffenskraft und Leidenschaft

Das verweist uns auf eine weitere wesentliche Eigenschaft: Schaffenskraft und Leidenschaft. Die allermeisten Menschen müssen einem Job nachgehen, um sich ihre Brötchen zu verdienen, die meisten wollen darin aufsteigen und die überwiegende Mehrheit nimmt es dafür auf sich, etwas zu tun, was sie eigentlich nicht wollen, wenigstens teilweise. Doch Scholl-Latour hat den größten Teil seines Lebens genau das gemacht, was er wollte und daraus entsprang eine gewaltige Arbeitswut. Während die meisten Leute mit 65 in Rente gehen und sich danach maximal noch einmal ehrenamtlich engagieren, klotzte Scholl-Latour im Rentenalter

Bücher wie am Fließband raus.

Doch auch hier ist er nicht allein in den deutschen Medienanstalten. Kaum ein Journalist hat im eigentlichen Sinne geregelte Arbeitszeiten und schiebt mitunter laufend Sonderschichten. Und vom verstorbenen Leiter des FAZ-Feuilletons geht die gut nachgewiesene Behauptung um, er sei oft des Nachtens noch im Büro aufgetaucht, weil er einen Einfall gehabt habe.

Ein unabhängiger Geist

Die Eigenschaften, die man an Peter Scholl-Latour schätzte, haben also auch viele andere Journalisten. Trotdem galt er als Ausnahmeerscheinung. Denken wir an Scholl-Latour, dann können wir an ihn in vielen Publikationsorganen denken. Im Politikersender ZDF im Talksessel ebenso wie in der Jungen Freiheit, einer ausgewählt konservativen Zeitung. Allen hatte er etwas zu sagen, überall konnte er sich bewegen. Das zeugte von einem außerordentlich unabhängigen Geist.

Für die Medien oder für die Leser schreiben

Hierin kann das Geheimnis Scholl-Latours liegen. Denn geistige Unabhängigkeit ist in Deutschland für Journalisten schon lange nicht mehr gefragt. Mögen sich manche Medien noch als institutionell unabhängig bezeichnen können, geistig sind sie und ihre Mitarbeiter es schon lange nicht mehr. Die meisten Mitglieder der schreibenden und filmenden Zunft stehen Links. Aber auch die Restlichen fühlen sich überwiegend in der einen oder anderen Weise eine Partei oder einer politischen Richtung zugehörig. Und der kleine Rest, auf den das nicht zutrifft, muss sich unter dem Erwerbsdruck der Blatt- und Senderlinie anpassen, wenn er weiterbeschäftigt und mit den Kollegen auskommen will.

Das konnte man von Scholl-Latour nicht sagen. Wenn er sprach oder schrieb, dann tat er es nie für jemand anderen als für den Zuschauer oder Leser. Diese Ehrlichkeit und geistige Unabhängigkeit, verbunden mit seiner Erfahrung, seinem Weitblick und seinem Mut waren es, die ihn als Journalist ausgemacht hatten.
Die Bedingungen haben sich verändert

Allerdings ist das Phänomen Scholl-Latour nicht nur aus ihm selbst heraus erklärbar. Er hatte das Glück, in einer Zeit Journalist zu sein, der für die deutschen Medien außerordentlich günstig waren und lange Zeit in Strukturen zu arbeiten, die es ihm ermöglichten, sein Profil so zu formen, dass er in seinen letzten drei Lebensjahrzehnten als freischaffender Autor und Filmer bis zu einem gewissen Grad ohne sie auskam. Er selbst gab zu, eine Karriere wie die seine sei heute kaum mehr möglich, zusehr hätten sich die Bedingungen für deutschen Journalismus verändert.

Talent kann man nicht selber schaffen

Außerdem lebte Scholl-Latour auch von Fähigkeiten, die er selber nicht schaffen konnte. Denn wenngleich man zahlreiche Tugenden, wie er sie hatte, zu großen Teilen entwickeln kann, seine großes Talent kann man nicht selber generieren. Zwar kann man es teilweise ausbilden und fördern, doch wer aus dem Stand als Anfänger auf der Titelseitedes des LeMond gedruckt wird, hat schon aus sich selbst großes journalistisches Talent. Hinzu kam seine Gestalt, die überaus fernsehtauglich war. Alles in allem sind Scholl-Latour zahlreiche Gaben und Bedingungen mitgegeben worden, die es ihm seine beeindruckende Karriere ermöglicht haben.
Prägende Gestalten sind weiterhin gefragt.

Unabhängigkeit lohnt sich

So kann es auch nicht das Ziel deutscher Journalisten sein, ein neuer Scholl-Latour zu werden. Diese Zeiten sind vorbei. Doch es gibt nach wie vor alte und gerade durch die Revolution der Medien immer mehr neue journalistische Modelle, die darauf warten, von prägenden Gestalten ausgefüllt zu werden. Gerade in einer Zeit zunehmender Komplexität sehnen sich die Menschen nach Charakterköpfen, die Orientierung geben können. Mit den Tugenden und Eigenschaften Scholl-Latours, besonders seiner geistigen Unabhänigkeit, können solche prägenden Journalisten weiterhin Wirkung entfalten. Wer traut sich, es zu versuchen?

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