Mittwoch, 13. August 2014

Diadochus von Photike und ein radikaler Ansatz der Wohltätigkeit

66) Gott wird von uns Rechenschaft verlangen über unsere Wohltätigkeit, und zwar sicherlich gemessen an dem, was wir haben, nicht an dem, was wir nicht haben. Wenn ich also, was ich über lange Zeit hin geben könnte, aus Gottesfurcht in kurzer Zeit verausgabe aufgrund des heilbringenden feurigen Befehls — wo rüber kann man mir, der ich doch nichts (mehr) besitze, noch einen Vorwurf machen?

Doch wird nun jemand sagen: "Woher sollen also jene Armen jetzt noch Wohltaten empfangen, die sich allmählich daran gewöhnt haben, von unserem Vermögen maßvoll versorgt zu werden?" — Ein solcher soll lernen, nicht aufgrund seiner eigenen Geldgier Gott Vorwürfe zu machen. Gott werden nämlich nicht die Mittel fehlen, seine Geschöpfe zu versorgen wie von Anfang an. Denn auch ehe dieser oder jener zur Wohltätigkeit angeregt wurde, litten die Armen keine Entbehrung an Speise oder Kleidung.

Es ist also gut, sofort nachdem man (die Notwendigkeit dazu) erkannt hat, im edlen Dienst (an den Mitmenschen) den törichten Dünkel und Ruhm fortzuwerfen, welche Ausfluß des Reichtums sind, indem man seine eigenen Begierden haßt, was soviel bedeutet, wie seine eigene Seele zu hassen. So sollen wir, indem wir uns über die Austeilung unseres Vermögens nicht mehr freuen (können), unsere Seele zutiefst verachten, da wir ja nichts Gutes mehr wirken.

Solange wir nämlich unter Umständen noch ein reiches Vermögen besitzen, freuen wir uns — wenn das Wirken des Guten wirklich uns zuzurechnen ist — sehr über seine Verteilung, da wir froh dem göttlichen Befehl Folge leisten. Haben wir aber alles ausgeschöpft, befallen uns unendliche Traurigkeit und Verdemütigung, weil wir ja nichts mehr tun, was der Gerechtigkeit entspräche. Daher wendet sich nunmehr die Seele in tiefer Demut sich selbst zu, um sich durch ihr anstrengendes Gebet, ihre Geduld und ihre demütige Gesinnung das zu verschaffen, was sie sich Tag für Tag durch ihreWohltätigkeit nicht (mehr) erwerben kann. "Arme und Bedürftige", so heißt es ja, "werden deinen Namen preisen, Herr!“

Und auch die Gnadengabe, von Gott zu sprechen, wird niemandem von Gott bereitet, wenn er sich nicht selbst bereitet, auf all seinen Besitz um des Ruhmes des Evangeliums Gottes willen zu verzichten, damit er mit seiner gottliebenden Armut die frohe Botschaft vom Reichtum des Reiches Gottes verkünde. Wer nämlich gesagt hat: "Du hast, Gott, in deiner Güte dem Armen (Wohltaten) bereitet", und hinzufügte: "Der Herr wird geben das Wort mit großer Kraft den Kündern der frohen Botschaft“, gibt dies deutlich zu verstehen.

Diadochos von Photike: 100 Kapitel über die Askese, in: Philokalie, Bd. 1

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