Montag, 18. August 2014

Diadochus: Über die Mittel des geistlichen Lebens

68) Im Gebet ist unser Geist meistens nicht sehr ausdauernd wegen der großen Enge und Umfriedung der Tugend des Gebetes. Doch dem Sprechen über Gott gibt er sich freudig hin aufgrund der Weite und Ungebundenheit der göttlichen Erkenntnisse. Damit wir unserem Geist also nicht den Weg freigeben, viel zu reden oder sich gar über das Maß hinaus zu beflügeln, wollen wir der Freude und dem Gebet das meiste (an Aufmerksamkeit) gewähren; wir wollen uns dem Psalmensingen und dem Lesen der Schriften widmen und dabei auch die Erkenntnisse der gelehrten Männer nicht unbeachtet lassen, deren Glauben man durch ihreWorte erkennt.

Wenn wir so handeln, vermeiden wir es nämlich, daß sich eigene Worte mit den Worten der Gnade vermischen, und wir werden unserem Geist auch nicht gestatten, sich von der eitlen Ehrsucht herabziehen zu lassen, nachdem er durch seine große Freude und seine Geschwätzigkeit zerstreut wurde. Doch werden wir ihn zur Zeit der Betrachtung auch von jeglicher Vorstellung frei bewahren und ihm für beinahe alle seine daraus fließenden Einsichten die Tränengabe erwirken. Wird er nämlich in den Augenblicken der stillen Ruhe erquickt und von der Süßigkeit des Gebetes mit außerordentlicher Wonne erfüllt, dann wird er nicht nur frei von den oben genannten Vorwürfen, sondern er erneuert sich sogar noch mehr, um rasch und ohne Mühe auf die göttlichen Erkenntnisse zu stoßen, wobei er unter großer Demut auch zur Schau der Unterscheidung vordringt.

Außerdem muß man wissen, daß es ein Gebet gibt, welches über jede Weite erhaben ist. Doch besitzen es nur jene, die in jeglicher Empfindung und Fülle voll sind der heiligen Gnade.

Diadochos von Photike: 100 Kapitel über die Askese, in: Philokalie, Bd. 1

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