Montag, 25. August 2014

Diadochus: Hass und Zorn sind die größten Übel für die Seele

71) Es sind gewiß viele Leidenschaften, welche der Seele, die von Gott spricht, anfangs zusetzen, wie uns das Wort der Erkenntnis selbst es lehrt; mehr als alle aber sind es der Zorn und der Haß. Dies erleidet die Seele nicht so sehr durch die Dämonen, welche dies wirken, als vielmehr durch ihren eigenen Fortschritt. So lange die Seele nämlich von der Gesinnung der Welt vereinnahmt wird, mag sie beobachten, wie die Gerechtigkeit noch so von manchen mit Füßen getreten wird, sie bleibt regungslos und frei von Verwirrung. Denn da sie sich um ihre eigenen Begierden kümmert, blickt sie nicht auf die Gerechtigkeit Gottes. Beginnt sie aber, sich aufgrund der Verachtung der gegenwärtigen Dinge und infolge ihrer Liebe zu Gott über ihre Leidenschaften zu erheben, so erträgt sie es nicht, wenn sie sieht, wie die Gerechtigkeit bei ihr selbst oder bei einem anderen mißachtet wird. Vielmehr grollt sie den Bösewichten und wird aufgebracht, bis sie sieht, daß sich die Frevler an der Gerechtigkeit mit frommer Gesinnung bei ihrer Würde entschuldigen. Darum also haßt sie die Ungerechten und liebt die Gerechten dagegen über alles. Denn das Auge der Seele wird gänzlich frei von der Gefahr, sich mit fortreißen zu lassen, wenn sie ihren Vorhang, nämlich den Leib, durch die Enthaltsamkeit äußerst dünn webt. Doch viel besser, als die Ungerechten zu hassen, ist es, wenn wir ihre Empfindungslosigkeit beweinen. Denn wenn jene auch des Hasses wert sind, so will es das Wort dennoch nicht, daß die Gott liebende Seele von Haß belästigt wird. Denn findet sich Haß in der Seele, wirkt die Erkenntnis nicht.

Diadochos von Photike: 100 Kapitel über die Askese, in: Philokalie, Bd. 1

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