Mittwoch, 6. August 2014

Diadochus: Gerechtigkeitsempfinden wird zum Beginn von Ungerechtigkeit

63) Wer Anteil an heiliger Erkenntnis erhalten und die Süßigkeit Gottes gekostet hat, darf weder jemals richten noch überhaupt rechtlich gegen andere vorgehen, selbst wenn ihm jemand wegnimmt, was er am Leibe trägt.

Denn die Gerechtigkeit der Herrscher dieser Welt ist der Gerechtigkeit Gottes in jedem Fall unterlegen, ja vielmehr ist sie ein Nichts im Vergleich mit dem Gerechtigkeitsempfinden Gottes. Welcher Unterschied bestünde nämlich zwischen den Kindern Gottes und den Menschen dieser Welt, wenn sich nicht das Gerechtigkeitsempfinden dieser als unvollkommen gegenüber der Gerechtigkeit jener zeigte? Daher spricht man beim einen von menschlichem Gerechtigkeitsempfinden und beim anderen von göttlicher Gerechtigkeit. So hat denn auch unser Herr seinerseits nicht geschmäht, als er geschmäht, wurde, und nicht gedroht, da er litt. Vielmehr hat er den Raub seiner Kleider schweigend ertragen und für unsere Rettung gelitten. Und was am größten ist: er hat für jene zum Vater gebetet, die ihm Böses zufügten.

Doch die Menschen der Welt hören nicht auf, vor Gericht zu gehen, es sei denn, sie erhalten die umstrittenen Dinge zuweilen mit einer Zugabe zurück. Denn zumeist heimsen sie für die Schuld Zinsen ein, so daß ihnen ihr Gerechtigkeitsempfinden oft zum Anfang großer Ungerechtigkeit wird.

Diadochos von Photike: 100 Kapitel über die Askese, in: Philokalie, Bd. 1

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