Mittwoch, 30. Juli 2014

Die Seele, von Missmut bedrückt ...

61) Wird die Seele von Zorn verwirrt, vom Rausch getrübt oder von schwerem Mißmut bedrückt, dann vermag der Geist nicht — und wenn er sich noch so sehr dazu zwingt — des Gedenkens Gottes mächtig zu werden. Da er nämlich von der gewaltigen Wirkung der Leidenschaften ganz verdunkelt ist, wird er seines ihm eigenen Empfindens ganz und gar fremd. Gerade deshalb findet sein Verlangen keine Stelle, wo es sein Siegel aufdrücken soll, damit der Geist das Bild seiner übenden Betrachtung unvergeßlich (bei sich) trage; wird doch das Gedächtnis des Denkens rauh aufgrund der Roheit der Leidenschaften.

Ist aber der Geist von ihnen frei, dann stößt er, auch wenn er kurze Zeit durch das Vergessen des Ersehnten unbemerkt beraubt wurde, sogleich wieder glühend auf jene seine heißersehnte und heilbringende Beute, indem er sich seiner ihm eigenen Gewandtheit bedient. Er hat ja dann die Gnade selbst bei sich, die mit der Seele zusammen das "Herr Jesus Christus" einübt und ausruft, genauso wie eine Mutter ihrem Kind das Wort "Vater" lehrt und es wieder (und wieder) mit ihm einübt, bis sie es dazu fähig macht, selbst im Schlaf deutlich den Vater zu nennen anstelle eines jeden anderen Geplappers, das einem Kleinkind ansteht. Darum spricht der Apostel: "So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; doch der Geist selbst tritt mit unaussprechlichen Seufzern für uns ein." Da wir ja wie Kinder sind im Vergleich zur Vollkommenheit der Tugend, bedürfen wir durchaus seiner Hilfe. Dadurch sollen wir aus all unserem Gemüt zum Gedenken und zur Liebe unseres Gottes und Vaters bewegt werden, indem all unsere Gedanken von der unaussprechlichen Süßigkeit des Geistes ergriffen und schmackhaft gemacht werden. Darum rufen wir in ihm, wie wiederum der Gotteskünder Paulus sagt: "Abba, Vater!“ , wenn wir von ihm dazu angeleitet werden, Gott unaufhörlich Vater zu nennen.

Diadochos von Photike: 100 Kapitel über die Askese, in: Philokalie, Bd. 1

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