Donnerstag, 31. Juli 2014

Diadochus über die Nützlichkeit des Zornes

62) Der Zorn beunruhigt und verwirrt die Seele gewöhnlich mehr als die anderen Leidenschaften; zuweilen aber bringt er ihr nicht geringen Nutzen.

Wenn wir uns nämlich seiner, ohne dabei verwirrt zu werden, gegen die Gottlosen oder wie auch immer gearteten Frevler bedienen, damit sie gerettet oder beschämt werden, dann verschaffen wir unserer Seele einen Zuwachs an Sanftmut. Denn wir stimmen ohne Zweifel mit der Absicht der Gerechtigkeit und Güte Gottes überein. Aber auch das weibische an unserer Seele machen wir oft männlich, indem wir tief gegen die Sünde in Zorn geraten. Daß wir aber auch, falls wir direkt gegen den Geist der Verderbnis ergrimmen, wenn wir uns in großem Unmut befinden, mehr bei Besinnung sind als die Prahlerei des Todes, daran darf man nicht zweifeln. Um uns dies zu lehren, ergrimmte der Herr zweimal im Geist gegen die Unterwelt und wurde erschüttert — wo er doch mit unerschütterlichem Willen alles tut, was er will —, und gab so die Seele des Lazarus dem Leib zurück.

Darum scheint es mir, daß der besonnene Zorn von unserem Schöpfergott unserer Natur eher als Waffe der Gerechtigkeit verliehen worden ist. Wenn ihn Eva zum Beispiel gegen die Schlange eingesetzt hätte, wäre sie nicht dem Einfluß jener leidenschaftlichen Lust verfallen. Und so dünkt es mir, daß, wer sich des Zornes um des Strebens nach Frömmigkeit willen besonnen bedient, auf der Waage der Vergeltung jedenfalls bewährter erfunden werden wird als jener, der sich aus Schwerfälligkeit seines Geistes überhaupt nie zum Zorn erregt (hat). Der eine nämlich besitzt offensichtlich einen ungeübten Wagenlenker des menschlichen Innenlebens. Der andere jedoch stürzt sich auf den Pferden der Tugend in den Kampf und stürmt mitten unter den dämonischen Schlachtreihen dahin, da er das Viergespann der Enthaltsamkeit stets in der Furcht Gottes einübt.

Letzteres finden wir in der Schrift bei der Aufnahme des göttlichen Elias mit der Bezeichnung "Wagen Israels“. Die ersten Juden hat ja Gott offenbar auf verschiedene Weise über die vier Tugenden unterrichtet. Gerade deshalb wurde auch jener so große und bedeutende Zögling der Weisheit überhaupt auf einem Wagen von Feuer (in den Himmel) aufgenommen. Es hat ja, wie mir scheint, dieser besonnene Mann seine Tugenden wie Pferde gebraucht, als ihn der Geist mit einem Hauch von Feuer mit fortraffte.

Diadochos von Photike: 100 Kapitel über die Askese, aus: Philokalie, Bd. 1

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