Mittwoch, 16. Juli 2014

Diadochus: Hänge nicht mit Leidenschaft an den Dingen der Welt

56) Daß das Auge und der Geschmack und die übrigen Sinne das Gedenken des Herzens zerstreuen, wenn wir sie über das Maß hinaus gebrauchen, diese Erkenntnis vermittelt uns als erste Eva. Solange sie nämlich nicht mit Vergnügen auf den Baum des Verbotes blickte, blieb sie sorgsam der göttlichen Anordnung eingedenk. Darum wurde sie auch von den Flügeln der göttlichen Liebe noch gleichsam bedeckt und wußte deshalb nichts von ihrer Nacktheit. Als sie aber den Baum mit Vergnügen betrachtet, mit großem Verlangen berührt und schließlich von seiner Frucht mit gewisser maßen tätiger Lust gekostet hatte, da wurde sie mit einem Mal zur leiblichen Verschlingung gebracht, da sie nackt mit der Leidenschaft in Berührung gekommen war, und gab für den Genuß der gegenwärtigen Dinge ihre ganze Begierde hin, indem sie sie aufgrund der anscheinenden Köstlichkeit der Frucht mit ihrem eigenen Fall und jenem Adams vereinte. Daher vermag sich der menschliche Geist nunmehr (nur noch) mit Mühe Gottes oder seiner Gebote zu erinnern.
Wir also wollen unseren Blick im unaufhörlichen Gedenken Gottes niemals von der Tiefe unseres Herzens abwenden und wie Blinde in diesem trügerischen Leben wandeln. Es ist ja der wahrhaft geistlichen Philosophie eigen, das Streben der (leiblichen) Augen immerfort ungeflügelt zu bewahren. Dies lehrt uns auch der hocherfahrene Job, wenn er sagt: "Wenn mein Herz meinemAuge folgte, ... Dieser Grundsatz ist wirklich ein Kennzeichen höchster Enthaltsamkeit.

Diadochos von Photike: 100 Kapitel über die Askese, aus: Philokalie, Bd. 1

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