Dienstag, 15. Juli 2014

Diadochus: Für das Notwendige dankbar sein, aber nicht mehr verlangen

55) Die Seele wird wohl nicht danach verlangen, sich aus dem Leib zu entfernen, wenn ihr ihre Ausrichtung auf diesen (irdischen) Dunst nicht inhaltlos wird. Alle sinnlichen Empfindungen des Leibes stehen ja im Widerspruch zum Glauben. Erstere nämlich richten sich allein auf die gegenwärtigen Dinge, doch der Glaube verheißt die Pracht der zukünftigen Güter.
Es ziemt sich also für den Kämpfer, daß er sich niemals Gedanken macht über so manche dichte und schattige Bäume, über schön-sprudelnde Quellen, über bunte und blumenreiche Auen, über stattliche Häuser oder auch über Umgang mit Verwandten. Auch soll er sich nicht, falls es zutrifft, an seinen pompfhaften Lebensstil erinnern. Vielmehr soll er das Notwendige dankbar gebrauchen, doch das Leben als einen fremden Weg betrachten, der jedes fleischlichen Zustandes abhold ist. Denn nur wenn wir unser Denken auf diese Weise eingeengt haben, werden wir es gänzlich auf die Fährte des ewigen Weges bringen.

Diadochos von Photike: 100 Kapitel über die Askese, aus: Philokalie, Bd. 1

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