Montag, 21. Juli 2014

Caritas und Mission

Foto: Wikimedia Commons
Die Geschichte des Christentums ist eine Geschichte der Mission. Über 1000 Jahre hat das Christentum gebraucht, um sich in Europa durchzusetzen. Wesentlich für den Prozess der Christianisierung war die christliche Caritas, und sie kann auch wieder wesentlich für den Neuevangelisierungsprozess werden.

Diesen Ansatz vertrat Prof. Dr. Christoph Stiegemann, Leiter der hochgelobte CREDO-Ausstellung in Paderborn, im Rahmen eines Vortrages in der katholischen Pfarrei St. Marien in Seligenstadt. Denn es sei die Caritas, also die Nächstenliebe, gewesen, die das Christentum von den anderen Religionen in Europa unterschieden habe. Denn die Kulturen und Religionen, auf die das Christentum gestoßen sei, hätten die Sorge für den Nächsten nur in einem sehr engen Rahmen gekannt. Der habe sich oft auf die eigene Familie oder maximal auf die eigene Stadt- oder Stammesgemeinschaft beschränkt. Eine alle gesellschaftlichen und ethnischen Grenzen überwindende Form der Sorge für den Nächsten, die caritas proximi, sei diesen Kulturen unbekannt gewesen.

Die Caritas hat in der Antike einen starken Eindruck gemacht

So machte die Caritas der Christen in der Antike großen Eindruck auf die pagane Lebenswelt. Das Beispiel der Christen, die ohne eigenen Nutzen und über die sozialen und familiären Grenzen hinweg den Dienst an den Ärmsten leisteten, beeindruckte und war bei vielen Übertritten ein wichtiges Argument. Beispielhaft kann hier die Lebensbeschreibung von Pachominus gelten, dem Vater der gemeinschaftlich lebenden Mönche. Er wurde als junger Mann mit vielen anderen zum Militärdienst zwangsverpflichtet. Als sich einige Christen in Theben um die jungen Männer kümmerten, deren Verpflegungssituation schauerlich war, kam er in Berührung mit dem Christentum. Vom Beispiel der Christen tief berührt, konvertierte er schließlich.

Im Mittelalter war die Caritas für die Missionsarbeit weniger von Bedeutung

Spätestens nach der Entwicklung des Christentums zur römischen Staatsreligion und seiner Ausbreitung in die germanisch-paganen Räume änderte sich die Rolle der Caritas. Für die Mission bis zur Taufe hatte sie nur noch eine untergeordnete Rolle. In der Regel ging es strukturell zumeist um eine Elitenmission, die dann von oben nach unten bis ins letzte Dorf durchgeführt wurde. In diesem Kontext waren andere Aspekte, wie die Verheißung des Himmels und praktische Vorteile des Christentums, die gute Kirchenorganisation und die Kulturleistungen von größerer Bedeutung.

Die Caritas spielte bei der Verchristlichung der Gesellschaft eine Rolle

Ihre Relevanz konnte die Caritas während der mittelalterlichen Ausbreitung des Christentums vor allem während der Verchristlichung der Gesellschaft entfalten und gerade für die Schwachen an Attraktivität gewinnen. So war die Ehevorstellung der Kirche, die auf Gleichstellung der Ehepartner in der Spendung des Sakraments und auf bleibende gegenseitige Treue setzte, ein enormer Fortschritt für die Frauen. Auch der Schutz der Kinder lag der Kirche am Herzen. Wie sie heute einen Kampf für den Schutz des ungeborenen Lebens führt, so stritt sie damals um das frisch geborene Leben. Denn in germanischen Raum war die Tötung von gerade geborenen Kindern durch die Eltern anerkannt, galten die Kinder doch als Besitz der Gemeinschaft. Auch für die Sklaven und Unfreien setzte sich die Kirche ein. Sie stellte ihren Status zwar nicht grundsätzlich in Frage, suchte deren Los aber nachdrücklich zu bessern. Hinzu kamen die Sorge für die Reisenden, die in kirchlichen Einrichtungen oft unentgeltliche Aufnahme fanden und die Armenfürsorge, die in den paganen Systemen Europas kaum vorhanden war. Galt dort Armut als Schicksal, das der Arme zu tragen hatte, sah die Kirche zu allen Zeiten in der Armut eine Aufforderung Jesu, diese zu lindern.

Caritatives Ordensleben blüht im 19. Jahrhundert auf

Dieser Effekt der Caritas bei der Vertiefung des Christentums und der Vitalisierung des Glaubens zeigt sich immer wieder in der Geschichte des christianisierten Europas und darüber hinaus. So lag im 19. Jahrhundert in weiten Teilen des Kontinents das Ordensleben nach der Säkularisation danieder. Doch gerade in dieser Zeit kam es zu einer beeindruckenden Blüte der Orden und es wurden zahlreiche Orden gegründet, soviele wie nie zuvor in der Geschichte des Christentums. Der Schwerpunkt lag dabei auf caritativ tätigen Orden, gerade Frauengemeinschaften, die sich der erlebten Nöte der leidenden Menschen annahmen, die ohne jede staatliche Hilfe auskommen mussten. Aus diesen Bewegungen erwuchs dem Christentum eine beeindruckende Überzeugungskraft, die noch heute viele soziale Einrichtungen der Kirche trägt.

Die Suche nach dem Verzweifelten ist ein missionarischer Impuls

So ist die Caritas auch heute wieder eines der stärksten Argumente der Kirche. Doch in einer Zeit, da ein umfangreiches Sozialsystem das Land überzieht und die Kirche caritative Infrastruktur längst einbetoniert hat, bedarf es neuer Aufbrüche, um einen Impuls in die Gesellschaft zu geben. Ein solcher Impuls zeichnet sich nicht dadurch aus, das Caritas nur dort geübt wird, wo sie ohnehin schon in ist. Sondern indem man an die Ränder geht, um dort den Verzweifelten zu suchen, dem die Hilfe bisher fehlt. Papst Franziskus fordert die Katholiken immer wieder dazu auf, sich hier auf die Suche zu machen. Diese Suche nach dem Verlassenen ist ein karitativer und ein missionarischer Impuls, der die Missionare zu allen Zeiten bewegt hat. Authentisches, überzeugendes Christentum bedeutet, ihnen hierin nachzufolgen.

Veranstaltungstipp: Mai bis September 2015 widmet sich das Diözesanmuseum Paderborn dem Thema Caritas mit der Ausstellung  "Glaube, Liebe, Hoffnung - Christliche Caritas von der Spätantike bis zur Gegenwart".

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