Mittwoch, 2. April 2014

Die Unterscheidung der Traumgesichte

37) Jene Traumgesichte, die der Seele in der Liebe Gottes erscheinen, sind gewissermaßen untrügliche Zeugen einer gesunden Seele. Eben darum verändern sie sich weder von einer Gestalt zu einer anderen, noch ängstigen sie das Empfinden, noch lachen sie auf einmal oder werden finster, sondern sie nähern sich der Seele mit aller Schicklichkeit und erfüllen sie dabei mit geistlicher Wonne. Daher sucht die Seele auch nach dem Erwachen des Leibes mit großer Sehnsucht nach der Freude des Traumes.

Mit den Vorspiegelungen der Dämonen jedoch verhält es sich durchweg entgegengesetzt. Sie bleiben nämlich weder in derselben Gestalt, noch stellen sie längere Zeit ein Äußeres zur Schau, welches unverändert bleibt. Was sie nämlich aufgrund ihrer Gesinnung nicht besitzen (können), sondern nur ihrer Täuschung leihweise entnehmen, kann ihnen nicht allzu weit reichen. Doch führen sie auch große Reden und drohen nicht wenig an, wobei sie sich oft als Soldaten verkleiden. Manchmal aber singen sie auch unter Geschrei auf die Seele ein. Wenn sie der Geist daher erkennt, so er rein ist, weckt er den Leib während dieser Vorstellungen aus dem Schlaf. Manchmal aber freut er sich auch, da er ihre List zu durchschauen vermochte. Gerade deshalb versetzt er sie in heftigen Zorn, weil er sie oft noch selbst im Traum überführt.

Jedoch ist es manchmal der Fall, daß auch die guten Träume der Seele keine Freude bringen, sondern ihr angenehme Traurigkeit und schmerzlose Tränen einflößen. Dies aber geschieht (nur) bei denen, die (bereits) zu einer tiefen Demut vorwärtsgeschritten sind.

Diadochos von Photike: Hundert Kapitel über die Askese, in: Philokalie, Band 1.

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