Freitag, 28. Februar 2014

Wenigen Menschen ist es gegeben, alle ihre Verfehlungen zu erkennen

27) Ganz wenigen Menschen ist es gegeben, alle ihre Verfehlungen genau zu erkennen. Es ist dies bei jenen der Fall, deren Geist sich niemals vom Gedenken Gottes losreißen läßt.
Sind nämlich unsere leiblichen Augen gesund, vermögen sie alles zu sehen, sogar bis hin zu den Mücken oder Schnaken, die durch die Luft fliegen. Wenn sie aber von Schmutz oder Flüssigkeit bedeckt werden und ihnen etwas Großes begegnet, sehen sie es undeutlich. Die kleinen Dinge aber nehmen sie mit dem Gesichtssinn (dann sowieso) nicht wahr.
So verhält es sich auch mit der Seele. Wenn sie die Blindheit, welche ihr durch ihre Liebe zur Welt zuteil wird, durch die Aufmerksamkeit schwächt, dann hält sie auch ihre sehr kleinen Vergehen für überaus groß und vergießt unter großer Dankbarkeit unaufhörlich Tränen über Tränen. "Die Gerechten", heißt es ja, "werden deinen Namen preisen.i Wenn sie aber in der Verfassung der Welt verharrt und etwas Grausames oder etwas getan haben sollte, was schwere Strafe verdient, nimmt sie es nur schwach wahr" Von ihren anderen Vergehen aber kann sie sich an keines erinnern, sondern hält sie oft sogar für gute Taten. Darum schämt sich die elende Seele auch nicht, derentwegen leidenschaftlich große Worte zu machen.

Diadochos von Photike: 100 Kapitel über die Askese

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