Donnerstag, 6. Februar 2014

Geschichte und Theologie

Einen sehr interessanten Artikel über das Historische in der theologischen Argumentation habe ich bei kath.net gelesen. Nach einer längeren Einleitung zum Thema Freistilringen in der Theologie konkretisiert der Autor seine These am Beispiel des Geschichtlichen. Einen Teil des Artikels wird hier wiedergegeben:

Der Grundfehler ist dabei nicht der Gebrauch von Geschichtsargumenten an sich, sondern ein Mangel an Unterscheidung in der Anwendung der Argumente. Denn oft wird das Faktum, daß etwas einmal existiert oder nie existiert hat, als solches schon als Argument, wenn nicht Beweis dafür verwendet, daß eine Sache sein kann, darf oder muß (bzw. das jeweilige Gegenteil). Man sucht in der Geschichte, um die eigene Position zu erhärten, ohne sozusagen „im Hintergrund“ einige notwendige Unterscheidungen getroffen zu haben.

Es ist gut, richtig und wichtig auch die Geschichte in die theologische Debatte einzuführen, aber dies muß in der rechten Weise geschehen um wirksam zu sein. Manche Argumente aus der Geschichte sind verbindlich – aber nicht alle. Doch darf dies nicht nach Belieben entschieden werden, sondern muß bestimmten Regeln folgen. Damit sei nicht ausgesagt, daß die Geschichte eine niedrige Rolle spielen würde, ganz im Gegenteil. Die Offenbarung Gottes ist selbst Geschichtliches Geschehen. Sie ist nicht eine rein geistige Theorie, sondern hat ihre konkrete historische Manifestation im Weltenlauf. Dies gilt für die alttestamentarischen Offenbarungsmomente, aber in nochmals verdichtete Weise für jene des Neuen Testamentes: Gott selbst ist schließlich in der Natur eines wahren Menschen in die Weltgeschichte eingetreten.

Es ist ein großer Fehler unserer Zeit, der sich auch in der Theologie immer weiter auszubreiten scheint, Profangeschichte und Heils- bzw. Kirchengeschichte voneinander zu trennen. Viel mehr ist die Weltgeschichte und die Kirchengeschichte dieselbe eine Geschichte, da die Welt auf die Kirche hin geschaffen wurde. Die Weltgeschichte hängt im Grunde mit all ihren Aspekten mit der Heilsgeschichte zusammen, wenngleich einzelne Aspekte unterschiedlich zu werten sind. Aber Zeit (Historie) und Ort (Geographie) sind jene Koordinaten, in welchen sich Offenbarung ereignet: sie ist „physisch“, nicht rein geistig. Schon aus diesem Grund ist die Geschichte ein bevorzugter Ort, um gültige theologische Argumente zu finden, ohne jedoch blind alles, was einmal geschehen ist oder was schon einmal da war historistisch als Maßstab für das Heute zu nehmen. Denn eines dürfen wir niemals vergessen: auch die Erbschuld ist Teil der Weltgeschichte und hat ihre direkten und indirekten Spuren hinterlassen, da der Mensch in seiner Erkenntnis der Dinge behindert ist.

Eine erste wichtige Differenzierung, welche zu treffen ist wenn wir ein Geschichtsargument einführen möchten, ist jene zwischen „Tradition“ und „Traditionen“, wobei man zugute halten muß, daß die sprachliche Nähe der beiden Begriffe sich sehr ungünstig auf die denkerische Unterscheidung auswirkt. Zwischen beiden besteht nämlich ein großer Unterschied. Während die „Tradition“ im Grunde keine historische, sondern eine dogmatische Größe ist, welche sich in einer ganz besonderen Weise in geschichtlichen Fakten manifestiert, sind die Traditionen von geringerem Gewicht, insofern sie zwar kulturelle Manifestationen des Glaubens darstellen und daraus ihren großen Wert schöpfen, aber im Gegensatz zur „Tradition“ im theologischen Sinne sich nicht auf apostolische Autorität berufen können.

Die Tradition hat ihren Ursprung in der Weisung Christi selbst. Sie ist letztlich nichts anderes als die getreue Weitergabe und Überlieferung dessen, was Gott der Welt in Christus geoffenbart hat. Diese erste Weitergabe der Offenbarung geschah durch die Apostel durch mündliches Wort und aktive Tat. Die Schriftwerdung der Offenbarung ist erst ein relativ später Vorgang und selbst in der apostolischen Überlieferung gegründet. Tradition und Schrift haben dieselbe Quelle. Diese Weitergabe des Geoffenbarten, gründend in Christus, geschah in einem ersten Moment durch die Apostel und wurde dann, auf diese Autorität gegründet, durch die Jahrhunderte hindurch aufrecht erhalten und weitergegeben.

Tradition ist also Offenbarung und hat als solche verständlicher Weise einen anderen – höheren - Stellenwert als die „Traditionen“. Diese sind ein bereits rezipierter Ausdruck der Offenbarung und haben, im Gegensatz zur „Tradition“, eine kulturelle Prägung, welche mehr oder weniger ausgeprägt sein kann. In vielen Traditionen ist die Kultur die Trägerin der Tradition. Um es an einem Beispiel zu veranschaulichen: wenn man sagt, die Kirche kann nur Wein aus Trauben und keine anderen Flüssigkeiten zum Blut Christi wandeln, so ist dies eine feststehende und endgültige Glaubenswahrheit, welche aus der Tradition resultiert. Daß wir die eucharistischen Gestalten hingegen auch außerhalb der Messe aufbewahren hat seinen Sinn, seine theologische Begründung und eine gewisse Notwendigkeit, ist aber nicht „der Tradition“ der Kirche zuzuordnen, sondern deren „Traditionen“, d.h. deren frommen Gebräuchen, die sich aus dem Glaubensleben herausgeformt haben und Glaubenswahrheiten in sich tragen. Man bewahrt sie auf wegen der Realpräsenz, aber nicht weil es selbst auf göttliche Anweisung zurückgehen würde.

Die Tradition der Kirche ist als Offenbarung Gottes, die sich in historischen Fakten konkretisiert und unverrückbar sind, während die Traditionen ebenso historische Fakten sind, die aber nicht selbst Offenbarung sind, sondern sich auf Grund des geoffenbarten Glaubens herausgeformt haben, und deshalb nicht denselben Grad an Verbindlichkeit aufweisen. Daran sehen wir bereits ein erstes Mal, daß das historische Faktum als solches nicht ausreichendes Motiv sein kann, weshalb etwas so und nicht anders sein muß (oder nicht sein darf), sondern daß es einer genaueren Differenzierung bedarf.

Das bedeutet aber nicht, daß sie frei und nach Belieben änderbar wären. Denn auch Traditionen können eine innere Notwendigkeit aufweisen, die sich auf Grund ihres Zusammenhanges mit den Glaubenswahrheiten ergibt. Das zu ergründen ist eine der Aufgaben der Theologie. Nicht alles was den frommen Traditionen zuzurechnen ist, ist rein zeitbedingt, und nicht alles was zeitbedingt ist steht auch der Änderung frei zur Verfügung. Wo Änderungen vollzogen werden, auch wenn es sich um Kleinigkeiten handelt, so müssen sie stets durch ein deutlich höheres Gut, welches man durch die Änderung erlangt, gerechtfertigt sein. Es braucht auch in jenen Dingen, welche sich prinzipiell so oder anders entwickeln konnten als sie es taten, eine prinzipielle Kontinuität, die das Ganze der Kirchen- und Glaubensstruktur stützt.

Denn wenn die Kirche nicht auch in ihren äußeren und vielleicht nebensächlichen Bereichen doch im Grunde durch die Jahrhunderte erkennbar bleibt, dann wird man auch daran gehen das Unveränderbare verändern zu wollen, wenn man mit dem Wandelbaren erst einmal fertig ist, außerdem wird ein allzu großzügiges Ändern auch die Glaubwürdigkeit des Unwandelbaren in Leidenschaft ziehen. Es ist zu befürchten, daß die derzeitige Glaubenskrise zwar sicher nicht zur Gänze, aber doch zu einem Teil auf die generelle Änderungswut der Zeit seit dem letzten Konzil zuzuschreiben ist.

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