Freitag, 7. Februar 2014

Geschichte und Theologie II

Fortsetzung von hier. Ganzer Artikel bei kath.net hier.

Einen weiteren Gedanken, an welchen wir uns wieder mehr gewöhnen müssen ist derjenige, daß sich die Geschichte nicht linear zum Besseren entwickelt und nicht jede faktische Entwicklung automatisch auch schon ein Fortschritt ist. Nicht jede Änderung ist eine Verbesserung, und nicht jede Änderung war eine Verschlechterung oder „Überwucherung des Ursprünglichen“, die es wieder zurückzustutzen gilt.

Beides ist in der Entwicklung der Dinge präsent: so geht mitunter etwas verloren, was man hätte erhalten sollen und was man dann wiederherstellen muß – auch gegen Widerstand, wenn nötig, weil man sich an den neuen Zustand, der nicht unbedingt der bessere oder wahrhaftigere ist, gewöhnt hat. Umgekehrt gibt es aber auch die Entwicklung zum Besseren, weil die Erkenntnis einer Sache gereift ist.

Oft wird eine einzige Epoche sozusagen glorifiziert, der man alles nachzubilden sucht – besonders die Urkirche. All das Große und Gute, was die Kirche danach noch vertieft und bereichert hat, wird als unkrautige Überwucherung der Jahrhunderte angesehen von denen manche meinen, es wegroden zu müssen. Dieser Historizismus ist nicht hinzunehmen, denn das Maß einer solchen Bewertung ist nicht, ob eine Sache dem Wesen des Glaubens bzw. der Wahrheit entsprechend ist oder nicht, sondern das Maß einer solchen Haltung ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Epoche. Dies ist aber niemals ein gültiges Unterscheidungsmerkmal, welche Epoche es auch immer sein mag, die man „kanonisieren“ möchte.

Nicht alles Urkirchliche ist gut und ausreichend ausgereift, umgekehrt haben wir viele rechte Gedanken, Praktiken und Sensibilitäten jener Zeit verloren. Manches war übertrieben, anderes noch nicht genügend vorhanden. Das Mittelalter hat nicht alles Ursprüngliche überlagert, es hat im Gegenteil viel Wertvolles beigesteuert und wir haben vieles davon wieder verloren, sowohl was Frömmigkeitsformen, als auch theologisches Bewußtsein anbelangt. Werte die verlorengegangen sind müssen wiederbelebt werden.

Dasselbe gilt für den Beginn der Neuzeit: nicht alles war gut, nicht alles schlecht – genauso wie nicht alles, was vor dem Zweiten Vatikanum automatisch gut war, weil es eben vorher war, und nicht alles, was danach kam, war schlecht – was genauso auch umgekehrt gilt. Wenn wir Geschichtsargumente in die theologische Debatte einführen, so sind dies sehr wertvolle Diskussionsbeiträge, jedoch nur unter der einen Bedingung, daß sie nicht allein für sich stehen bleiben, sondern zugleich noch einer theologischen Qualifizierung unterzogen werden. Die Feststellung allein, daß man es zu einer bestimmten Zeit so oder anders hielt, ist gut und wertvoll solange es nicht das Ende des Argumentes ist, sondern dessen Ausgangspunkt. Ansonsten bleibt es im Letzten doch ein wertloser Beitrag für die Debatte, denn die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Epoche, oder aber die Tatsache, daß es einmal so war, kann niemals das Rechtsein einer Sache beweisen oder rechtfertigen.

Blicken wir in die Geschichte, so liegt der Wert darin, daß wir in den historischen Fakten etwas vom Denken vergangener Zeiten erkennen. Wir sehen, wie unsere Glaubensahnen die Offenbarung erkannt und in praktisches Christentun umgesetzt haben. Das kann gelungen oder mißlungen sein. Doch genau diese Wertung muß sich zur Feststellung einer historischen Tatsache noch hinzugesellen, zumindest im Hintergrund. Es muß nicht immer bis ins Detail sprachlich ausgeführt werden, sehr wohl aber immer gedanklich vollzogen.

Wir müssen jedes Geschichtsargument danach befragen, ob es absolut oder wenigstens relativ richtig war und können unter Umständen zu dem Urteil kommen, daß ein früherer Zustand nicht erneut erstrebenswert ist, daß er vielleicht zwar einmal bestanden hat, aber dann zurecht wieder verschwunden ist, oder aber daß er einmal bestanden hat, aber dann verdrängt wurde und wieder zu erstreben ist. Man muß immer der Sache nach beurteilen, gemäß dem inneren Rechtsein und der Übereinstimmung mit den fundamentalen Wahrheiten der Tradition und der Schrift, ohne dabei in einen naiven Historismus zu verfallen.

Das gilt für sämtliche Epochen, doch besonders aktuell wird es bei der (ewigen) Debatte um Kirchenreformen. Angesichts des massiven Glaubensverfalls müssen wir die Frage zulassen, ob denn wirklich alle Neuerungen, die seit dem letzten Konzil umgesetzt wurden, glücklich waren, oder ob man nicht das eine oder andere restaurieren, d.h. wiederherstellen müßte, weil es gut war und man es verworfen hat. Nicht alles „Vorkonziliare“ war schlecht und überholt, ebenso wie nicht alles Barocke schlecht war, sondern Wertvolles in sich trug, das uns heute fehlt.

Zugleich stellt sich aber auch ernste Frage an die Vergangenheit, ob hinter einer begrüßenswerten regen Glaubenspraxis der vorkonziliaren Zeit nicht auch ein Mangel steckte, der diese praktisch über Nacht implodieren ließ: der Mangel um die rechte Begründung der Glaubenssätze, die oft gekannt wurden, aber selten ausreichend begründet werden konnten. Erst so läßt sich der plötzliche Glaubensverlust erklären.

Die theologische Debatte darf sich in ihrer Bewertung von den Dingen um die sie handelt nicht weiterhin undifferenziert an Epochen klammern, sondern muß von der Historie ausgehen, um zu einem theologischen Qualitätsurteil zu kommen. Nur so werden wir vom Ideologen-Image wegkommen und ein würdiges, ernsthaftes Theologen-Image erlangen, das auch im Kanon der akademischen Wissenschaften wieder sein anerkanntes Recht erhält.

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