Samstag, 8. Februar 2014

Furcht ist den Gerechten zu eigen

16) Niemand vermag Gott mit ganzem Herzen zu lieben, wenn er ihn nicht vorher im Empfinden seines Herzens gefürchtet hat. Indem nämlich die Seele durch die Wirksamkeit der Furcht gereinigt und gleichsam geschmeidig gemacht wird, gelangt sie zur wirksamen Liebe. Doch gelangt wohl niemand auf die erwähnte Weise zur Furcht Gottes, wenn er nicht von allen Sorgen des irdischen Lebens frei wird. Denn wenn der Geist in tiefe Ruhe und Sorglosigkeit versetzt wird, dann ist für ihn die Furcht Gottes tätig, indem sie ihn unter tiefer Erfahrung von jeglicher erdverhafteten Plumpheit reinigt, um ihn so zu einer großen Liebe zur Güte Gottes zu führen.

Darum ist die Furcht den Gerechten eigen, die noch gereinigt werden, und mit einem mittleren Maß an Liebe verbunden. Die vollkommene Liebe jedoch kommt den bereits Gereinigten zu, in denen sich keine Furcht findet. Denn "die vollkommene Liebe", heißt es, "vertreibt die Furcht." Beides ist allein Gerechten zugedacht, welche durch das Wirken des Heiligen Geistes die Tugenden verwirklichen. Darum sagt die Schrift einerseits: "Fürchtet den Herrn, all seine Heiligen!", und andererseits: "Liebt den Herrn, all seine Frommen!" Dadurch sollen wir klar erkennen, daß die Furcht Gottes Sache jener Gerechten ist, die noch gereinigt werden — wie gesagt, verbunden mit einem mittleren Maß an Liebe; daß aber die vollkommene Liebe den (bereits) gereinigten (Gerechten) zukommt. In ihnen findet sich überhaupt kein Gedanke an Furcht mehr, sondern unaufhörliche Glut und, durch das Wirken des Heiligen Geistes, Verbindung der Seele mit Gott, wie gesagt wird: "Meine Seele schmiegt sich an dich, mich umfängt deine Rechte."

Diadochos von Photike: 100 Kapitel über die Askese

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