Montag, 30. Dezember 2013

Psychologie der Beichte

Aus der Reihe Psychotherapie und Beichte ist der Vortrag von Raphael Bonelli. Bonelli ist Psychotherapeut und behandelt das Thema aus psychologischer Sicht, wobei er viele interessante Einblicke in die psychologische Praxis und die Einstellung der Gesellschaft gibt und zugleich die psychologischen Wirkungen der Beichte ausleuchtet.


Video hier.

Raphael Bonelli spricht über die Psychologie der Beichte. Damit greift er zwei Themen auf, nämlich Beichte und Psychotherapie, die oft gemeinsam genannt werden. Doch weist Bonelli schon zu Beginn auf einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden Formen hin, der heute jedoch oft verwischt wird: Das Seelenheil ist nicht die Befindlichkeit. Es geht in der Beichte nicht darum, sich besser zu fühlen, das ist nur ein Nebenaspekt. Entsprechend sind Psychotherapeuten und Beichtväter nicht das gleiche.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Beichte und Psychotherapie

Nach dieser Grundsätzlichen Unterscheidung widmet sich Bobelli den Ähnlichkeiten zwischen den beiden. 
Er sieht im Wesentlichen fünf Gemeinsamkeiten: Ritualisiertes Gespräch. Subjektiver Leidensdruck. Asymetrische Beziehung. die Person Experte wird inhaltlich aus dem Gespräch ausgeklammert. Und klarer Auftrag. 

Dann geht er nochmal im Detail auf die Unterschiede zwischen Psychotherapie und Beichte ein.
Beichte ist aufgrund der transzendentalen Ausrichtung dreidimensional, Psychotherapie zweidimensional, kennt also nur inter- und intrapersonale Kommunikation. Unterscheidung zwischen Taten und Symptomen. Unterschiede zwischen Experten: zum Psychotherapeuten geht man, weil er etwas kann, zum Priester, weil er etwas ist. Auch die Aufgabe des Experten unterscheiden sich: Der Priester sollte immer da sein, der Psychotherapeut soll so schnell wie möglich nicht mehr nötig sein. In der Beichte geht es um Objektivität, in der Psychotherapie um Subjektivität. Zum Psychotherapeuten geht man, weil man dem Experten vertraut, zur Beichte, weil man der Kirche vertraut. Sittlichkeit ist in der Beichte relevant, in der Psychotherapie irrelevant. In der Beichte muss nur die bewussten Sünden beichten, in der Psychotherapie ist das Unbewusste hingegen das Hauptthema. Beichte ist was für Gesunde, zum, Psychologen sollten nur die Kranken gehen. Psychotherapie beschäftigt sich nicht mit Schuld, die Beichte hingegen intensiv

Das Wichtigste ist das Gefühl

Nachdem er diesen breiten Kontext hergestellt hat, kehrt Bonelli zu seinem Ausgangspunkt zurück. Seiner Meinung nach gibt es heute eine Tendenz,  psychotherapeutischen Elemente auf die Beichte anzuwenden, und zwar sowohl von Beichtenden als auch vom Beichthörenden. Zentrales Element der Psychotherapie ist das Gefühl. Auch in der Beichte werden die Gefühle zunehmend überschätzt. Gefühle sind lediglich die Begleitmusik unseres Lebens, nicht die Hauptsache, werden aber gerne dafür gehalten.

Für manchen Psychotherapeuten ist auch nicht richtig frei, sondern determiniert, sodass alles erklärt werden kann. Außerdem tendieren in diesem Geist wir dazu, ein hohes Selbstbewusstsein zu haben, unabhängig von der Realität, weil wir uns eben toll fühlen. Und toll ist man dann, wenn man keine Fehler hat.
Aber wozu sollte man beichten, wenn man eigentlich keine Schuld und keine Fehler hat?

Erkenne deine Fehler

Denn die Beichte ist ein Instrument, in dem man sagt: "Ich habe gesündigt!" ohne herum- und ausreden. Psychologisch gesehen ist das aber nicht irgendwie grausam, sondern im Gegenteil gut für die Selbstreflexion. Denn durch das Bekennend der eigenen Schuld wird der Weg frei, um auch andere Fehler, die man noch nicht erkannt hat, zu erkennen und damit Selbsterkenntnis zu wagen. Dieses Wagnis kann man aber nur dann eingehen, wenn es am Ende die Lösung durch die Absolution gibt. Hinge alles von einem selbst und der eigenen Meinung ab, wäre eine solche Selbsterkenntnis katastrophal. Denn die meisten Menschen nehmen kaum 30% der eigenen Defekte war, viele sogar noch weniger. Diese Unterscheidung zwischen einem Selbstbewusstsein, das ganz vom eigenen Ich abhängt und einem, das von Gott abhängt, fasst Bonelli in den Satz (paraphrasiert): Der Atheist muss das Zentrum der Welt oder der Größte sein, um sich gut zu fühlen, der Christ kann sich als Kind Gottes wissen.

Drei psychologische Stufen der Beichte

Bonelli spricht psychologisch von drei Stufen: Besinnen, Bereuen, Bekehrung.
Das typische Beispiel ist der Verlorene Sohn. Aus psychodynamischer Sicht passiert folgendes: Der Sohn hat einen Hype, indem er sich durch sein Erbe in Reichtum und Verschwendung ergeht. Dann folgt der Absturz, der notwendig ist, um sich die Problematik der eigenen Lage bewusst zu machen. Dann bereut er und beschließt, demütig zu seinem Vater zurückzukehren und seine Schuld einzugestehen. Das ist psychosomatisch die Heilung. Und der Vater kommt ihm entgegen und schenkt ihm wirkliche Verzeihung.

Und das unterscheidet das christliche Gottesbild von einem psychotherapeutischen Gott. Der erklärt alles weg und nimmt den Menschen nicht für voll und frei. Der barmherziger Gott schenkt und Freiheit und verzeiht uns wirklich, was wir getan haben uns heilt uns, indem er uns wieder aufnimmt und sich darüber freut. S.G. Jung sagte entsprechend gegenüber katholischen Patienten: Gehen sie beichten und kommen sie zurück, wenn sie es dann noch brauchen.

Beichte führt zu einem gesunden Selbstvertrauen

Der Mensch braucht, um sich selbst zu entdecken und auch seine Defekte, klare sittliche Normen, an denen er sich orientieren kann. Das Wesen der Sünde als kurzfristige Befriedigung wird aufgedeckt, das eigene Leben wird nicht mehr als schicksalhaft erlebt, eine rationale Beurteilung und Steuerung ist möglich. Das führt zu einem gesunden Selbstbewusstsein im Bewusstsein der Gotteskindschaft und Dankbarkeit gegen einen Gott, der verzeiht.

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