Donnerstag, 19. Dezember 2013

Blume: Säkularisierung und religiöse Vielfalt

Vor Kurzem habe ich diesen sehr interessanten Vortrag auf Youtube zum Thema Säkularisierung gesehen. Für alle meine Leser, die nicht die Zeit haben, sich das ganze Video oder nur den Vortrag von ca. einer Stunde anzuhören, habe ich unten eine kurze Zusammenfassung geschrieben.


Keine lineare Säkularisierung

Blume stellt die Modernisierungsthese einer linaren Säkularisierung in Frage. Denn schon im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden die christlichen Kirchen von zahlreichen, vor allem gebildeten Teilen der Bevölkerung tot gesagt. Wenn man z.B. an den Monistenbund denkt oder verschiedene religiöse freikirchliche Bewegungen in den USA.

Säkularisierung ein Wohlstandsphänomen

Säkularisierung ist zudem kein universelles Phänomen, sondern vor allem dort anzutreffen, wo Wohlstand und Sicherheit über einen längeren Zeitraum vorliegen. Ein aktuelles Beispiel hierfür sind die von schweren Erdbeben betroffenen Regionen Neuseelands, in denen der Gottesdienst-Besuch angestiegen ist, während er in anderen Gebieten stabil blieb. Doch ist dieser Trend nicht absolut. Die Mormonen z.B. sind überdurchschnittlich wohlhabend und gebildet, dabei aber stabil sehr religiös. Es scheint also Gruppen zu geben, die nicht von dem beobachtbaren Trend betroffen sind.

Nicht alle Bereiche des Religiösen sind betroffen

Auch betrifft Säkularisierung nicht alle religiösen Bereiche. Der Glaube an Engel etwa ist seit 1997 gestiegen. Besonders weit verbreitet ist der Glaube an Schutzengel. Das betrifft auch die Frage nach einem Leben nach dem Tod. Der Anteil der jungen Menschen zwischen 18-29, die daran in welcher Form auch immer glauben liegt bei 26 %, bei den 30-39 Jährigen sind es nur 19 %. Auch bei den großen Religionen sind die Lage weniger dramatisch aus, als allgemein angenommen. In Deutschland bleibend stellt er fest, dass hier die Zahl der Muslime wächst, während die der christlichen Kirchen zurückgeht. Der evangelischen Kirche aber schneller als der Katholischen. Das aber vor allem deswegen, weil die katholische Kirche, ebenso wie die Muslime, von Zuwanderung profitieren kann. Zudem haben diese überwiegend religiösen Einwandererfamilien überdurchschnittlich viele Kinder, was ihre Präsenz auf Dauer verstärken wird.

Demographische Entwicklung spricht gegen globale Säkularisierung

Damit wendet sich Blume dem Hauptthema seines Vortrages zu, nämlich der Verbindung von Säkularisierung und Demographie. Weltweit steigt nämlich der Anteil der Menschen in säkularisierten Gesellschaften nicht, sondern geht zurück, wie ein Vergleich mit 1970 zeigt. Gleichzeitig steigt die Zahl der Menschen mit hoher Religiosität. Das hängt damit zusammen, das in Europa, als dem am stärksten säkularisierte Kontinent, die Bevölkerung zurückgeht. Das Bevölkerungswachstum der Menschheit tritt vor  in religiösen Gesellschaften auf.

Zunächst scheint es eine Binsenweisheit, das Menschen außerhalb des Westens mehr Kinder bekommen. Doch auffälligerweise haben religiöse Menschen überall mehr Kinder im Verhältnis zum Gesellschaftsdurchschnitt als eher Säkularisierte. So steigt statistisch gesehen die Zahl der Kinder mit der Häufigkeit des Gottesdienstbesuches an. Dazu passen Erhebungen von Allensbach: Junge Menschen, die religiös sind, sind weniger auf Spaß fixiert als andere und vertreten eher Werte wie Familienbildung, Caritas und Verantwortung für den Nächsten. Damit ist ein erster Grundstein geleckt für Familienbildung. Denn kinderreiche, demographisch erfolgreiche Glaubensgemeinschaften fordern nicht nur Familien, sie fördern sie auch, etwa durch Kinderbetreuung, Schule etc. Außerdem führen religiöse Gemeinschaften Menschen zusammen, fördern intensive Kooperation und schaffen damit einen Rahmen, indem Leben gedeihen kann. Diese Gemeinschaften können es sich dann sogar leisten, einzelne Mitglieder von der Fortpflanzung freizustellen, damit sie die Gemeinschaft in anderer Weise unterstützen können, z.B. die Familien im Bildungsystem. 

Säkulare Gesellschaften können eine ausreichende Geburtenrate nicht halten

Ein Beispiel für demographische Verbreitung sind die Amishe, die sich alle 15 bis 20 Jahre durch eine sehr hohe Geburtenrate etwa verdoppeln. Dadurch wird auch der Abzug von einzelnen mehr als ausgeglichen. Interessanterweise geht die Zahl derer, die sich abwenden, sogar zurück. Ähnlich sieht es bei den ultraorthodoxen Juden aus, deren Bevölkerungsanteil in Jerusalem zunimmt, während die säkularisierten Juden weniger werden. Das korrespondiert mit einer anderen, historischen Beobachtung. Soweit feststellbar hat es bis heute keine nicht-religiöse Population gegeben, die es geschafft hätte, zwei Kinder pro Frau als erhaltendes Minimum über 100 Jahre aufrecht zu erhalten. Wenn Religiosität stark abnimmt, scheint daher die Geburtenrate einzubrechen. Religion stirbt also nicht aus. Im Gegenteil neigen säkulare Gesellschaften zum Aussterben.

Multireligiöse Gesellschaft

Doch wie kann man das das Phänomen beschreiben, das wir im Westen beobachten können. Es handelt sich weniger um eine Säkularisierung als Abnahme von Religiosität, sondern eher von einer multipolaren religiösen Landschaft. Religionsmonopole durch eine dominierende Religion oder Konfession brechen dabei zusammen zusammenbrechen und machen einer Vielfältigkeit an religiösen Angeboten Platz. Diese Vielfältigkeit führt bei aller Kooperation und Betonung von Gemeinsamkeiten auch zu einer Konkurrenzsituation. Erfahrungsmäßig wird in einer solchen Situation jene Religion demographisch am erfolgreichsten sein, die die besten Bedingungen für Familienbildung bieten kann und missionarisch jene, die ausreichend junge Mitglieder hat. Mission und Demographie hängen also eng zusammen.

Fazit: Die klassische Säkularisierungsthese hat sich überlebt

Blume fasst dann seine Überlegungen in einigen Kernthesen zusammen: 1. Säkularisierung findet weiter statt, besonders dort, wo es Menschen lange Zeit gut geht, führt aber ein eine demographische Sackgasse. 2. Religionen schaffen Gemeinschaft und Werte. 3. Frieden entsteht nicht von allein: Begegnung, Dialog und Zusammenarbeit müssen gewollt und eingeübt werden. 4. In der multireligiösen Gesellschaft sind Akzeptanz statt Toleranz (Duldung) gefragt: Interessierte Religionsfreiheit. 5. Die klassische Säkularisierungserzählung hat sich überlebt. Religiöse Vielfalt wird zur Zukunft jeder freiheitlichen Gesellschaft gehören.

Kommentare :

  1. Vielen Dank für das Teilen des Vortrages und die sehr präzise Zusammenfassung! So macht es Freude, Religionswissenschaft auch im Netz anzubieten. Ein gesegnetes 2014! :-)

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    1. Ich freue mich, die wichtigsten Punkte ihres Vortrages getroffen zu haben und wünsche ebenfalls ein gesegnetes Jahr 2014.

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