Dienstag, 26. November 2013

Wen kümmert noch Wahrhaftigkeit? Zum Fall Bischof Tebartz-van Elst

Bischof Tebartz-van Elst hat gelogen. Das ist jetzt amtlich, er hat es dem Gericht gegenüber zugegeben. Doch warum regt man sich darüber mehr auf als bei anderen?

Darf ein Bischof lügen? Die Frage ist eigentlich falsch gestellt: Darf ein Christ lügen? müsste es eigentlich heißen. Denn der Bischof ist ja nicht besser oder heiliger, nur weil er eine Weihe hat. Der grundsätzliche Anspruch an den Bischof ist genauso hoch wie an jeden anderen Christen auch. Und da gilt: Nein, man darf nicht lügen. Doch der praktische Anspruch an einen Bischof ist noch einmal ein anderer. Das hängt damit zusammen, dass die Moderne uns verschiedene Rollen aufzwingt, die wir in verschiedenen Situationen darzustellen haben. In der Kirche bin ich konkret Christ, an der Uni erstmal Student und ich habe in dieser Funktion gewissen Grundsätzen zu genügen. Das Christsein ist in dem Moment praktisch nachgeordnet. Ein Bischof hingegen ist ein Berufschrist und damit in der sowohl beneidenswerten wie schwierigen Situation, dass sein Christsein immer und überall im Vordergrund steht.

Es gibt kaum noch universal anerkannte Tugenden

Unzweifelhaft gibt es verschieden Vorstellungen, die allgemein als gut angesehen werden. Wenn ich z.B. einem Menschen helfe, der in Not geraten ist, wird das immer ein als gutes Verhalten bewertet. Allerdings sind Verhaltensweisen, die grundsätzlich und immer zum positiven Kanon gehören, in unserer Gesellschaft selten geworden. So wird von einem Soldaten erwartet, das er einen Gegner zur Strecke bringt, wenn er ihn mutwillig laufen lässt, kann das zu Problemen führen. Und wenn ein Banker uns immer die ganze Wahrheit über die Anlagen erzählen würde, die er uns verkaufen will, machen ihm wahrscheinlich seine Vorgesetzten Stress, weil die Erlöse sinken.

Verschiedene Rollen sind mit verschiedenen Erwartungen verbunden

Entsprechend sind Redlichkeit und Ehrlichkeit zwar allgemein hochgehaltene, aber seltener eingehaltene Tugenden. Von einem Politiker erwarte ich gar nicht, das er die Wahrheit sagt, schon gar nicht, wenn er etwas verspricht. Auch ein Journalist kann sich fröhlich eins in die Tasche lügen, z.B. die Geschichte mit der Limburger Badewanne, ohne das man sich groß wundert. In der Wissenschaft sieht es anders aus. Da man hier viel mit geistigem Eigentum agiert, wird erwartet, das man das der anderen respektiert. Und wenn ich zuhause meine Freundin anlüge, dann wird es kritisch. Da kriege ich wenigstens von der eins auf den Deckel. Denn hier wird Ehrlichkeit von der Rolle "Freund" erwartet. So auch von einem Bischof. Von ihm erwarten wir in der Rolle "Bischof/Christ", das er seine Worte und Taten an der hohen Latte der christlichen Moral mist.

Als Bischof lügen

Das hat Bischof Franz-Peter nicht getan. Zweimal. Beim ersten mal war er vermutlich überfahren und hat sich versucht rauszureden, dabei ist ihm die Lüge rausgerutscht. Beim zweiten mal hingegen hat er versucht, seine erste Lüge zu vertuschen und das mit Absicht und Anlauf. Da wird es dann ziemlich kritisch. Und es ist nebenbei ein gutes Beispiel für das christliche Mea-culpa, denn kaum einer hätte die erste Lüge dem Bischof wirklich übel genommen. Ist ja nur der Spiegel. Beim zweiten mal dagegen endet der deutschen Toleranz. Das Gericht belügt man nicht in der Rolle als Antragsteller, schon gar nicht mit der Co-Rolle Bischof/Christ.

heisst, seiner Rolle als Bischof nicht gerecht werden

Durch die Eidesstattliche Erklärung ist Bischof Franz-Peter an dem hohen Anspruch seiner Rolle als Bischof nicht gerecht geworden. Das löst die Frage auf, wie oft das noch nicht der Fall war, denn der Mensch neigt zum Misstrauen. Eine solche Haltung dem Repräsentanten einer moralischen Gemeinschaft gegenüber ist dramatisch. Zwar kann man sich zurecht darüber aufregen, dass dem Bischof gegenüber mit zweierlei Maß gemessen wird. Doch ist das Teil des Rollenmusters, das unsere Gesellschaft prägt. Als Bischof muss ich einem höheren Anspruch gerecht werden als ein Politiker. Das muss man nicht gut finden. Doch man muss leider damit umgehen. Besonders wenn man in der Öffentlichkeit steht. Denn ein Bischof wirkt längst nicht mehr in einen geschlossenen katholischen Raum hinein, indem die Grundsätze des Christlichen, also auch Umkehr und Vergebung, wirken würden. Der Katholik ist längst ein moderner Mensch, der seine verschiedenen Rollen zu erfüllen hat und das auch von seinem Bischof erwartet. Daher ist der Glaubwürdigkeitsverlust des Bischofs weniger ein christliches, als vielmehr ein gesellschaftliches Problem. Diese Gesellschaft aber muss der Bischof erreichen, will er seiner Aufgabe gerecht werden. Momentan kann er das nicht mehr. Ob er das wieder können wird, ist eine andere Frage.

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