Montag, 25. November 2013

Musik war integraler Bestandteil der Liturgie. Kardinal Bartolucci im Interview

Bildquelle hier.
New Liturgical Movement veröffentlichte vor kurzem ein Interview mit dem mittlerweile verstorbenen Kardinal Bartolucci vom Juni diesen Jahres. Darin spricht der Kardinal über die Reform der Liturgie in der sakralen Musik.

Kardinal Bartolucci war jahrzehntelang Kapellmeister der Sixtinischen Kapelle (des Chores) und einer der besten Kenner der katholischen Sakralmusik. In seiner Funktion als Leiter der Sixtina hat er auch das Vatikanum II begleitet und war einer der letzten Zeitzeugen, der das Konzil selber und hautnah in Rom miterlebt hat. Zeitlebens galt er als Anhänger der tridentinischen Liturgie und Verfechter der Kirchenmusik, wie sie seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in Rom normgebend war. Das war einer der Gründe, warum er 1997 von seinem Amt entbunden wurde. 2010 wurde er von Papst Benedikt XVI. zum Kardinal kreiert. Der Bericht über sein Interview wird aus Gründen der Lesbarkeit in direkter Rede wiedergeben.

Es ging dem Konzil nicht um eine Veränderung der Liturgie

Nach Bartolucci ging es den Vätern des Vaticanums II nicht darum, die Liturgie zu verändern. Und da man die Liturgie nicht verändern wollte, natürlich auch nicht um die Veränderung der sakralen Musik. Er selbst habe vielmehr viel Zustimmung für seine Arbeit als Kapellmeister von den Vätern erfahren. Auch die oft genannte Participatio actuosa habe nichts mit einem Wandel der Liturgie zu tun. Dieser Begriff meint nämlich nicht, dass möglichst viele Laien möglichst viel an der Liturgie beteiligt werden. Das führt ja nur zu zahlreichen inkompetenten Liturgen. Es gehe vielmehr darum, das Verständnis der Teilnehmenden für das Ereignis zu schärfen und die innere Teilnahme am mystischen Geschehen zu fördern.

Gemeindegesang und Schola ergänzen sich

Bartolucci betont, dass der Paragraph 14 der Liturgiekonstitution besonders für die Seminaristen gedacht war und entsprechend zu verstehen ist. Als angehende Priester, also zukünftige Liturgen, ist ihre Formung auf die Liturgie hin besonders wichtig und muss entsprechend intensiv sein. Der Paragraph 121 ist hingegen anderer Natur. Man darf aber den Gesang der Gemeinde und der Schola nicht gegeneinander ausspielen. In manchen Bereichen und bei manchen Stücken ist es gut und sinnvoll, wenn das Volk singt. Er selbst habe z.B. viele Stücke auf Italienisch geschrieben und freut sich sehr über den Gemeindegesang. In manchen Kontexten aber, z.B. in der päpstlichen Liturgie oder in der Gregorianik ist eine Schola sinnvoller. Daher bedauert er die Geringschätzung, die der Schola cantorum nach dem Konzil entgegengebracht wurde, obwohl die Väter, wie aus den Texten hervorgehe, diese fördern wollten.

Vor dem Konzil war die Musik integraler Bestandteil der Liturgie

Er berichtet auch von der Rolle der Sakralmusik vor dem Konzil. Damals habe die Musik eine große Rolle gespielt und einen wirklichen liturgischen Dienst erfüllt. Eine Unterhaltung für die Gläubigen, eine Art Konzert, sei es nicht gewesen. Eine wirkliche Auswirkung hatten die Beschlüsse des Konzils auf die Sakralmusik nicht. Denn die Ideen hierzu der Väter waren sehr eng an der Tradition. Für die Wandlung der Sakralmusik sei vielmehr die damals eingesetzte Kommission verantwortlich, der es weniger um die Umsetzung des Konzils denn um die Durchsetzung ihrer eigenen Ideen gegangen sei.

Der Wunsch des Konzils wurde in der Sakralmusik missachtet

Während des Konzils habe es auch keinen Druck gegeben, die päpstliche Liturgie zu verändern. Zwar habe es einige ästhetische Maßlosigkeiten gegeben. Doch seien solche Prozesse natürlich, wenn sich Sensibilitäten veränderten. Doch die Banalisierung, die man später erfahren habe, seien von keinem damals gewollt worden.

Denn die Liturgie, die nach dem Konzil entstanden ist, war substantiell neu, was sich auch auf die Sakralmusik auswirkte. Nach Sacrosanctum Concilium ist die Sakralmusik ein notwendiger und integraler Bestandteil der feierlichen Liturgie. Das aber ist heute nicht mehr der Fall. Die großartigen polyphonen Messen sind ebenso wie der Gregorianische Gesang in die Archive verbannt worden. Es sei ihm nicht gelungen, diese großen Werke in der päpstlichen Liturgie zu halten. Nur in einigen Teilen wurde es ihm gewährt, sie in die päpstliche Liturgie einzubringen. Doch auch dort auf neue, selten passende Weise. Am Ende konnte er die Schätze der Sakralmusik nur noch in Form von Konzerten retten.

Die Päpste und ihre Zeremonienmeister hatten kein Gefühl für die Schätze der Sakralmusik

Ein Problem bei den Änderungen in der Sakralmusik war die Einstellung von Papst Paul VI. Denn dieser hatte kein Ohr für Musik. Bartolucci berichtet, er habe einmal eine Palestrina-Messe dirigiert, als Paul VI. noch Kardinal war. Kardinal Montini hat sich zwar für die schöne Vorstellung bedankt, fragte aber, warum Bartolucci nicht etwas pastorale Musik spielen könnte. Mit der Einstellung brach dann das Unglück über die Sakralmusik herein und der Papst hat dann zu spät gemerkt, was dort passiert war. Wesentlich für diese Veränderungen verantwortlich zeichnete Annibale Bugnini, mit dem Bartolucci gar nicht einig war. Denn Bugnini versuchte an seiner verantwortungsvollen Stelle in hohem Maße seine eigenen Ideen durchzusetzen. Am Ende landete Bugnini als Pro-Nuntius im Iran, was die Meinung zeigt, die Paul VI. schließlich von seiner Arbeit hatte. Auch unter seinem Nachfolger Noe wurde es kaum besser. Dieser war zwar moderater, doch auch hier war die Zusammenarbeit problematisch.

Als Chorleiter konnte er sich leider nicht positiv einbringen

Bartolucci ergänzt, das er selber allerdings weniger mit den Konzilsvätern direkt zu tun hatte, wie die übrigen Chorleiter auch. Er schaute jedoch mit Besorgnis auf die Reformer und diese wiederum waren von der Arbeit der Chöre nicht begeistert, machten sie ihnen doch die Arbeiten für ihre Reformvorstellungen nicht einfacher. Soweit Bartolucci an der Reformentwicklung selber beteiligt war, damals waren die wesentlichen Weichen bereits gestellt, tat er es mit einem unguten Gefühl. Was sich dann als zutreffend herausgestellt hat, da seine Eingaben keinen positiven Wiederhall fanden.

Interview in Englisch auf NLM hier.
Im italienischen Original hier.

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