Dienstag, 17. September 2013

Johannes von Damaskus über die Tugenden

Man muß wissen, daß der Mensch zweifach ist, aus einer Seele und einem Leib, und daß er auch zweifache Sinne besitzt und auch deren Tugenden zweifach sind. Fünf sind die Sinne der Seele und fünf die des Leibes. Die Sinne der Seele, welche die Weisen auch Kräfte nennen, sind folgende: der Geist, das Denken, das Urteil, das Vorstellungsvermögen und die Wahrnehmung. Jene des Leibes aber sind: das Auge, der Geruchssinn, das Gehör, der Geschmack und der Tastsinn. Somit sind fürwahr auch ihre Tugenden zweifach und zweifach auch ihre Laster. Daher ist es notwendig, daß jeder Mensch genau weiß, wie viele Tugenden der Seele und wie viele des Leibes es gibt; und wie beschaffen hinwiederum die Leidenschaften der Seele und wie beschaffen jene des Leibes sind.
Natürlich bezeichnen wir in vorzüglicher Weise als seelische Tugenden die vier Kardinaltugenden, nämlich Tapferkeit, Klugheit, Mäßigkeit und Gerechtigkeit. Aus ihnen werden jedoch die Tugenden der Seele geboren: Glaube, Hoffnung, Liebe, Gebet, Demut, Sanftmut, Langmut, Geduld, Güte, Gelassenheit, göttliche Erkenntnis, Frohsinn, Einfachheit, Unerschütterlichkeit, Freiheit von Heuchelei, Freiheit von Dünkel, Freiheit von Hochmut, Freiheit von Neid, Aufrichtigkeit, Freiheit von Geldgier, Mitleid, Wohltätigkeit, Freigebigkeit, Furchtlosigkeit, Freiheit von Traurigkeit, Zerknirschung, Bescheidenheit, fromme Scheu, die Sehnsucht nach den künftigen Gütern, das Streben nach dem Reich Gottes, das Begehren nach der Annahme an Sohnes Statt.
Folgende aber sind die leiblichen Tugenden — oder vielmehr Werkzeuge der Tugenden, falls sie in Erkenntnis und dem Willen Gottes gemäß vollzogen werden ohne jegliche Heuchelei und Menschendienerei; denn sie führen den Menschen zu erhöhter Demut und Leidenschaftslosigkeit. Es sind Enthaltsamkeit, Fasten, Hunger, Durst, Wachen, Stehen die ganze Nacht hindurch, fortwährendes Beugen der Knie, Verzicht auf das Waschen, Tragen eines einzigen Gewandes, Essen trockener Nahrung, spätes Essen, Trinken von Wasser, Schlafen auf dem Boden, Armut, Besitzlosigkeit, Ungepflegtheit, Verzicht auf jeden Putz, Freiheit von Selbstsucht, Einsamkeit, einsame Ruhe, Verzicht auf Ausgang, Bedürftigkeit, Selbstversorgung, Schweigsamkeit, das Nachgehen eigenhändiger Handarbeit, jegliche leibliche Mühsal und Askese und was es sonst noch derartiges gibt. Dies alles ist durchaus notwendig und äußerst nützlich, wenn der Leib kräftig ist und von den Leidenschaften des Leibes belästigt wird. Ist er aber schwach oder mit der Hilfe Gottes Herr über diese (Leidenschaften) geworden, ist es nicht in diesem Maß notwendig. Denn die heilige Demut und Dankbarkeit gleicht alles aus.
Quelle: Philokalie, Bd. 2, S. 327f.

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