Donnerstag, 19. September 2013

Johannes von Damaskus über die Laster

Wir müssen nun auch sprechen über die Laster — d. h. die Leidenschaften — der Seele und des Leibes. Leidenschaften der Seele sind folgende: Vergessen, Leichtfertigkeit und Unwissenheit. Von diesen, nämlich von diesen drei, wird das Auge der Seele, d. h. der Geist, verdunkelt und daher von allen Leidenschaften beherrscht, als da sind: Gottlosigkeit, falsche Ansicht, d. h. jegliche Häresie, Gotteslästerung, Haß, Zorn, Erbitterung, Jähzorn, Menschenhaß, alter Groll, Verleumdung, Verurteilung, widersinnige Traurigkeit, Furcht, Verzagtheit, Streit, Eifersucht, Neid, eitle Ehrsucht, Hochmut, Heuchelei, Lüge, Treulosigkeit, Habsucht, Anhänglichkeit an die Materie, Leidenschaftlichkeit, Hinneigen zu den irdischen Dingen, Unlust, Kleinmut, Undank, Murren, Dünkel, Anmaßung, Hoffart, Prahlerei, Herrschsucht, Menschendienerei, Tücke, Schamlosigkeit, Abgestumpftheit, Schmeichelei, Falschheit, Verstellung, Doppelzüngigkeit, die Zustimmung zur Sünde von seiten des fühlenden Teils (der Seele) und ihre andauernde Erwägung, die Verirrung der Gedanken, Selbstsucht, die Mutter der Übel, und die Wurzel aller Übel, die Geldgier, sowie Arglist und Bosheit.
Leidenschaften des Leibes aber sind Völlerei, Gefräßigkeit, Schwelgerei, Trunkenheit, heimliches Essen, mannigfache Genußsucht, Unzucht, Ehebruch, Ausschweifung, Unreinheit, Blutschande, Schändung von Kindern, Sodomie, böse Begierden und alle widernatürlichen schändlichen Leidenschaften; Dieberei, Tempelraub, Brandschatzung, Mord, jegliche Schlaffheit des Leibes und jedweder Genuß der Wünsche des Fleisches, wenn der Leib allzu gesund ist; Orakel, Zauberei, Vogelschau, Suchen nach Omen, Prunkliebe, Geltungssucht, Trägheit, Ziererei, Schminke fürs Gesicht, der verfluchte Müßiggang, Zerstreuungen, Glücksspiele, der leidenschaftliche Mißbrauch der Freuden der Welt, das Leben, welches den Leib liebt und den Geist träge und dadurch schließlich irdisch und tierisch macht und es niemals zuläßt, daß er sich zu Gott und zur Ausübung der Tugenden erhebt.
Die Wurzeln all dieser Leidenschaften und, wie man sagen könnte, ihre ersten Ursachen, sind Genußsucht, Ehrsucht und Geldgier, von denen jegliches Übel geboren wird. Es verfehlt sich jedoch der Mensch mit keiner Sünde, wenn nicht vorher folgende drei starke Riesen die Oberhand gewonnen haben und zur Herrschaft gelangt sind, wie Markos, der weiseste unter den Asketen, sagt, nämlich Vergessen, Leichtfertigkeit und Unwissenheit. Sie aber werden geboren von der Fleischeslust, der Schlaffheit sowie der Liebe zur Ehre vor den Menschen und zur Ablenkung. Die erste Ursache und gleichsam schlimmste Mutter all dessen aber ist, wie bereits gesagt, die Selbstsucht, d. h. die widervernünftige Liebe und leidenschaftliche Verhaftung dem Leib gegenüber. Zerstreuung aber und Entkräftung des Geistes, wie Geschwätzigkeit und Gelächter, im Verein mit Witzelei und schändlicher Rede bereiten viele Übel und Verziehen.
Quelle: Philokalie, S. 328f.

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