Mittwoch, 25. September 2013

Die drei Teile der Seele und die Tugenden

Dreiteilig also ist die Seele, wie bereits gezeigt, denn ihre Teile sind drei: Verstand, Ungestüm und Begehrlichkeit. Wenn sich im Ungestüm Liebe und Menschenfreundlichkeit finden und in der Begehrlichkeit Reinheit und Besonnenheit, ist der Verstand erleuchtet. Sind aber im Ungestüm Menschenhaß und in der Begehrlichkeit Ausschweifung, ist der Verstand verfinstert. So ist denn der Verstand dann gesund, besonnen und erleuchtet, wenn er seine Leidenschaften unterworfen hat, die Wesenszüge der Geschöpfe Gottes in geistiger Weise schaut und zur seligen und Heiligen Dreiheit emporgeführt wird. Das Ungestüm hingegen wird der Natur gemäß bewegt, wenn es alle Menschen liebt und keinem gegenüber Mißmut oder Groll hegt. Die Begehrlichkeit aber (bewegt sich der Natur gemäß), wenn sie durch Demut, Enthaltsamkeit und Besitzlosigkeit die Leidenschaften ertötet, d. h. die Fleischeslust und das Trachten nach Besitz und vergänglicher Ehre, und sie sich der göttlichen und unvergänglichen Liebe zuwendet. Die Begehrlichkeit regt sich ja auf drei Dinge hin: entweder auf die Fleischeslust oder auf eitle Ehre oder auf Erwerb von Besitz. Und aufgrund dieses widervernünftigen Strebens verachtet sie Gott und seine göttlichen Gebote, vergißt den göttlichen Adel, wird dem Nächsten gegenüber zum wilden Tier, verdunkelt den Verstand und läßt ihn nicht zur Wahrheit aufblicken. Wer eine Gesinnung besitzt, die über diesen Dingen steht, empfängt von da an, wie bereits gesagt, das Himmelreich und lebt ein seliges Leben in der Erwartung der Seligkeit, welche für jene bereitliegt, die Gott lieben. Mögen auch wir ihrer gewürdigt werden durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Amen.
Man muß aber auch folgendes wissen: Man kann nicht zum (Voll-)Maß einer beliebigen Tugend gelangen, wenn man sich nicht unter mühevollem Eifer nach Kräften das ganze Leben lang um ihren Erwerb bemüht hat durch Übung des praktischen religiösen Lebens. Dies betrifft zum Beispiel Almosengeben, Enthaltsamkeit, Gebet, Liebe oder eine beliebige Kardinaltugend. Mit ihnen nämlich trachtet ein jeder teilweise nach der Tugend. So bedient sich jemand eine Zeitlang des Almosengebens; doch da er es selten gebraucht, können wir ihn nicht im eigentlichen Sinne wohltätig nennen — umso mehr, wenn er seine Tat nicht gut und gottgefällig ausführt. Es ist nämlich das Gute nicht auch (schon) gut, wenn es nicht gut geschieht. Vielmehr ist es dann wirklich gut, wenn es nicht durch dies oder jenes seinen Lohn bereits empfangen hat, so vielleicht das Gefallen vor den Menschen infolge eines guten Rufes und allgemeines Ansehen infolge von Habsucht und Ungerechtigkeit. Denn Gott sucht auch nicht, was güt abläuft und gut scheint, sondern die Absicht, um derentwillen es geschieht. Es sagen ja auch die Gott-tragenden Väter, daß, wenn der Geist das Ziel der Frömmigkeit vergißt, das offensichtlicheWerk der Tugend unnütz wird. Was nämlich ohne Unterscheidung und ohne Ziel getan wird, ist nicht nur zu nichts nutze, selbst wenn es gut ist, sondern schadet sogar — wie das Gegenteil selbst bei dem der Fall ist, was schlecht zu sein scheint, aber mit einer frommen Absicht dem Willen Gottes gemäß geschieht, wie bei jenem, der in das Bordell hineinging und die Dirne dem Verderben entriß.
Daraus wird ersichtlich, daß weder wohltätig ist, wer das Almosengeben nur selten ausführt, noch enthaltsam, wer die Enthaltsamkeit in derselben Weise ausübt, sondern jener, der so oft wie möglich und sein ganzes Leben hindurch die Tugend ganzheitlich verfolgt mit untrüglicher Unterscheidung. Größer als alle Tugenden nämlich ist die Unterscheidung; ist sie doch die Königin und die Tugend der Tugenden. So nennen wir denn umgekehrt auch im anderen Fall nicht jenen einen Unzüchtigen oder Trunkenbold oder Lügner, wer einmal in ein jedes dieser Laster ausgeglitten ist, sondern jenen, der gleichsam meistenteils solchen Dingen verfällt und ohne Umkehr (darin) verharrt.

1 Kommentar :

  1. Lieber Makarius,

    sehr schön finde ich Ihre Seite, die Wüste und die Texte der Wüsten- und Altväter. Sehr schön sind auch die orthodoxen Ikonen. Die Wahrheit ist wahrlich im Ursprung und in der hesychastischen Tradition des Christentums zu suchen, in der Erfahrung der göttlichen Gnade des Herrn in der allwährenden und unumstößlichen Wahrheit, die Er Selbst uns offenbart hat in Seiner unendlichen Weisheit. Als orthodoxer Christ ist mir nicht ganz verständlich, wie Sie trotzdem auf dem Katholizismus beharren, obwohl er gegen die Tradition der wahren Kirche mannigfältige Neuerungen und den Hochmut des gefallenen Menschen in die Kirche des Westens eingeführt hat. Wenn der Westen in die Wüste zurückkehrt, dort, wo die "Wüstenvögel" dem Herrn die Gesänge des Herzens widmeten, so werden die Menschen erkennen, dass diese Wahrheit in der Orthodoxie allgegenwärtig ist, wie auch all diese wunderschönen Texte der Altväter, udn auch Altväter der Gegenwart. Trotzdem danke ich Ihnen, weil sie diese Altväter dem Westen präsentieren.

    In der Liebe Christi
    ein Freund

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