Montag, 23. September 2013

Die drei Teile der Seele nach Johannes von Damaskus

Damit wir aber die Leidenschaften noch deutlicher gemäß der Dreiteilung der Seele erkennen, haben wir uns entschlossen, auch folgendes in Kürze hinzuzufügen:
Die Seele läßt sich in drei Bereiche aufteilen, in Verstand, Ungestüm und Begehrlichkeit. Die Sünden des Verstandes sind folgende: Unglaube, Häresie, Unverstand, Gotteslästerung, Undankbarkeit sowie die Zustimmung zur Sünde, welche vom fühlenden Teil (der Seele) ausgeht. Die Heilung und Behandlung dieser Laster aber sind der von Zweifel freie Glaube an Gott und die wahren, unfehlbaren und rechtgläubigen Lehrsätze der Frömmigkeit, das ununterbrochene Nachsinnen über die Aussprüche des Geistes, das reine und unaufhörliche Gebet und die
Dankbarkeit Gott gegenüber. Die Sünden des Ungestüms aber sind folgende: die Herzlosigkeit, der Haß, die Unbarmherzigkeit, der alte Groll, der Neid, der Mord sowie das dauernde Sinnen auf derartige Dinge. Ihre Heilung und Behandlung besteht in der Menschenfreundlichkeit, in der Liebe, in der Sanftmut, in der Bruderliebe, im Mitleid, in der Langmut und in der Güte. Die Sünden der Begehrlichkeit jedoch sind folgende: die Völlerei, die Schlemmerei, die Trunksucht, die Unzucht, der Ehebruch, die Unreinheit, die Ausschweifung, die Habsucht, die Begierde nach eitler Ehre, nach Gold und Reichtum sowie den fleischlichen Lüsten. Ihre Heilung und Behandlung besteht im Fasten, in der Enthaltsamkeit, im Ungemach, in der Besitzlosigkeit, im Verteilen des Besitzes an die Armen, im Streben nach jenen künftigen unvergänglichen Gütern, im Trachten nach dem Reich Gottes und im Verlangen nach der nach der Annahme an Sohnes statt.
So ist es denn nötig, daß wir auch die Erkenntnis der leidenschaftlichen Gedanken verleihen, durch welche jegliche Sünde vollbracht wird. Acht sind alle Gedanken, welche die Schlechtigkeit umfassen: jener der Völlerei, jener der Unzucht, jener der Geldgier, jener des Zornes, jener der Traurigkeit, jener der Unlust, jener der eitlen Ehrsucht und jener des Hochmuts. Ob uns diese acht Gedanken belästigen oder nicht belästigen, das steht nicht in unserer Macht. Ob sie aber in uns verweilen oder nicht verweilen, Leidenschaften erregen oder nicht erregen, das steht in unserer Macht. Eines ist die Einflüsterung und etwas anderes die Verbindung mit ihr; eines das Ringen und etwas anderes die Leidenschaft sowie auch die Zustimmung, welche sich der Ausführung nähert und angleicht. Und eines ist die Tat und etwas anderes die Gefangenschaft. Einflüsterung nun ist die einfachhin vom Feind her geschehende Erinnerung, z. B.: "Tu das oder jenes", wie bei unserem Herrn und Gott: "Sprich, daß diese Steine zu Brot werden. Dies steht, wie gesagt, nicht in unserer Gewalt. Verbindung aber ist die Annahme des vom Feind eingegebenen Gedankens und die gleichsam zusammen mit ihm erfolgende Erwägung und lustvolle Unterhaltung, welche von unserer freien Entscheidung ausgeht. Leidenschaft aber ist die aufgrund der Verbindung erfolgende Gewöhnung an die vom Feind eingegebene Leidenschaft und ihre gleichsam fortwährende Erwägung und Vorstellung. Das Ringen hingegen ist der Widerstand des Gedankens — entweder, um die im Gedanken sich findende Leidenschaft, d. h. den leidenschaftlichen Gedanken, auszutilgen, oder um ihm zuzustimmen. So spricht auch der Apostel: "Das Fleisch nämlich begehrt wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch; sie stehen einander feindlich gegenüber. Gefangenschaft aber ist die gewaltsame und unfreiwillige Fortführung des Herzens, wenn es von subjektiver Einstellung und langer Gewohnheit gewaltsam beherrscht wird. Zustimmung hingegen ist das Herabneigen zu der Leidenschaft des Gedankens. Tat hingegen ist die unmittelbare Ausführung des leidenschaftlichen Gedankens, dem man zugestimmt hat.
Philokalie, Bd. 2, S. 330f.


1 Kommentar :

  1. Ich frage mich nur eines: warum hat Gott uns dann so geschaffen, mit all diesen - offensichtlich ja schlechten - Leidenschaften, die oft so unheimlich stark sind, dass wir gegen sie mit aller Macht kämpfen müssen? Unser Schöpfer hätte es doch in der Hand gehabt, uns mit mehr guten Eigenschaften auszustatten? Warum also? Um uns zu prüfen und uns immer wieder zu zeigen, wie schwach wir doch sind? ist das ein Ausdruck der Liebe Gottes???
    Oder sind meine Fragen anmaßend, unangemessen...?
    Eine, die (leider immer mal wieder) an der Liebe Gottes zweifelt...

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