Montag, 19. August 2013

"Sind wohl die ollen Messen von früher gewohnt" - Ein Pfarreibesuch

Vor einiger Zeit hat unser Redakteur Ignaz die Pfarrei St. Maria in Niedertux besucht. Dort wirkt Reinhold Schmiedt-Müller, nach eigenen Worten einziger kirchlich beauftragter verheirateter katholischer Pfarrer in Deutschland. Pfarrer Schmiedt war lange Jahre normaler, zölibatär-lebender Pfarrer der kleinen Gemeinde. Dann jedoch traf er Elisabeth Müller, Physiotherapeutin, und verliebte sich in die bekennende Buddhistin. Nachdem sie zwei Jahre gemeinsam ohne Trauschein gelebt haben, wollten sie endlich ihre Liebe mit einer Hochzeit besiegeln. Der Ortsbischof reagierte jedoch ablehnend auf die Anfrage des Paares und forderte Pfarrer Schmiedt auf, sich entweder zu trennen oder sein Amt aufzugeben. Auch ein Protest des Pfarrgemeinderates half dem engagierten Seelsorger nichts, der Bischof bestand auf seinem Entschluss. Vor die Wahl gestellt stand Schmiedt zu seiner Lebenspartnerin und schied aus dem Pfarrdienst aus. Dadurch verlor die Pfarrei jedoch nicht nur ihren Hirten, sondern auch ihre Eigenständigkeit, da sie mit der Pfarrei St. Bonifazius in Obertux zusammengelegt wurde. Aus Rache wegen dem solidarischen Verhalten der Pfarrangehörigen ihrem Priester gegenüber, ist sich Pfarrgemeinderatsvorsitzende Gisela Müller sicher. Doch hatte man mit dem neuen Pfarrer Otto Bauer Glück, wie Müller sagt. Der habe nämlich die Qualitäten des Vorgängers erkannt und ihn offiziell als Pastoralreferenten weiterbeschäftigt, praktisch aber die Leitung der Gemeinde Schmiedt, nach seiner Heirat Schmiedt-Müller, übertragen.

Als ich für den Sonntagsgottesdienst um 10:30 in die Kirche komme, bin ich zunächst überrascht. Das von außen barocke Gebäude ist innen vollständig umgestaltet worden. Die Wände sind besch-weiss und es hängen einige abstrakte Gemälde neben Mandalas. Einen Tabernakel sehe ich nicht. Auch gibt es kein normales Gestühl. Hier stehen drei lange Tische in U-Form im Kirchenraum, die mit weißen Tüchern bedeckt sind und an denen Gartenstühle stehen. Hinter mir kommt eine Familie mit zwei Kindern in die Kirche, der Vater trägt einen Picknickkorb. Sie nehmen vier Plätze in Beschlag und die Mutter packt die Mitbringsel aus, inklusive von Tellern, Tassen und Besteck. Neben Äpfeln, Bananen auch Vollkornbrot, Butter und Nutella. Langsam füllt sich der Raum und ich sehe mich um, wirke wohl ziemlich überfordert. Da kommt mir eine ältere Dame zu Hilfe "Kennen sie wohl nicht, wie's bei uns ist" grinst sie "Sind wohl die ollen Messen von früher gewohnt" dann bugsiert sie mich auf den Stuhl neben sich "Essen sie bei uns mit, das passt schon". Ein Angebot, das ich dankbar annehme, während sie mir einen Teller - Plastik - reicht und mit etwas Nudelsalat draufschebbt.

Ein Mädchen, etwa sechs Jahre alt, kommt aus einer Tür - Sakristeitür? - und verteilt kleine Flyer an die Leute. "Das singen wir heute" erklärt mir die resolute alte Dame. Dann tritt ein Paar aus der gleichen Tür, beide tragen eine Albe, er eine Stola dazu, sie einen bunten Schal. Sie begrüßen die Leute, an denen sie vorbeikommen und setzen sich in die Mitte des oberen Tisches. Er ergreift das Wort: "Liebe Gemeinde, ich freue mich alle, euch hier zu unserem gemeinsam Mahl begrüßen zu dürfen. Wir wollen das Eingangslied singen"Allen Menschen wir zuteil Gottes Heil "singen." Zu den Klängen einer Gitarre, die von einem der Mahlteilnehmer gespielt wird, wird das Lied abgesungen. "Wir wollen Gott für die Gaben danken" erklärt nun Frau Müller-Schmiedt - die mit dem Schal - und betet "Lieber Gott, wir danken dir für deine reichen Gaben, die du uns geschenkt hast und bitten dich, auch weiterhin mit uns solidarisch zu sein und uns mit den Gaben der Natur reich zu bedenken." "Guten Appetit" schallt es im Chor zurück und alle beginnen zu essen. Dabei reicht man die mitgebrachten Speisen herum. Als Gast werde ich besonders gedrängt, mir doch etwas zu nehmen und komme so zu zwei Brötchen, einem Apfel, einer Orange, Mandarinen, und einem Käsekuchenstück. Drei Gemeindemitglieder haben sogar Kaffee- und Cappochinomaschinen mitgebracht und schließen sie mittels Verlängerungskabeln an. Man unterhält sich, Kinder laufen durch den Raum, die Stimmung ist familiär ausgelassen. Ich frage die alte Dame: "Hab ich mich vllt. in der Zeit geirrt, ich dachte es wäre hier der Gottesdienst?" "Ist es, ist es" erklärt sie mir.

Kommentare :

  1. Gehört der Bericht in die reihe der Newsticker und ist nur von Freitag auf Montag geraten?

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  2. Es handelt sich um einen Sonderbericht, der aber vom Charakter dem Newsticker zuzuordnen ist.

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  3. Ich bitte demütig darum, derartige Sonderberichte künftig eigens zu kennzeichnen. Das ist einfach zu krass...

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  4. @Anonym:
    Ich werde mal für solche Sachen ein neues Label einführen. Ich darf aber schonmal verraten, es gibt eine Fortsetzung.

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  5. Bei "Ignaz" bin ich gedanklich schon etwas vorsichtig geworden. Kennt man doch "Ignaz' Welt" - warum hat der denn nicht höchstpersönlich von dort berichtet?
    Trotz allem - sooo viel science fiction ist da gar nicht mehr dabei.

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  6. Ist das ein Fake oder Wirklichkeit?

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  7. @Bellfrell:
    Der Kollege Ignaz muss sich momentan erholen, der Pfarreibesuch hat ihn doch etwas mitgenommen.

    @Dorothea:
    Fake, wobei ich glaube, das könnte auch irgendwo Wirklichkeit sein.

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  8. Also, nach allem was ich gehört und erlebt habe, ist das leider gar nicht soooo utopisch in Niedertux.
    Ich hoffe nur, dass die Leute vom Liturgiearbeitskreis unserer Pfarrei, nie auf diesen Blog guggen werden, die könnte versuchen "Niedertux ist überall" zu initiieren.

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