Donnerstag, 18. Juli 2013

Ein Traditionsargument ohne Lehramt: Geht das?


In seinem Blog Balken und Splitter beschäftigte sich Kollege Schnitzler hier vor einiger Zeit mit der historisch-kritischen Methode und hat dafür auch ein Beispiel der Vita der Hl. Thekla ausgegraben. Den Wert der genannten Exegese sieht er in der Beantwortung der Frage, warum Tertullian gegen einige Frauen gewettert hat, die sich am Beispiel der Heiligen orientieren. Die Antwort: Die Figur werde in ihrer Vita ambivalent dargestellt und schwanke zwischen gehorsamer Paulusschülerin und eigenständiger Lehrerin. Dazu Elisabeth Esch-Wermeling
Während die Kirchenväter Thekla als das leuchtende Vorbild bzw. die Personifizierung der heiligen Partheneia feierten, zeigt die Polemik Tertullians in De Baptismo 17,5, dass sich Frauen im 2. Jh. offensichtlich ganz konkret auf Thekla beriefen – und zwar nicht, um ein asketisches Ideal zu verbreiten, sondern um ihre Lehr- und Tauftätigkeit zu legitimieren.“ 
Und Kollege Schnitzler folgert:
Die Polemik gegen die sakramentale Tätigkeit von Frauen kann man auch in anderen biblischen Texten dieser Zeit nachweisen. Sie bekämpft ein Phänomen, dass es in dieser Zeit verbreitet gegeben haben muss! Auch die Paulusbriefe zeigen eine Vielzahl von Frauen in Gemeindefunktionen.
Die historisch-kritische Methode wird hier herangezogen, um die Forderung der Frauen nach einer größeren Gemeindepartizipation zu forcieren, indem neben den biblischen Gestalten, von denen wir ihre genaue Funktion nicht kennen, die Hl. Thekla als Vorbild herangezogen wird. Ein Vorbild, an dem sich tendenziös bereits andere Frauen in der frühen Kirche orientiert haben. Mit diesem Traditionsargument werde indirekt die konservativen Katholiken angezielt, die sich mit Verweis auf die Tradition gegen ein Frauenpriestertum stellen. Die Tradition der Frauenpriesterinnenforderer geht also weit bis in die Alte Kirche zurück und deutet das biblische Phänomen damit aus.   
Kollege Schnitzler schlussfolgert daraus:
Sie bekämpft ein Phänomen, dass es in dieser Zeit verbreitet gegeben haben muss!
Implizit, wenngleich nicht explizit mitgenannt, wird hier damit ausgesagt: Weil es das mal gegeben hat, können wir es doch auch wieder machen. Damit wird, durchaus nachvollziehbar, die kirchlichen Tradition für die Argumentation für ein Frauenpriestertum, denn darauf läuft es ja am Ende hinaus, herangezogen.

Zunächst ist der Rekurs auf die Tradition natürlich zu begrüßen. Und die Argumentation ist auch weitgehend schlüssig. Problematisch ist jedoch der Traditionsbegriff, der hier verwendet wird. Dieser lautet so sinngemäß: Tradition ist, was es mal gegeben hat. Damit ist der Tradition aber jede Unterscheidungsgrundlage gegeben, denn fast alles hat es irgendwann irgendwie mal in der Kirchengeschichte mal gegeben. Es gab auch mal Arianer, Adoptianisten, Katarer, Gnostiker, Pelagianer, Manichäer und was nicht noch alles. Wäre es demnach auch Ok, Gnostiker und Pelagianer zu sein? Auch die meisten Reformer würden dies verneinen. Aber dann natürlich hinzufügen, die Frauenfrage komme ja bereits in der Bibel in apostolischer Zeit vor und daher sei das ja etwas anderes. Nun beziehen sich auch die übrigen genannten Lehren auf die Hl. Schrift und legen sie in ihrem Sinne aus.

Der Rekurs auf die Schrift ist somit kein hinreichendes Kriterium, um verschiedene vorkommende Lehren voneinander zu unterscheiden. Es ist aber bezeichnend, dass dies, zumindest ab einem gewissen Zeitpunkt, immer gegen das Lehramt der Kirche getan wird. Und hier ist das Problem für viele Reformer. Denn das ist die Gemeinsamkeit, die sie mit jenen Irrlehren haben, die sie zumeist selber verurteilen. Sie erkennen zwar die Lehre der Kirche an, aber in diesem einen Punkt oder in einigen anderen, Nee, das muss nicht sein. Da kann man das auch anders denken, das meint die Kirche ja nicht so mit der klaren Absage.

Natürlich verdrehen jetzt alle reformfreudigen Leser - Hallo, ihr zwei - die Augen und murmeln: Jetzt kommt der schon wieder mit dem Lehramt. Ist doch voll das Totschlagargument. Das mag ja sein. Aber es ist eben deswegen ein Totschlagargument, weil es ein Punkt ist, hinter den man nicht zurück kann: Tradition kommt ohne Lehramt nicht aus. Mehr noch ist Tradition ohne Lehramt gar nicht vorhanden, denn irgendwie muss sich Tradition ja gebildet haben und das kann nur innerhalb des Amtes geschehen. Das sieht man überall dort, wo es kein Lehramt gibt. Diverse Freikirchen und Evangelikale Gemeinden kennen kein oder kaum eine Lehrautorität und sie haben daher null Tradition, während Gemeinschaften wie die Protestantischen Kirchen mit ihrer geschwächten Lehramtstruktur zwar eine verwässerte Tradition haben, doch zumindest haben sie eine.

Tradition ist also ohne Lehramt nicht denkbar.
Aber gut, sagen wir mal, das kirchliche Lehramt bedarf wiederum der Ausdeutung und man kann sich jetzt fragen, wieweit man die Frage nach der historischen Rolle der Frau ausdeuten kann. Welche Prinzipien wollen sie zur Ausdeutung verwenden? Beliebt ist immer der Satz: "Das war ja früher anders" garniert mit "die Männer haben ..." Das ist beides richtig. Ist aber ziemlich schwach. Nur weil sich die eine Sache ändert, muss sich ja nicht die andere Sache ändern und nur weil Männer was gemacht haben, heisst das ja nicht, dass es falsch war, oder? In diesem Zusammenhang wird dann oft von einer patriarchale Bewegung gesprochen, die die Frauen aus den Ämtern rausgemobbt habe. Es muss nicht erwähnt werden, dass es gar nicht so klar ist, welche Ämter Frauen denn in der apostol. Zeit inne hatten. Aber gibt es nicht viele Fragen in der Kirchengeschichte, die aus nicht ganz so heeren Gründen entschieden oder durch nicht ganz heere Instrumente durchgesetzt wurden, z.B. das Konzil von Ephesus Trotzdem würde wohl kaum einer sagen: Ja, das Theotokos-Dogma, das glauben wir nicht. Oder: Das Nizäum, ne, da war ja der Konstantin dabei. Das gilt für uns nicht.

Wir sehen also, es bringt nichts, auf die persönlichen Schwächen der Menschen hinzuweisen, die das Lehramt repräsentieren. Denn die wird es immer geben und wenn das Lehramt davon eingeschränkt wäre, bräuchte man es nicht. Dann muss man aber auch nicht über Tradition reden usw.
Auch wenn es so mancher nicht hören will, muss es leider gesagt sein:
Die Verbindung von Lehramt und Tradition und der Gehorsam dem Lehramt gegenüber ist die einfachste, wirkungsvollste und auch die autentischste Form der Traditionsanwendung.

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