Dienstag, 11. Juni 2013

Niebuhrs "Grundinformation Neues Testament" - Zum Loben und zum Haareraufen

Wie hier angekündigt möchte ich ein Beispiel bringen, wie unterschiedlich die historisch-kritische Exegese in einem einzigen Werk wirken kann. Wie beschrieben sind die Studierenden heutigentags in vielen Fragen von Handbuchliteratur abhängig, um sich ein Thema zu erschließen. Die Prämissen und Grundlagen, mit denen die Handbücher arbeiten, werden also wesentlichen Einfluss auf den Studenten haben und oft unhinterfragt übernommen werden.

Als Beispiel für die Problematik habe ich Karl-Wilhelm Niebuhrs "Grundinformation Neues Testament" ausgewählt, was bei uns an der Uni mehrfach im Dauerliteraturapparat für Exegese steht und damit als Empfehlung der Professoren gelten kann.

Betreff der Datierung der synoptischen Evangelien schreibt der Autor (S. 83, 118):
Der Evangelist setzt die Zerstörung des Tempels (vgl. 22,7). Das Evangelium ist also nach 70 entstanden. Frühester Beleg für die Benutzung des matthäusevangeliums dürfte der erste Petrusbrief sein, der wohl zwischen 85 und 95 verfasst wurde. Für das Matthäusevangelium ergäbe sich daraus eine Entstehungszet zwischen 80 und 90 n.Chr.
Nach heutigem Kenntnisstand ist der früheste Zeitpunkt für die Abfassung des Evangeliums die Zerstörung Jerusalems, auf die das Evangelium zurückblickt, wie die entsprechenden Veränderungen der Markusvorlage zeigen (Lk 21,20-24, anders Mk 13,14-20, vgl. Lk 19,43f). Der späteste Zeitpunkt ist vor allem von der Apostelgeschichte her zu bestimmen ... Es ist daher am wahrscheinlichsten, dass Lukas sein Evangelium zwischen 80 und 90 verfasst hat.
In dieser Textstelle geht der Autor eindeutig von der These aus, Jesus könne den Fall von Jerusalem nicht vorhergesagt haben, daher müssten beide Evangelien nach dem Eroberung Jerusalems geschrieben worden sein. Zwar kann man das aus historischer Perspektive durchaus anders sehen und das passiert auch, wie im letzten Post gezeigt. Die Grundthese ist aber vor allem aus Glaubenssicht problematisch, denn wenn Jesus Gott ist, kann er natürlich auch Prophezeiungen machen. Indem diese Möglichkeit ausgeschlossen wird, geht man implizit von einer säkularen Prämisse aus, die Gott bzw. die Gottheit Jesu nicht in der Untersuchung berücksichtigt. Wenn aber die Gottheit Jesu in der Bibel keinen Niederschlag mehr findet, droht die Kernbotschaft der Schrift am Studenten vorbei zu gehen.

Aus den gleichen Buch S. 214, S. 242, 244:
Die Aussagen des Paulus über die Gerechtigkeit Gottes erhalten ihr besonderes Profil auf dem Hintergrund biblisch-jüdischer Überlieferungen. ... Gerechtigkeit Gottes meint bei ihm wie im Alten Testament und im Frühjudentum Gottes Bundes- bzw. Gemeinschaftstreue. Gott erweist seine Gerechtigkeit an den Menschen nicht im strafvollzug für Vergehen, sondern in der Herstellung und Erhaltung einer heilsamen Lebensordnung. Gerechtigkeit ist also keine Eigenschaft, sondern ein Tun Gottes, und zwar zum Heil für die Menschen.
Was wir bisher mit Blick auf das Wirken des Paulus vor seiner Berufung als Grenze zwischen Israel und den Völkern bezeichnet haben, nennt Paulus im Galaterbrief "Werke des Gesetzes". Im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung in Galatien ist damit in erster Linie die Beschneidungsforderung der Gegner des Paulus gemeint.
Die gegensätzliche Haltung gegenüber der Beschneidung im galatischen Konflikt lässt sich also einordnen in den größeren Zusammenhang der Beziehung zwischen Juden und Nichtjuden in der Diaspora. ... Sie [die Gegner des Paulus] wollten aber zuvor mit Hilfe der Beschneidung den Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden aufheben. Damit hielten sie freilich gerade an der Grenze zwischen beiden in der Gemeinde fest.
Hier setzt der Autor den Galaterbrief in die konkrete historische Situation, in die hinein Paulus ihn geschrieben hat. Hierdurch werden verschiedene Sachverhalte vertieft und möglichen Missinterpretationen vorgebeugt. Auf diese Weise gelingt es durch Anwendung historischer Hilfsmittel einen Text der Hl. Schrift besser zu verstehen. Es zeigt sich also ein gelungenes Beispiel für historisch-kritische Exegese.

Die angeführten Zitate zeigen sowohl das Krisen- als auch Wachstumspotential der Methode. Dort wo der Exeget die historischen Hilfsmittel auf die Texte anwendet, ohne sich zugleich ihre säkularen Prämissen zu eigen zu machen, gelingt es ihm, unsere Kenntnis der Hl. Schrift zu bereichern und dem Studenten eine gute Einführung in dieses Thema zu geben, wovon dieser sicher Nutzen für die spätere Arbeit ziehen wird. Dort hingegen, wo er zum Zweck der Annäherung an die weltliche Geschichtswissenschaft die Möglichkeit der Prophetie durch den Gottmenschen Jesu ausschließt, entsteht das Bild des Menschen Jesus, der auch zu Wundern und, schlimmstenfalls, zur Auferstehung nicht in der Lage war. Damit bedroht das Werk den Kernbereich des Glauben eines Studierenden, gerade wenn er sich in einer Entwicklungsphase seines Lebens unter großen Druck befindet und besonders empfindlich in Glaubensfragen ist.

Postreihe zur historisch-kritischen Exegese hier.

Kommentare :

  1. Sehr wertvoll; Vielen Dank!

    Besonders auch die Links auf andere Blogs. Die dort betriebene eklatante Verharmlosung des Problems der mangelnden offenen Reflexion der erkenntnistheoretischen Grundlagen der "normalen" Universitätsexegese (die aber weit in die Gemeinden eingedrungen ist!) stellt schon wieder ein eigenes Probelemfeld dar! Von dem teils schwer erträglichen "Tradi-Bashing" ganz zu schweigen...

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  2. Ich nehme stark an, das in dem von dir besprochenen Buch auch die Unterschiede zwischen den Evangelien und der Briefliteratur beschrieben werden. Dementsprechend müssen an diese Verschiedenheit angepasste unterschiedliche Maßstäbe angelegt und Fragestellungen formuliert werden. An die Fabel vom Fuchs und den Trauben stelle ich ja auch andere Ansprüche als an die Informationen über Füchse in einem Biologiebuch – und trotzdem ist das in beiden Formulierte auf je eigene Art wahr.

    Und so geht es in den Paulusbriefen eher direkt um die konkrete gesellschaftliche, historische und politische Situation der ersten Gemeinden, während in den Evangelien diese Erfahrungen zwar zu Abfassung und Schwerpunktsetzungen führt, aber kein historisches Interesse an Jesus Leben in unserem heutigen Verständnis besteht. Deshalb muss in deinem kritisierten Buch auch unterschiedlich mit den verschiedenen Textgattungen umgegangen werden.

    Ich nehme ebenfalls an, dass in diesem Einführungsbuch auch das Grundanliegen des Matthäus formuliert ist, Jesus in Kontinuität zur Tora und den alten Schriften stehend zu beschreiben. Das heißt aber, dass an eine prophetische Aussage von ihm auch ähnliche oder die gleichen Maßstäbe wie an alttestamentliche Prophetie angelegt werden muss. In diesem Sinne ist eine Prophezeiung eben keine Vorhersage ("Wahrsagerei") sondern Auslegung und Übersetzung des Willens Gottes im Jetzt mit Blick auf die Zukunft.

    Von daher kann Jesus durchaus von einer Zerstörung des Tempels gesprochen haben, aber eben ohne ein fixes Ereignis vor Augen gehabt zu haben, was dann allerdings von den ersten Gemeinden auf die ganz konkrete Erfahrung im Jahr 70 bezogen wurde. Dieser ganz konkrete Bezug spricht auch aus meiner Sicht eher auf eine Verschriftlichung des Matthäusevangeliums nach diesem einschneidenden Ereignis.

    Auch unter den zeitlich engen Vorgaben des heutigen Theologiestudiums sollten Studierende in die Lage versetzt werden, antike Prophetievorstellungen zu kennen und von unserem heutigen Denken unterscheiden zu können, ohne dass dies ihren Glauben im Innersten erschüttert.

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  3. @Ameleo:

    Ich hätte sicherlich auch Stellen mit größerer Kongruenz nehmen können. Da ich mich aber mit beiden Themen unabhängig voneinander mal beschäftigt habe, sind sie mir zuerst eingefallen. Und zur Illustration des Sachverhaltes sind sie ja geeignet, wenngleich man bei näherer Analyse, was hier nicht geleistet werden sollte, tiefergehend arbeiten müsste, da hast du recht.

    Deiner Argumentation bzgl. der Evangeliendatierung stimme ich zwar nicht zu, aber das ist hier auch nicht Thema. Wichtiger ist, deine Argumente im genannten Werk nicht explifiziert und andere Meinungen nicht dargelegt sind. Das wäre aber beim heutigen System notwendign, damit der Student angeregt wird, sich selber ein Bild zu mache. Ein Beispiel, das ich selber mal erlebt habe mag das noch einmal veranschaulichen: Ich sprach mit einem Kommilitonen, der mit mir angefangen hat zu studieren und der, weil Hauptfächler, mehr Exegesekurse besucht hat als ich. Er zeigte mir seine Aufzeichnungen bzgl. der Evangeliendatierung und ich meinte, das würde ich etwas anders sehen. Dann habe ich das begründet. Seine Antwort: "Der Professor hat das aber anders gesagt." Interessanterweise habe ich mit Althistorikern immer wesentlich intensivere Gespräche über dieses Thema geführt.

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    1. Wenn das, was du oben zitiert hast, wirklich alles ist zur Datierungsfrage, ist es in der Tat schwach, noch nicht mal Sek II - Niveau! Da stellt sich die Frage, warum euch ausgerechnet dieses Buch empfohlen wird.

      By the way: Wenn selber denken nicht mehr gelehrt wird/werden kann, erhält man leider solche Antworten wie von deinem Kommilitonen, aber: ich bin nicht sicher, ob ich das seinerzeit hätte besser machen können...

      An deinem Ansatz zur Datierung von Matthäus und entsprechenden Hinweisen auf Autor_innen, die das vertreten, wäre ich interessiert. Vielleicht mal an einer anderen Stelle.

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    2. @Ameleo:
      Ich habe nochmal das Buch zur Hand genommen, um mich mit deinen Annahmen zu beschäftigen.
      Deine erste Annahme - Unterschied Evangelien-Briefe - wird natürlich besprochen.
      Deine zweite Annahme - Prophetie im Kontext des AT bei Mt - kann ich aber nicht bestätigen. Zwar gibt es einen Rekurs auf die besondere Nähe zum rabbinischen Judentum, dabei bleibt es aber auch. Auf Prophetie im Kontext zum AT wird nicht eingegangen.

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