Donnerstag, 6. Juni 2013

Die historisch-kritische Exegese und die Studenten

Bildquelle hier.
Die historisch-kritische Exegese wird in der Blogoezese vor allem bzgl. ihres Einflusses auf die Studenten diskutiert. Sowohl Ameleo als auch Volker Schnitzler haben dabei herausgearbeitet, dass die historisch-kritische Exegese für einen Studenten, der sich intensiv mit ihr auseinandersetzt, kein Glaubensproblem darstellt. Zwar werde der Glaube durchaus herausgefordert, jedoch gebe die Exegese in der Gesamtschau zugleich Hilfsmittel in die Hand, damit umzugehen.

Knackpunkt der Argumentation ist dabei das Wörtchen intensiv. Beide setzen ein hohes Maß an Aufwand für die Beschäftigung mit der Exegese voraus. Und unter solchen Bedingungen fallen viele Kritikpunkte auch weg, die von anderen und mir gegen diese Methode erhoben werden. Wer sich z.B. bewusst macht, warum diese Exegese in vielen Fällen mit säkularen Prämissen arbeitet, wird entweder keine Probleme damit haben oder, wenn doch, auf die Suche nach anderen Lösungen gehen, die er auch sicher finden wird. Für das klassische Beispiel der Evangeliendatierung nach dem Fall von Jerusalem kann, wenn es den Gläubigen nicht befriedigt, eine andere Lösung gefunden werden, die den Gläubigen nicht anficht. So stellt H.J. Schulz in seiner hervorragenden Studie „Die apostolische Herkunft der Evangelien“ (S. 29) fest:
Das einstige Tabu des Jahres 70 als terminus post quem muß inzwischen auch für Lk und Mt als gebrochen gelten. Eine Rückschau auf die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 findet sich in keinem der Evangelien.
Vorraussetzung dafür ist aber, dass der Student die Zeit dafür hat. Was heutzutage angezweifelt werden darf. Ich habe ja bereits selber die beginnende Modularisierung erlitten und habe daher einen praktischen Eindruck von heutigen universitären Gepflogenheiten. Allerdings werden meine Erfahrungen von jüngeren Kommilionen, die gebachelort wurden, noch weit überschritten. Die Fächer und Veranstaltungen werden in einem hohen Grad normiert und durchorganisiert, Prüfungen (abschlussrelevant) finden fortdauernd statt, mitunter werden sogar Hausaufgaben verteilt. Der Student ist kaum mehr in der Lage, eigene Schwerpunkte zu bilden und lernt auch kaum eigenständiges Arbeiten, da ihm alles vorgekaut wird, ja vorgekaut werden muss, damit der Stoff in der Kürze der Zeit behandelt werden kann. So wird Mittelmäßigkeit herangezogen, die im hohen Maß von der Meinung der Professoren und von Handbüchern abhängig ist.

Ich habe mir einmal die Studienordnung unseres katholischen Fachbereichs, Bachelor Hauptfach, durchgelesen. Im exemplarischen Studienverlaufsplan sind in den ersten beiden Semestern 14 Veranstaltungen zu besuchen, die meisten davon mit Prüfungen versehen, darunter 3 in Exegese. Im Gesamten sind nur 5 Kurse in Exegese, Altes und Neues Testament, vorgesehen. Das erlaubt den meisten Studenten nur eine sehr kursorische Beschäftigung mit dem Thema, die über die Rezeption von Grundlagenwerken kaum hinauskommt. Bestenfalls müssen sie Hausarbeiten schreiben, in denen sie sich etwas intensiver mit einer Thematik beschäftigen, haben dabei aber auch keine Zeit mehr, eventuelle Prämissen zu überdenken, sondern reflektieren die Mehrheitsmeinung der Literatur, weil sie ansonsten kritische Blicke und, schlimmstenfalls, Notenabzüge befürchten müssen. So wurde ich z.B. schon damals in meiner Proseminarshausarbeit Neues Testament darauf hingewiesen, ich hätte kein Buch des aktuellen Lehrstuhlinhabers benutzt.

Folgerichtig wird kaum ein Student die Möglichkeit zu jener intensiven Reflexion haben, die bei Ameleo und Herrn Schnitzler zu recht so wichtig ist. Dafür kann man die historisch-kritische Exegese nicht verantwortlich machen. Jedoch setzt es die Lehrenden gerade in der Theologie in die Verantwortung, den kursorischen Überblick so zu gestalten, dass der Glaube keinen Schaden nehme. Dafür muss sie von liebgewordenen Mehrheitsmeinungen abstand nehmen, muss dabei aber nicht das Handwerkszeug dieser Methode aufgeben, das ja unabhängig von der Prämisse angewendet werden kann und durch das diese Exegese auch ihre Berechtigung hat.

Ein Beispiel für die Problematik in den Handbüchern wird in diesem Post angeführt.
Postreihe zur historisch-kritischen Exegese hier.
Einen gut lesbaren Überblick über Methoden der Bibelauslegung liefert Ameleo hier.

Kommentare :

  1. Was du beschreibst vom zunehmend verschulten Studium halte ich auch für sehr besorgniserregend und was die Freiheit und Kreativität der Wissenschaften angeht für destruktiv. Von Studierenden aus meinem Bekanntenkreis und Kolleg_innen in der Hochschulpastoral hatte ich schon davon gehört. Das Studium ist heute nicht vergleichbar mit dem vor 25 – 30 Jahren.

    Ich selbst hatte viel Zeit für selbständiges Arbeiten während des Studiums. Neben den 10 Pflichtveranstaltungen in Exegese habe ich weitere belegen können und belegt, einfach aus Interesse. Ebenso in Pastoraltheologie, vergleichender Religionswissenschaft und Ökumene, neben dem normalen Wochenprogramm, auf Wochenend- und Ferienseminaren. Nachdem ich in den ersten sechs Semestern alle Pflichtscheine für das gesamte Studium hatte (für Vorlesungen gab es keine, die mussten nur belegt werden), konnte ich in den nächsten Jahren so viele zusätzliche Scheine machen, wie ich wollte, um meine Zensuren zu verbessern oder einfach nur dazu zu lernen. Das war sicher ein großes Glück!

    Allerdings habe ich mir neben den universitären Veranstaltungen auch sehr viel Zeit genommen, mich selber weiter zu entwickeln, teils weil es verpflichtend war, um mich später bewerben zu können, teils ebenfalls aus Interesse. Heutige Studierende haben in der Tat diese Möglichkeiten kaum noch, ist ja nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine finanzielle Frage.

    Dass die Lehrenden daher heute so lehren müssten, dass „der Glauben“ keinen Schaden nimmt finde ich problematisch. Das Niveau sollte schon gleich hoch bleiben! Eher wäre dafür zu kämpfen, dass es wieder genug Zeit und Freiheit gibt für Forschung, Lehre und Lernen. Die Lehrenden haben heute eine größere Verantwortung für die Vermittlung der Inhalte und die Studierenden, aber auch die Studierenden selbst müssen heute eine größere Verantwortung für sich selbst übernehmen. Da kann man nur hoffen, dass es z.B. in den Hochschulgemeinden fähige Ansprechpersonen gibt!

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  2. @Ameleo:
    Mit den Hochschulegemeinden sprichst du eine wichtige Gruppe an, die den Studierenden helfen kann, ihren Glaubensweg in der neuen Universität zu gehen. Leider haben, soweit ich das bei uns mitbekomme, die HGs jedoch noch nicht darauf reagiert, sondern schreiben ihre alten Programme fort. Wobei ich mir da auch an die eigene Nase packen muss, ich könnte mich wohl auch mehr engagieren.

    Sicherlich wäre es erstrebenswert, wenn die Uni weiterhin als Feld für freie Forschung und persönliche Entfaltung einen besserren Raum geben würde. Ich halte es aber für illusorisch, in nächster Zeit mit einem roll-back zu rechnen. Wir dürfen aber nicht um der zukünftigen Studenten willen die jetztigen vernachlässigen. Daher gilt es, mit den Gegebenheiten, wie sie erstmal sind, zurechtzukommen. Und das bedeutet auch in so wichtigen Fragen wie der Exegese der Hl. Schrift neue Vermittlungswege zu beschreiten.

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