Samstag, 1. Juni 2013

Die historisch-kritische Exegese und der Hl. Thomas

Das Debatte um die historisch-kritischen Exegese, die sich an Klaus Bergers Werk "Die Bibelfälscher" in der Blogoezese entzündet hat, geht weiter. Hier habe ich neben eigenen Gedanken auch die mir bekannten Posts zum Thema verlinkt. Zwischenzeitlich sind zwei weitere hinzugekommen, die sich für diese Exegese aussprechen, von Volker Schnitzler und Ameleo verfasst. Nach weiteren Nachforschungen meint Kollege Schnitzler den Grund für Bergers Kritik an dieser Exegese gefunden zu haben: Für ihn ist die Angst Bergers vor dem Nihilismus, dem Verlust des Glaubens, des eigenen und dem der Studenten, die Triebfeder seines Werkes. Ob das so ist, darüber maße ich mir kein Urteil an. Ich halte es aber durchaus für möglich, dass darin ein wichtiger Grund für sein Buch liegt. Es wird ja von niemandem bestritten, wie stark die historisch-kritische Exegese den kindlichen Glauben des Studenten (soweit noch vorhanden) erschüttert. Im Gegensatz zu Berger verteidigen Ameleo und Schnitzler jedoch die historisch-kritische Exegese durch ein Lob eben jener Katharsis.

Sie wenden sich damit gegen eine Exegese, die den Studenten von den Probleme und den Anfragen einer kritischen Moderne abschirmt, um ihn weiterhin in einer geschlossenen katholischen Gedankenwelt zu wattieren, da auf diese Weise ein unreifer Glaube gepflegt werde, der für einen Gläubigen im allgemeinen, für einen Theologiestudenten im besonderen problematisch sei.
Sie beschreiben damit das Theologiestudium nicht nur als einen geistigen, sondern auch als einen geistlichen Vorgang. Ein solcher geistlicher Vorgang ist aber in der ganzen Geschichte des Christentums immer auch mit viel Selbstprüfungen, Zweifeln, geistlichen Nächten und schmerzhaften Reinigungen verbunden. Sowohl der Analyse des Theologiestudiums als geistliches Geschehen als auch einer solchen Katharsis während des geistlichen Lebens ist zuzustimmen.

Doch offenbart die Argumentation ein entscheidendes Problem. Denn das Fach Theologie wird hier zwar als geistlicher Prozess verstanden, es verhält sich aber oft nicht entsprechend. Gerade in der modernen Exegese wird uns dies besonders deutlich. Die moderne Exegese geht in ihren Untersuchungen oft von der säkularen Prämisse aus, dass Gott nicht untersucht werden und daher auch nicht Teil der Untersuchung sein kann. Was bei einem Physiker ebenso klar ist wie bei einem Historiker, ist für einen Theologen hingegen problematisch. Denn da der Exeget über die Bibel spricht muss er sich entscheiden: Folgt er der Prämisse, dass es Gott gibt oder dass es ihn nicht gibt. Der historisch-kritische Exeget wählt für seine Methode häufig letztere. Das bedeutet wohlgemerkt nicht, dass Dozenten und Studenten nicht an Gott glauben. Aber die Erschließung der Bibel kommt dann ohne Gott aus. Damit ist die Exegese jedoch keine Theologie mehr, sondern historische Textkritik und gehört in die Altertumswissenschaften. Denn für die Theologie gilt noch immer das Wort des Hl. Thomas, der im ersten Band der Summa Theologica schreibt:
Gott ist der Gegenstand dieser Wissenschaft. [...] Nun ist aber in der hl. Lehre Gott der einigende Leitgedanke, von dem alles beherrscht wird; und zwar handelt es sich entweder um Gott selbst oder um die Dinge, sofern sie Beziehung haben zu Gott als zu ihrem Ursprung und zu ihren Ziel. [...] Die Prinzipien einer Wissenschaft aber und die Wissenschaft selbst haben notwendig denselben Gegenstand, da die Wissenschaft keimhaft ganz in der Kraft der Prinzipien enthalten ist.
Der Gegenstand der Theologie ist Gott als Ursprung und Ziel des Denkens. Ameleo und Volker haben hervorragend herausgearbeitet, dass die historisch-kritische Exegese durch die Katharsis Gott als Ziel fördern kann. Es bleibt aber die Frage offen, ob diese Exegese Gott als Ursprung der Dinge sieht, mit denen sie sich beschäftigt. Also Theologie wäre dies ihre Aufgabe. Faktisch ist es jedoch oft nicht der Fall. Um die Studenten auf die säkulare Moderne vorzubereiten, greift die Exegese nicht nur auf die Instrumente, sondern auch auf die Prämisse dieser Moderne zurück und klammert Gott als Leitprinzip der exegetischen Untersuchung aus. Die Prinzipien einer Wissenschaft sind aber nach Thomas die Wissenschaft selbst. Damit ist die Exegese ihrem Wesen nach Altertumswissenschaft, die sich mit einer bestimmten Quelle bzw. Thema auseinandersetzt. Ihr Ziel ist es daher, dem Studenten das Handwerkszeug zu vermitteln, mit der er die behandelten Quellen historisch aufschlüsseln kann. Ihr Ziel ist es jedoch nicht, eine geistlichen Weiterbildung der Studenten zu fördern, denn diese Weiterbildung setzt Gott voraus, den sie dem Prinzip nach dann nicht kennt.

Betrachten wir, um diese These zu erörtern, Methoden, mit denen eine solche geistliche Reifung üblicherweise gefördert wird. Das Christentum hat zahlreiche Schulen hervorgebracht, um die Menschen in den geistlichen Wissenschaften reifen zu lassen. Von den Wüstenvätern, zu den Benediktinern und Kartäusern, zur devotio moderna über den Karmel spannt sich der Bogen der großen Schulen, um nur einige zu nennen. Diese Bewegungen weisen viele Unterschiede auf, doch sind sie sich alle in einem einig: Dem radikalen Ja zu Gott. Ein Kartäuser oder ein Wüstenvater, der sich, um Gott zu suchen, in die Zelle des großen Schweigens aufmacht mit der Prämisse, es gibt Gott nicht, ist unvorstellbar. Wenngleich alle diese Traditionen die geistliche Nacht kennen, ja sie sogar mitunter als notwendigen Teil des Prozesses beschreiben, geht doch keine davon aus, ihn mutwillig herbeizuführen. Nur der im Glauben schon gereifte, in der Gottesbeziehung schon Erfahrene wird von Gott zu einem von diesem bestimmten Zeitpunkt mit der inneren Leere konfrontiert, sind die Väter überzeugt. Den Zeitpunkt bestimmt jedoch nur Gott, denn nur er weiss, wann der Betreffende damit umgehen kann. Daher wäre es keinem der Väter des geistlichen Lebens eingefallen, diesen Zustand quasi mutwillig im Schüler hervorzurufen.

Wenn wir nicht annehmen, die historisch-kritische Exegese habe einen vollkommen neuen Weg der geistlichen Wissenschaft gefunden, und nichts deutet darauf hin, kann es also nicht ihr Ziel sein, die geistliche Weiterbildung des Studenten zu fördern. Die von ihr gelehrte Quellenanalyse kann natürlich das Glaubensleben des Studenten bereichern, da sie das Verständnis der Hl. Schrift erweitert. Dies kann sie aber viel besser, wenn sie diesen Glauben in ihre Überlegungen miteinbezieht. Dadurch wird der Student weder von der Welt abgeschlossen, was ohnehin nicht mehr möglich ist, noch wird sein geistliches Fortkommen behindert. Er wird aber in einer geistig-geistlichen Übung die Sicherheit des Ja zu Gott erfahren, das die großen geistlichen Schulen des Christentums ausgezeichnet hat.

Fassen wir zusammen: Ameleo drückt am Ende ihres Posts die Zuversicht aus, ein Theologiestudent werde durch die Exegese wohl erschüttert, aber letztlich in seinem Glauben gestärkt. Das ist bei ihr, Kollege Schnitzler und bei vielen anderen offenbar vorgekommen und ich freue mich für sie. Dennoch ist dies nach dem Charakter, den vielfach die Exegese hat, nicht das Ziel, sondern ein erfreuliches Nebenprodukt bzw. eine glückliche Ausnahme, bedingt durch charakterliche Festigkeit oder eine gute sonstige theologische Ausbildung. Die aus der Prämisse intendierte Regel ist das aber nicht. Zwar intendiert sie auch keinen Glaubensschwund an sich, da sie den persönliche Glauben nicht berücksichtigt, entfaltet aber faktisch diese Wirkung, da sie ein säkulares Verständnis der Hl. Schrift, der Basis des Glaubens, fördert. So wird es auch von Klaus Berger wahrgenommen und so ist es auch in vielen Fällen.

Postreihe zur historisch-kritischen Exegese hier.

Kommentare :

  1. Eine Glaubensstärkung nach der handelsüblichen Exegese-Dröhnung, ist tatsächlich die Ausnahme.
    Den Grund, warum dabei Gott ausgeklammert wird, hast du jetzt aber nicht genannt. Er lautet, und das ist tatsächlich eine Art Mantra: "Wissenschaftlichkeit". Man will Wissenschaft und Theologie (im thomaschen Sinne) und meint, das schließe sich aus... also wählt man, um sich an der Uni behaupten zu können, Letzteres.

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  2. Spannende Gedanken! Es hat mir beim Lesen Vergnügen bereitet, wie du Volker Schnitzlers und meine Gedanken zusammengefasst hast. ("in einer geschlossenen katholischen Gedankenwelt zu wattieren" Große Klasse! Lol!)

    Du schreibst: "Die moderne Exegese geht ... von der säkularen Prämisse aus, dass Gott nicht untersucht werden und daher auch nicht Teil der Untersuchung sein kann." Aber kann Gott denn untersucht werden? Was verstehst du darunter? Ist es nicht vielmehr so, dass sich Gott als zu erforschendes "Objekt" oder auch Person jeglicher Untersuchung entzieht, weil er nur in der persönlichen oder gemeinschaftlichen Begegnung erfahrbar (aber nicht objektivierbar) ist, was auch die Gotteserfahrungen der Glaubenden zu allen Zeiten einschließt? Unfassbarkeit gehört nach meiner Meinung unabdingbar zu Gott dazu, auch wenn er sich in Jesus Christus berühr- und begreifbar gemacht hat.

    Außerdem halte ich es für einen Fehlschluss, aus der Prämisse der Ununtersuchbarkeit Gottes auf die Notwendigkeit, eine Entscheidung bezüglich seiner Existenz oder Nichtexistenz treffen zu müssen, zu schließen. Ich weiß nicht woran du fest machst, dass dies notwendigerweise zur historisch-kritischen Exegese dazu gehört und dass in den überwiegenden Fällen von Exeget_inn_en eine solche Entscheidung getroffen wird, die i.d.R. zu Gunsten einer Annahme von Gottes Nichtexistenz ausfällt.

    Ich stimme dir zu, dass es in der theologischen Wissenschaft bzw. dem Theologiestudium tatsächlich nicht direkt um die Schulung des persönlichen Glaubens der Studierenden geht, auch wenn ein persönlicher Glaube bei den Lehrenden vorausgesetzt werden kann und muss. Untersuchungsgegenstand der Exegese ist der Text, ihr Ziel ein besseres Verständnis des Textes, seiner Entstehung, Struktur und Aussage, um in einem zweiten persönlich zu leistenden Schritt - aber nicht mehr mit exegetischen Instrumenten und Methoden - dadurch auch die in verschiedenen Texten beschriebenen unterschiedlichsten Gotteserfahrungen für persönliche fruchtbar zu machen. Eine historisch-kritische Exegese, die letztlich nicht darauf ausgerichtet ist, wäre tatsächlich eine reine Literatur- oder Geschichtswissenschaft und brauchte nicht von Theolog_inn_en ausgeübt und vermittelt zu werden.

    Dass es im Theologiestudium näherhin der Exegese um eine wissenschaftliche und nicht um eine geistliche Auseinandersetzung mit biblischen Texten geht und ich als Studierende dabei nicht nur in dem mir Vertrauten bestärkt werde, sondern Berge an Neuem dazu lernen werde, sollte bei Aufnahme des Studiums eigentlich als bekannt vorausgesetzt oder spätestens während des ersten Semesters deutlich werden. Es liegt immer auch an der einzelnen Person, in weit sie bereit ist, sich erschüttern zu lassen und inwieweit sie sich in diesen Umbruchszeiten stärkende und orientierende Unterstützung z.B. durch eine geistliche Begleitung holt.

    Darüber hinaus hat die Exegese inzwischen selbst seit geraumer Zeit die Begrenzungen einer rein mechanischen historisch-kritischen Bibelanalyse wahr- und ernstgenommen und sich in viele Richtungen weiter entwickelt und ausdifferenziert. In der Regel gilt dabei aber der historisch-kritische Ansatz immer als notwendige Grundlage, von der aus dann weitere Schritte gegangen werden. Es ist ja nicht so, als gäbe es keine interne Diskussion. Dazu aber an anderer Stelle mehr.

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    1. @Ameleo:
      Ich bedanke mich für den freundlichen Kommentar.
      Einige der von dir angesprochenen Gedanken werden in einem in Kürze folgenden Post angesprochen, auf den ich hier (aus Zeitgründen) verweise.

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  3. Die beiden folgenden Dokumente des Lehramtes wenden sich gegen Ihre Sicht der Exegese:

    http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/pcb_documents/rc_con_cfaith_doc_19930415_interpretazione_ge.html

    http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651118_dei-verbum_ge.html

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  4. @Anonym:
    Wäre es möglich, ihre Kritik etwas genauer fassen.

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