Montag, 27. Mai 2013

Die historisch-kritische Exegese: Hilfreich Ja, vollkommen Nein!

Vor kurzem las ich eine Rezension des neuen Buches von Klaus Berger "Die Bibelfälscher" auf kathnet. Klaus Berger geht offenbar in seinem Buch (das ich noch nicht gelesen habe) ziemlich scharf mit der historisch-kritischen Exegese an den Universitäten ins Gericht und prangert ihre Verbortheit und ihren Glaubensmangel an. Dann las ich eine Kritik des Buches und der Rezension beim Bloggerkollegen Schnitzler (hier zu finden), der wiederum mit Berger und kathnet hart ins Gericht geht und ihnen gleichfalls dogmatisches Denken und verweigerte Förderung des Verständnisses der Hl. Schrift mittels besagter Exegese vorwirft. Soweit so gleich.

Zunächst muss meiner Meinung nach dringend festgehalten werden, dass die historisch-kritische Exegese ihre wichtigen Verdienste hat, die es anzuerkennen gilt. Die Verwendung der historischen Methode auf die Hl. Schrift hat das Verständnis derselben außerordentlich gefördert und uns vieles erschlossen und besser vor Augen geführt.

Dennoch scheint mir an der Kernthese des Buches einiges dran zu sein. Diese sind (aus meiner Sicht): Die historisch-kritische Exegese ist dogmatisch und fördert den Glauben nicht.

Beides muss ich leider unterschreiben. In keinem Fach in den Universitäten sind Theologiestudenten so unselbstständig wie in der Exegese. Da wird gerade in den Basics wie der Datierung alles abgenickt, was der Professor sagt, während andere Meinungen fast schon totgeschwiegen werden. Wenn andere Thesen stärker diskutiert würden, wäre dies für die Exegese und die Studenten ein großer Gewinn.

Außerdem fremdelt kein Fach in der Theologie mit sich so wie diese Exegese. Denn man hat von der (säkularen) Geschichtswissenschaft nicht nur das Handwerkszeug übernommen, sondern auch das Weltbild. Klassisch wird das in der Prophezeiung der Tempelzerstörung. Die Exegeten sagen: Hier wird eine zutreffende Aussage über die Zukunft getroffen, deswegen muss das für den Schreiber schon in der Vergangenheit liegen. Im besten Sinne historisch argumentiert, wenngleich man das auch anders sehen kann, aber sei's hier drum. Was hier implizit angenommen wird ist: Jesus kann keine Aussagen über die Zukunft machen. Für einen Historiker ist die Aussage total richtig, für einen Theologen bedenklich. Der müsste nämlich eigentlich davon ausgehen, das sei möglich und damit seinen Nachweis zumindest abmildern. Tatsächlich wird er aber als unumstößliche Wahrheit verkauft. Und wenn ich das bei allem anderen Dingen, die eigentlich nicht passieren dürften auch mache, komme ich irgendwann zum Punkt wo ich sage: Ja, auferstanden, das geht ja eigentlich auch nicht. Das können wir auch anders erklären. Und dann kippt das Christentum. Keinesfalls ist das bei allen Exegeten intendiert, aber eine Förderung des Glaubens sieht halt auch anders aus. Die Exegese müsste daher endlich so selbstbewusst sein und sagen: Wir glauben, Jesus konnte das und mit dieser Annahme arbeiten wir. Das stärkt den Glauben.

Kurz: Wir müssen hier kein Loblied auf die Exegese singen, dürfen sie aber auch nicht verdammen. Damit tun wir ihr und uns keinen Gefallen. Besser, wir nutzen das Buch für eine nüchternere und ausgewogenere Bewertung dieser großen Methode.

Post wird hier inhaltlich fortgesetzt.
Postreihe zur historisch-kritischen Exegese hier.

Ein Bericht über das Buch gibt's auch bei Idea hier.
Eine weiterer Kommentar zum Thema beim Kollegen Cicero dort
und bei Mitblogger Damian hier.
Eine weitere positive Rezension zum Werk an dieser Stelle und dort,
ähnlich argumentiert auch Ameleo hier,
während ein Neutestamentler scharf mit Bergers Buch ins Gericht geht, hier zu lesen.

Kommentare :

  1. Selbst Papa em. Benediktus schreibt in seinem ersten Jesus-Buch, daß die h.k. Methode ihre großen Verdienste habe.
    Seit einigen Jahren interessiere ich mich (laienhaft) für die Bibelexegese, und ich komme und komme nicht darauf, welche "großen Verdienste" diese Methode habe. Außer Verwüstung des Glaubens kann ich keine nennenswerte "Verdienste" erkennen. (Bin wahr-
    scheinlich zu blöde...) Vielleicht können Sie
    mir kurz solche (u.zw. konkrete!) nennen, wofür
    ich dankbar wäre!

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  2. Die historisch kritische Exegese hat meiner Meinung den Verdienst, die Erzählungen der Bibel in einen konkreten Raum zu stellen. Nicht um die Wahrheit darin zu relativieren, sondern besser aufscheinen zu lassen. Das war ja ihr ursprüngliches Ziel. Im Grunde ist es wie mit einer Pilgerfahrt ins Heilige Land. Man nimmt die Schrift anders war, wenn man den Ort gesehen hat, an dem es sich ereignete. Für historisch-kritische Exegese im besten Sinne und gut zu lesen empfehle ich ihnen mein Büchertisch-Label, wo ich einige aufgeführt habe.

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  3. Hm, eine dogmatisierende Exegese? Eine, die sich für vollkommen und unhinterfragbar hält? Habe ich während meines Studiums nicht erlebt und erkenne ich auch jetzt nicht in den Schriften des katholischen Bibelwerks, mit denen ich versuche, mein exegetisches Wissen up to date zu halten.

    In Exegesevorlesungen und -Seminaren wurden durchaus schon mal Texte bis in kleinste Versteile zerlegt und mit etwas Pech war das Semester zu Ende bevor der spannende Teil kam, in der die verschiedenen inhaltlichen Fäden wieder zu einem Ganzen zusammengewoben werden konnten. Aber eine wirklich einheitliche, gar dogmatische Meinung unter den Exeget_innen habe ich selten erlebt, wenn dann am ehesten tatsächlich bei denen aus der evangelikal-fundamentalisierenden Ecke. Frag drei Exeget_innen und du kriegst vier Meinungen, mindestens!

    Nur in den Basics scheint inzwischen an vielen Stellen Einigkeit zu bestehen, die aber bei näherem Hinschauen dann doch auch wieder diskutiert wird wie beispielsweise die 2-Quellen-Theorie. Mühsam fand ich eher, wenn versucht wurde, uns den Stand der Diskussion mit ihren vielen kleinen Details und der Haltung des lehrenden Dozenten dazu zu vermitteln.

    Auch dein Beispiel mit der Tempelzerstörung wird in dieser verkürzten Weise nicht behauptet, sondern ist eher ein Zerrbild von biblischer Wissenschaft.

    Ich finde die Exegese bereichernd für mein Glaubensleben. Zu wissen, in welchem kultuellen Umfeld diese frühen jüdisch-christlichen Zeugnisse entstanden sind, wie die Menschen damals gedacht und mit welchen Stilmitteln sie beschrieben haben, was sie mit Gott erlebt und von ihm begriffen haben, erweitert meinen Horizont und vertieft meinen Glauben mehr als das es ihn erschüttert.

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    1. @Ameleo:
      Ich danke für deinen Kommentar, zumal er im wesentlichen sehr schön wiedergibt, was ich geschrieben habe.

      Die historisch-kritische Exegese hat ihre Verdienste, die du ja beispielhaft im letzten Absatz beschrieben hast.

      Und natürlich besteht die Exegese nicht darin, Dogmen festzulegen und diese von allen abnicken zu lassen. Aber es gibt Grundannahmen, und davon recht viele, die kaum hinterfragt werden, die aber gleichzeitig kritischer bewertet werden müssten, weil sich die Methoden, durch die sie entstanden sind, mitlerweile weiterentwickelt haben. Die Quelle Q ist so ein Beispiel.

      Das Beispiel mit dem Tempel ist natürlich verkürzt wiedergegeben, stellt aber insoweit eine Realität dar, als es bei vielen so ankommt. Zumindest kann ich das aus eigener Erfahrung sagen.

      Und, wie ja auch hier kommentiert wurde, nehmen viele die Exegese eben auch sehr viel negativer war, als es bei dir der Fall ist. Das hängt natürlich von der jeweiligen Disposition ab. Dennoch offenbart sich darin meiner Meinung nach ein defizit dieser Wissenschaft, an der sie arbeiten muss. Wie gesagt: Historisch-kritische Exegese: Hilfreich, aber nicht vollkommen.

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  4. Siehe Kommentar auf meinem Blog

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  5. Ist auch eher unwahrscheinlich, dass sich die Exegese für vollkommen hält! Sie versteht sich ja eher als ein Werkzeug zum besseren Verständnis der heiligen Schriften.

    Was ich allerdings sehr bedauerlich finde ist, dass ihre Erkenntnisse und Diskussionen so wenig Eingang in Predigten, kirchliche Veranstaltungen, Gemeindebriefe etc. finden. Die Seniorinnen, bei denen ich immer wieder zu Gast bin, haben Fragen über Fragen und saugen das bisschen Bibelwissenschaft, dass ich mit ihnen in knapp 90 min erarbeiten kann, auf wie ein trockener Schwamm. Am Ende steht jedes mal wieder die Frage: Warum hat uns das nie zuvor jemand gesagt!? Werde mal vorschlagen, im Gemeindebrief eine entsprechende Rubrik einzurichten.

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    1. @Ameleo:
      Oh, du würdest dich wundern, was ich so alles höre. In der Wissenschaft gibt's jede Menge, die sich für unfehlbar und vollkommen halten. Man wundert sich manchmal wirklich, wieviel kleingeistige Verbohrtheit es unter Professoren gibt - über meine kleingeistige Verbohrtheit wundert sich natürlich keiner.

      Über die pastorale Anwendung der Exegese kann ich nix sagen. Da bist du die Expertin für. Eine ausgewogene Darstellung wird hier aber sich noch schwieriger sein als in der Uni. Wäre aber sicherlich mal einen Versuch wert.

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  6. Volker Schnitzler hat seine Gedanken weiter fortgeführt (http://bit.ly/1341CtR) und auch ich habe bei mir weiter gedacht (http://bit.ly/12PG1n4). Spannendes Thema!

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