Dienstag, 16. April 2013

Die Messe lesen


"Aber am Pfingsmontag kann ich nicht, da hab ich im Dom ne Firmung"
Diesen Satz habe ich keineswegs aus der abgefangenen Post unseres Bischofs - die wird direkt an den Spiegel weitergeleitet - sondern er stammt aus einer Nachricht von mir an eine Bekannte. Nun bilde ich mir natürlich nicht ein, mein Erscheinen im Dom sei irgendwie konstitutiv für die dort ablaufende Firmung. Es ist aber ein schönes Beispiel für den Jargon, der sich einschleicht, wenn man 15 Jahre lang Messdiener ist und in den meisten der besuchten Messen auch ministriert. Dann schleift sich das "Da besuche ich die Messe" oder "da ministriere ich" ab zu "Da hab ich Messe".

"Da hab ich Messe" ist ein Satz, den eigentlich nur ein Priester sagen kann. Dann ist das die Populär-Version von "Da halte ich die Messe". Bei solchen Formulierungen fangen Tradi-Molche wie ich an auf ihren ergonomischen Bürostühlen in ihrem high-tech Home-Office mit angeschlossenem Marienschrein herumzurutschen und erklären, das Wort "halten" sei wenig glücklich im Kontext der Messe. Denn halten lässt sich leicht zu unterhalten ergänzen. Und leider mache ja auch der Priester in der heutigen Eucharistiefeier genau das. Er unterhalte die Gläubigen und mache damit die Messe zum Entertainment. Genau das aber ist die Messe aber nicht. Vor allem, da man die Messe nicht "macht", die war nämlich irgendwie schon immer so. In dem Moment, wo der Priester oder - bebend vor Angst und Widerwillen - gar der Pastoralausschuss des Pfarrgemeinderates dieMesse macht, hört sie in gewisser Weise auf Messe zu sein und wird vom Gottesdienst zum Menschendienst.

Viel schöner finden ich als Mitglied der benedettophilen Bassgeigenkaselfraktion die alten Begriffe: die Messe lesen und die Messe singen. Und sie geben auch hervorragend wieder, was 1400 Jahre lang Usus in der Eucharistiefeier war und was Benedikt XVI. mit Pompal-Mitren und Fanon wieder ins Bewusstsein der Gläubigen gerückt hat und was sein Nachfolger durch liturgische Zurücknahme fortsetzt: Messe macht man nicht, sondern in der Messe wird das vollzogen, was Christus getan hat und wer an der Messe teilnimmt, der nimmt Anteil an diesem Heilsgeschehen. Wenn der Priester die Wandlungsworte spricht, ist er Christus und wir sind die Apostel im Abendmahlssaal; wenn er die Hostie zeigt sind wir alle die Frauen und Männer, die in der Nähe des Kreuzes stehen und auf den geschundenen Leib des Erlösers schauen, dann sind wir die Völkerströme, die am Jüngsten Gericht zum Thron des Lammes aufsehen und ihm huldigen. Dieses Konzept von Messe duldet kein Machen, denn es ist Nachahmung und Teilhabe.

Entsprechend bietet sich die Formulierung "die Messe lesen" an. Denn im Lesen ist wenig kreativ-machendes. Lesen als mechanischer Vorgang meint nichts anderes als die Wiedergabe der Zeichen, die gelesen werden. Als künstlerischer Vorgang meint Lesen des Weiteren, die inhaltlich korrekte Wiedergabe, wenn man z.B. einen traurigen und einen lustigen Abschnitt nicht in gleicher Stimmhöhe liest. Diese Veränderung wird aber nicht selbst produziert, sondern sie wird in Übereinstimmung mit dem gelesenen Text vollzogen. In der Messe erleben wird dies z.B. wenn der Priester die Armhaltung verändert, sich verneigt oder kniet etc. Lesen verlangt demnach keine Kreativität, sondern bestenfalls die Fähigkeit, den gelesenen Stoff zu verstehen und sich dementsprechend zu verhalten.

Im Terminus "die Messe singen" wird diese Kompetenz noch einmal stärker in den Blick genommen. Denn Singen bedeutet ja nicht, einfach irgendwie irgendwas lautmäßig wiederzugeben. Sondern nach einer bestimmten Partitur Töne mit der Stimme zu erzeugen. Die Qualität des Gesanges hängt dann davon ab, wie gut man die Töne wiedergeben kann, die auf dem Blatt stehen. Der Anfänger wird demnach bemüht sein, nicht das Stück etwa irgendwie zu singen oder so, wie es ihm in den Kram passt, sondern möglichst genauso, wie es da steht. Das unterscheidet den Musiker von vielen Hobby-Liturgen in den Liturgieausschüssen, die nach ihrer Kenntnis Laien sind aber das Stück so singen wollen, wie es ihnen grade gefällt. Kein Musiker würde so ernst genommen. Eine "eigene" Note kann man erst in dem Moment einbringen, indem man eine hohe Meisterschaft erreicht hat. Dann geht es aber auch nicht darum, das Stück anders zu singen, sondern die Schönheit und die vielen Dimensionen der Musik besonders gut hörbar zu machen. Große Musik-Stars wie Karajan waren regelrecht davon besessen, Mozart oder Beethoven optimal authentisch - gemessen an Mozart und Beethoven - zum klingen zu bringen. Gleiches findet man in der Messe. Priester wie der Hl. Pater Pio waren als Zelebranten ein Erlebnis besonderster Art, nicht weil sie irgendetwas eigenes machen wollten, sondern weil sie die Messe besonders intensiv und tiefgreifend sangen.

"Die Messe lesen" und "die Messe singen" sind daher als Formulierungen besonders gut dazu geeignet, den Wesenszug der ars zelebrandi wiederzugeben. Die Messe wird nicht von uns gemacht oder von uns zum Vergnügen inszeniert, sondern sie wird nachvollzogen und an ihr wird teilgenommen. Benedikt XVI., der ganz versunken die Messe zelebrierte, und Franziskus, der fast dialogisch mit dem Herrn die Elevation vollzieht, sind gute Beispiele von heute für diese hohe Kunst, die uns Demut lehrt und Gott nahe bringt.

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