Donnerstag, 7. März 2013

Begegnung der X. Art

Vor einiger Zeit hatte ich eine Begegnung der X. Art. Zyniker würden sagen, ich wurde mit der nackten Wirklichkeit in katholischen Gemeinden konfrontiert, UA-Molche würden es als Ausdruck eines dramatischen Verlustes an Glaube und Gehorsam bezeichnen. Natürlich ist das hier ein subjektive Darstellung, aber ich will mich doch ehrlich bemühen, die Sache so darzustellen, wie ich sie erlebt habe.

Neben anderen Tätigkeiten arbeite ich in einer Kirche. Zum Team gehören auch drei Herren, die schon deutlich älter sind als ich (was nun nicht so schwer ist). Wie's halt so ist standen wir vor kurzem zusammen und haben ein bisschen geplaudert. Unter anderem habe ich auf Nachfrage erzählt, dass ich Geschichte und Theologie studiert habe und nun in der Katholizismusforschung promoviere. Daraufhin meinte einer, da könne mir aber der, gleichfalls anwesende, Kollege einiges erzählen, der wisse mehr als der Pfarrer. Meinen Bericht, den habe ich neulich bei uns in meiner Heimatpfarrei gesehen, wurde nicht weiter kommentiert, war aber Gelegenheit, mich auf den Fastenbrief des Bischofs anzusprechen. An dem fand ich jetzt persönlich nichts schlimmes. War da aber auch der Einzige, da sich der Bischof für die Messe als ordentliche Form des Gottesdienstes ausgesprochen hat und die Wortgottesfeiern daher nicht so gerne sieht. Lautstark wurde mir darauf eine Anekdote erzählt, deren thematischen Zusammenhang ich nur nach langem Nachdenken ermitteln konnte. Anschließend legte ein weiterer Kollege nach, der nachdrücklich erklärte, die Messpolitik des Bischofs mache es alten Menschen, die ja ohnehin den Großteil des Publikums stellten, unmöglich, zur Messe zu kommen, bzw. es werde ihnen erschwert. Es folgte eine allgemeine Lamentation darüber, dass die Alten, die die einzigen Engagierten der Pfarrei seien, ins Abseits getrieben würden. Verstärkt wurde das mit dem Hinweis, er selber sei seit 65-70 Jahren in der Pfarrei ehrenamtlich aktiv und sei einer der ersten gewesen, die als Kommunionhelfer u.ä. ausgesandt wurden. Bis dahin fand ich das ganze zwar noch etwas schräg, weil er auf mich einredete, als könnte ich was dafür, und hielt die Argumentation auch für einseitig. Aber ich war doch der Meinung, hier artikulierte sich eine konkrete Not der Basis, auf die die Hierarchie eingehen sollte. Nebenbei war an allem allein und grundsätzlich die Amtskirche schuld.

Dann aber schwoll mir doch ein bisschen der Kamm, als der Kollege mir auf einem Feld, wo ich doch ein bisschen Ahnung habe, erklären wollte, wie die Welt aussieht. Er holte nämlich zum großen theologischen Schlag aus und arbeitete ausführlich die wichtigsten Themen des Christentums ab - Frauenordination, wiederverheiratete Geschiedene und Zölibat. Ausführlich ist dabei eine Umschreibung für "Mist reden". Denn was er erzählt hat, stimmte hinten und vorne nicht. So sei das Zölibat im Mittelalter von rumhurenden Prälaten erfunden worden. Was ja nun grober Unfug ist. Meinem, so hoffe ich, freundlicher Hinweis, ich wüsste da schon ein bisschen was von und was er erzählte sei historisch falsch, so sei z.B. das Zölibat schon apostolischen Ursprunges, wurde geantwortet, und dann seien im Mittelalter beim Kreuzzug die Leute da runter gezogen ... Ja, wirklich! Kein Witz. Das das nischt damit zu tun hat, sah er nicht ein. Auch mein Angebot, ihm mal einen Text mitzubringen, lehnte er ab. Er habe seine Texte gelesen und seine Meinung sei richtig.

Anschließend ging es in etwas ruhigere Gewässer, ein weiterer Kollege war weniger nörgerlich, stand aber vom Grundsatz auf dem gleichen Standpunkt. Früher im Mittelalter - was auch immer damit nun gemeint ist - sei das ja so in Ordnung gewesen, wie die Amtskirche das macht. Damals seien die Menschen ja noch anders gewesen. Heute aber seien wir ja aufgeklärt und daher geht das nicht mehr. Ob wir heute so aufgeklärt sind, habe ich mal in Zweifel gezogen, führte das aber auch nicht weiter aus. Meine Bemerkung, beide, Amtskirche und Basis müssten wieder mehr miteinander reden als übereinander, wurde zwar zugestimmt, aber nur mit dem Hinweis, vor allem die Amtskirche müsse sich ändern. Immerhin brauche die Kirche die Menschen. Auf die Antwort, "und die Menschen die Kirche", kam ich leider nicht. Schlagfertig, woll. Dann legte ich dar, dass katholische Kirche Weltkirche sei und andere Länder andere Probleme hätten und man sich nicht selbst für den Mittelpunkt der Welt halten könne. Der Einwurf von der Seite, die Evangelische Kirche (Singular) sei aber auch ne Weltkirche, habe ich mal mit einem knappen "Nein" abgeschmettert. Gleiches übrigens auch beim Kommentar, man könne wohl über alles abstimmen - was ich zuvor mit Blick auf die Grundlagen des Glaubens verneint hatte. Zuletzt sprang ich dann fast aus dem Fenster (ebenerdig) als mir auf den Verweis der weltweiten Dimension der Kirche geantwortet wurde, "die" (Lateinamerika und Afrika) seine noch nicht so weit wie "wir". 2 + für postkoloniale Arroganz; für ne 1 fehlte die Formulierung "Und deswegen müssen wir für die mitentscheiden."

Aber das ist nichtmal so sehr das bedauerliche an der ganzen Angelegenheit.
Gut, wir haben hier drei ziemlich unbelehrbare Personen. Das ist ja per se weder außergewöhnlich noch so furchtbar tragisch. Bedauerlich aber ist, dass diese Leute wirklich etwas zu sagen haben. Mit ihrer jahrelangen Erfahrung in den Gemeinden und ihrem Ohr an der Basis könnten sie jede halbwegs kooperative Gemeindeleitung hervorragend unterstützten. Selbst wenn der Pfarrer nicht auf ihrer Linie liegt, können solche Menschen doch mit der Autorität auftreten, einen wichtigen Teil der Pfarrei darzustellen und sich somit als Partner für ein gutes Miteinander anbieten. Aber wenn diese Menschen mit dem Duktus der Rechthaberei und des Größenwahnsinns auftreten und meinen, sie hätten die Weisheit mit dem Löffel gefressen und könnten daher dem Priester und dem Bischof erklären, wie sich was wie in allen Fragen bis zum Dogma verhält, ja wie soll man denn damit reden. Wer nur die eigenen Meinung für richtig hält, schließt sich vom Diskurs aus. Und schaden damit der Sache, der sie vermeintlich zu dienen glauben, nämlich dem Gedanken der Reform. Denn eine Reform ohne Grundlagen, und nichts anderes wäre eine Reform vom Geist solcher Leute, wird scheitern. Und wird daher von jedem verantwortungsvollen Pfarrer und Bischof blockiert werden. Nebenbei haben die Herren natürlich auch keine Ahnung, was Reform im kirchlichen Sinne eigentlich bedeutet. Aber das erwartet man ja auch gar nicht mehr.

Kommentare :

  1. Ja, so was kenn ich, nur nicht in so extremen Rahmen.

    Bei der Planerstellung der Lektoren muß ich mir immer auf die Zunge beißen, was da für Meinungen geäußer werden (und vom Diakon auch noch unterstützt werden).

    AntwortenLöschen
  2. Meinen Respekt für die ausgebliebene geplatzte Schlagader.
    Ich hatte in der jüngeren Vergangenheit einige solche Diskussion, wenn auch mein Gebiet die Alte Geschichte ist. Aber auch da meinen die Leute alles zu Wissen und beurteilen zu können.
    Geschichte ist nunmal komplizierte und nicht schwarz-weiß. Ohne diese Grundlage zu verstehen ist der "aufgeklärte, moderne Mensch" ein arroganter Lackaffe. Ich bitte um Entschuldigung für die harschen Worte.
    Beste Grüße
    T.S.

    AntwortenLöschen
  3. Nach meinen Beobachtungen ist die Kirche doch sehr geteilt. Eine Kirche "light" für "heutige" Menschen und eine "katholische" Kirche, wobei letztere doch sehr klein ist, Wie man die beiden wieder zusammenführen kann, weiß ich auch nicht.Ich denke, das hängt mit der Mißachtung des 1. Gebots zusammen.

    AntwortenLöschen
  4. Abgesehen davon, dass ich froh bin über den ausgebliebenen Sprung aus dem Fenster, (wenn auch ebenerdig, man weiß nie, wie so was ausgeht) würde es mich doch sehr interessieren, was es sich mit folgender Aussage auf sich hat: Messpolitik des Bischofs mache es alten Menschen, die ja ohnehin den Großteil des Publikums stellten, unmöglich, zur Messe zu kommen, bzw. es werde ihnen erschwert? Ich kann damit jetzt echt nichts anfangen.
    Ich frage nur, weil meine Mutter auf die Achtzig zugeht und sie leider alles andere als das, was man eine fitte Seniorin nennen würde. Und kann sie mal die Hl. Messe nicht besuchen, dann deshalb weil es ihr an dem gegebenen Tag gesundheitlich (noch) schlechter geht als sonst.
    Also nochmal zur Eingangsfrage:wie sieht eine "Messpolitik" aus, die es älteren Menschen erschwert, die Messe zu besuchen? :-o

    AntwortenLöschen
  5. Gerade in den Breitengraden des Bistum Limburgs hat sich doch auch so einiges an der Messpolitik der Gläubigen geändert - natürlich nicht ohne zutun des Klerus. Mit der Auflösung der Kirchspiele in der Nachkriegszeit, dem Bau von Kirchen in jedem Ort in den 60er/70er Jahren hat sich eine Bequemlichkeit eingeschlichen, die es vorher nicht gab. Und offenbar wurde die Messe auch nicht mehr so wertgeschätzt. Wenn ich von älteren Generationen höre, wie viele Stunden da mancherorts zur nächsten Kirche gegangen wurde, später Busse etc. organisiert wurden...dann merkt man da einen ganz schönen Unterschied.

    AntwortenLöschen
  6. Aufgrund des aktuellen "Priestermangels" können nicht in allen Gemeinden/Orten jeden Sonntag Messen angeboten werden. Dafür gibt es dann ja, ersatzweise, Wortgottesfeier mit angeschlossenem Kommunionempfang. Unser Bischof ist da nicht so der große Freund von und hat es lieber, wenn die Gemeindemitglieder eine ordentliche Messe besuchen, auch wenn der Weg weiter ist. Und da alte Menschen tendentiell unmobiler sind als die Jüngeren erschwert er ihnen die Teilnahme am Gottesdienst.

    AntwortenLöschen
  7. Oops, da war gerade eine Server-Fehlermeldung. Ich versuch's noch mal.
    Danke für die Aufklärung wg. der "Messpolitik". Hatte keine Ahnung, wie ernst die Lage ist. Ich bin aber erst seit relativ kurzer Zeit wieder *zu Hause* und muss noch vieles wieder/neu lernen. Allmählich begreife ich, welchen Luxus ich hier (Domstadt) habe, wenn ich an jedem Werktag wählen kann, in welcher von zwei Kirchen ich abends die Messe besuchen kann.

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...