Mittwoch, 20. März 2013

Abstand und Nähe

Das Verhältnis eines Kindes zu seinem Vater ist von zwei Polen wesentlich bestimmt: Abstand und Nähe. Wenn das Kind nach oben blickt, sieht es den Vater hoch über sich emporragen und weiss um den Abstand, den der Vater zu ihm hat. Dann jedoch beugt sich der Vater hinunter, macht sich klein, kniet sich neben das Kind. Dann sind beide auf gleicher Höhe und das Kind freut sich sehr darüber, denn dadurch wird zwischen beiden Nähe hergestellt. Doch zugleich wissen beide, der Vater bewusst, das Kind unbewusst, dass dieser Moment nicht ewig dauert. Irgendwann wird der Vater sich wieder erheben und es kommt wieder Abstand in die Beziehung der beiden. So leben sie zwischen diesen beiden Polen in ständiger Spannung, die die Grundlage ihrer Beziehung ist. Denn der Vater beugt sich hinunter, weil er das Kind liebt und das Kind respektiert den Vater, weil er größer ist.

Dieses natürliche Verhältnis wird durch Gott geheiligt. Denn wie der Vater, so ist auch Gott zu seinen Kindern herabgestiegen und hat sich mit ihnen auf eine Ebene gestellt. So konnten die Pharisäer mit Gott diskutieren, so konnten die Jünger langsam in der Erkenntnis und der Heiligung heranreifen, ohne vom Donenrgrollen des Sinai verängstigt zu werden. Freilich, dort wo sich die Gottheit Jesu offenbarte, da löste sie auch Furcht und Zittern aus, wie besonders die Erlebnisse der Jünger auf dem See Genezareth zeigen. Zugleich vertiefte sich das Verhältnis der Jünger zum Herrn in dem Maße, indem sie beider Aspekte des Wesens Jesu ansichtig wurden: Jesus als Mensch, der ist wie sie, und Jesus als Gott, der ihnen fern ist. Erst nach Auferstehung und Himmelfahrt sowie der Herabkunft des Hl. Geistes war das Verhältnis der Jünger zu Jesus gereift, ausgeglichen und so gefestigt, dass sie bereitwillig alle Mühen auf sich nahmen und das Märtyrium erlitten.

In dieses Spannungsverhältnis zwischen Vater und Kind, Jesus und den Jüngern, sind auch wir Christen heute hineingestellt. Vor allem ist es das Verhältnis zwischen Hierarchie und Laien, indem diese Spannung gelebt werden muss. Sowenig die Beziehung der Jünger zu Jesus vollständig war, als sie seine Gottheit noch nicht begriffen haben, sowenig die Beziehung des Kindes zu seinem Vater vollständig ist, wenn dieser nur neben ihm kniet, sowenig ist auch unser Verhältnis zur Hierarchie vollständig, wenn wir in den Priestern und Bischöfen nur die Menschen sehen, die wie wir sind. Natürlich mögen wir das gerne. Natürlich freuen wir uns wie ein Kind darüber, wenn sich Papst Franziskus wie ein einfacher Dorfpfarrer gibt und jeden Gläubigen mit Händeschütteln aus der Kirche verabschiedet. Wie sehr würden sich manche freuen, wenn er sogar noch weiter ginge und sich nur noch wie ein Laie verhielte, der in einem Jacket in der Menge des Petersplatzes sitzen und mit den Wisiki-Jüngern im Stuhlkreis von gleich zu gleich sprechen würde.

Doch erfüllt er damit seinen Auftrag? Erfüllt der Vater seinen Auftrag, wenn er den Unterschied zwischem ihm und dem Kind verschwischt? Erfüllte Jesus seinen Auftrag, indem er nur als Mensch auftrat und nicht als jemand, der von Gott selbst seine Worte empfängt, weil er Gott selber ist. Die Hl. Schrift sagt, Jesus lehrte mit Vollmacht. Auch der Vater erzieht das Kind mit Vollmacht. Und so erzieht und lehrt uns auch der Papst mit Vollmacht, jener nämlich, die ihm als Bischof von Rom und Nachfolger des Petrus zukommt. Wir freuen uns, wenn er diese Macht, die er hat, nicht immer raushängen lässt. Wenn er sich als Pilger unter Pilgern bekennt, wenn er bescheiden auftritt, wenn er uns nahe ist und uns auf Augenhöhe begegnet. Zugleich jedoch wissen wir ob des Unterschiedes zwischen uns und ihm. Wir wir uns über seine Nähe freuen, so respektieren wir den Abstand zwischen uns. Seine Umarmung empfangen wir dankbar, seine Lehre in Gehorsam. Franziskus vor der St. Anna-Kirche im Gespräch mit den Gläubigen gehört ebenso zum Papstamt wie Franziskus am Ambo, der uns die Schrift auslegt. Beides erst macht ihn zum Papst und uns zur Herde.

1 Kommentar :

  1. Eigentlich ein gelungener Artikel, der mir fast aus dem Herzen spricht. Er hat aber eine große Schwachstelle:

    „Franziskus vor der St. Anna-Kirche im Gespräch mit den Gläubigen gehört ebenso zum Papstamt wie Franziskus am Ambo, der uns die Schrift auslegt. Beides erst macht ihn zum Papst und uns zur Herde.“

    Die Päpste haben bisher auf der Kathedra sitzend mit Mitra gepredigt! Dass Franziskus am Ambo predigt, ist ja auch schon ein Herunterbeugen.

    Mir kommt bei diesem Heiligen Vater definitiv die eine Seite zu kurz!!!

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