Freitag, 18. Januar 2013

Der Heilige, der Sünder und der Atheist

Es gibt Menschen, die haben die erste Initialzündung ihres Atheismus durch die Diener der Kirche selbst erhalten. Mit Entsetzen haben sie bemerkt, dass auch die Priester und Ordensleute keine Heiligen sind, sondern sündige Menschen. Das hat ihnen den ersten großen Stoß gegen die Kirche und Gott gegeben, da sie dort nicht das Maß an Vollkommenheit fanden, dass sie erwartet haben. Dabei übersehen sie, dass gerade der Heilige als erster zugibt, dass er ein sündiger Mensch ist. Es gehört ja zu den besonderen Merkmalen der Heiligen, sich gerade nicht für besonders heilig halten. Im Gegenteil. Wer z.B. Teresa von Avila liest, dem tritt nicht eine Frau entgegen, die mit ruhiger Souveränität im Vollgefühl der ihr von Gott geschenkten Glorie den Unwissenden und Sündhaften Weisheiten unterbreitet. Sondern hier spricht eine Sünderin zu Sünderinnen, eine Suchende zu Suchenden. Der Atheist sieht auf die sündhaften Diener der Kirche und wendet sich entäuscht ab. Der Heilige blickt auf sie und wird dabei an sich selbst erinnert. Der Atheist sucht die Gemeinschaft der Vollkommenen und da er sie nicht findet, meint er, es gebe sie nicht und daher auch nicht den Schöpfer, der sie hervorbringen soll. Der Heilige weiss sich in der Gemeinschaft der nach Vollkommenheit Suchenden und findet in der Schwäche der anderen einen Teil der eigenen Schwäche wieder.

Dies führt uns auf ein weiteres wichtiges Merkmal, das den Heiligen vom Atheisten, ja eigentlich von jedem anderen Menschen trennt: Der Heilige richtet nicht. Jesus ermahnt uns in der Schrift: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ (Mt 7,1) Einige legen dieses Wort dergleichen aus, das man keine Meinung bewerten darf und daher alles für gut zu halten hat. Der wahre Sinn der Schrift erschließt sich jedoch im Umgang heiligmäßiger Menscher mit diesem Wort. In seinem Buch auf den Höhen des Geistes erzählt Sergej Bolsakov von mehreren Begegnungen mit Menschen, die im Herzensgebet weit fortgeschritten sind und die nicht richteten. Zwei Erzählungen machen dabei den Sinn dieses Wortes besonders deutlich. In dem einen berichtet der Erzähler einem alten Mönch von den Meditationen der Buddhisten, mit der Bemerkung, diese ähnelten der Technik nach sehr dem Herzensgebet. Der alte Mönch nimmt das zur Kenntnis, kommentiert es aber nicht. Ein andermal lobt der Autor besagten Vater vor einem anderen Weisen, der die Rechtschaffenheit und die weise Lehre des genannten bestätigt. Darin kommt klar zu Ausdruck, was es bedeutet, nicht zu richten: Man mag bestimmte Meinungen im positiven beurteilen, aber besonders Personen nicht im negativen verurteilen. Man darf bestätigen, was wahr und gut ist, aber man darf nicht gegenüber einem Menschen auftreten und erklären, er fahre in die Hölle.

Der Heilige hat damit verstanden und verinnerlicht, was die meisten Menschen noch lernen müssen: Niemand kennt einen Menschen wirklich außer Gott und daher kann auch nur Gott einen Menschen wirklich beurteilen. Das korrespondiert mit einem Satz von Chesterton, der meinte, es genüge dem Heiligen, heilig zu sein; er wünsche nicht, dies anderen vorzuenthalten. Aus dieser Haltung heraus entsteht das Handeln des Heiligen. Sein größter Kritiker ist er selber, weil er zuforderst an sich selbst arbeitet. Doch vermag er das nicht aus sich selber, sondern er empfängt es als unverdiente Gnade Gottes. Im zweiten strebt er danach, dass, was er empfangen hat, weiterzuschenken. Diese Bewegung des Heiligen kann uns Vorbild sein. Er blickt zunächst auf Gott, dann auf sich und dann auf den Nächsten. So gelingt es ihm, sich dem anderen Liebevoll zuzuwenden und sich nicht wegen seiner Sünden von ihm abzuwenden, weil er sich selbst als Sünder und als Bedürftiger weiss.

1 Kommentar :

  1. "Er blickt zunächst auf Gott, dann auf sich und dann auf den Nächsten. So gelingt es ihm, sich dem anderen liebevoll zuzuwenden und sich nicht wegen seiner Sünden von ihm abzuwenden, weil er sich selbst als Sünder und als Bedürftiger weiß"
    Wenn das einen Heiligen ausmacht, dann habe ich vor kurzem einen Heiligen kennengelernt - er war Priester in unserer Gemeinde!

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