Dienstag, 18. Dezember 2012

Die Macht der Demut

Fortsetzung von hier.
Aber dieser Abgrund ist mein Heil, wenn ich ihn anerkenne! "Wer sich erniedrigt, wird erhöht werden" sagt die menschgewordene Wahrheit. "Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade" (Jak 4,6). Ich begreife das. Ich begreife, daß die Allmacht auf diese Weise handelt. Die Wahrheit ist eine Beziehung zwischen zwei Endpunkten, die sich einander nähern. Diese Beziehung zwischen Gott und dem Menschen besteht darin, daß Gott das Sein selbst ist und der Mensch das "Nichts". Sobald ich das anerkenne, bin ich in Übereinstimmung mit der Wahrheit, die Gott ist. Es ist wohl klar, was gemeint ist: Ich befinde mich in einem Zustand, an dem Er Wohlgefallen hat, und deshalb erbarmt Er sich meiner.
Gott ersehnt nichts so sehr, wie sich zu erbarmen und zu helfen. Deshalb wartet Er darauf, es tun zu können. Ich möchte sagen: Mit Ungeduld, wenn er zur Ungeduld fähig wäre. Denn der Name "Sein", den ich Ihm gegeben habe, ist unvollständig. Dieses Wesen, daß aus sich selbst ist, ist die Liebe selbst, sich selbst schenkende Liebe. Sich schenken ist sein Leben. Er tut nichts als das. Ewig schenkt der Vater dem Sohn diese unendliche Liebe, deren Quelle und Meer, dere Ursprung und Ziel Er ist. Der Sohn, von dieser Tätigkeit des Vaters angeregt, gibt dem Vater - oder besser in seinem Vater - diese Gabe zurück. Diese Hingabe vereint beide miteinander, bindet den einen an den anderen und hält den einen im anderen fest. Die Liebe, die Vater und Sohn vereint, geht aus beiden hervor und bringt sie ihrerseits wieder hervor; die Liebe erleuchtet sie und macht sie sichtbar, damit sie sich außerhalb ihrer selbst verströmt und sich den Geschöpfen mitteilt. Diese sollen sich, von derselben Bewegung belebt, verschenken wie der Vater und der Sohn und so mit ihm vereint sein.
Der Beter erfleht diese Mitteilung des Geistes der Liebe. Er bittet Gott, sich ihm zu schenken. Er erbittet also das, was Gott unendlich ersehnt. Zwischen diesem unendlichen Verlangen Gottes und dem Beter besteht also Übereinstimmung, Harmonie, ein vollkommener Gleichklang. Der demütige Beter erkennt an, daß ihm dieses göttlichen Wesenselement, sich zu verschenken, fehlt. Er erkennt an, daß er es nur haben kann, wenn die göttliche Liebe sich ihm mitteilt. Seine Demut rührt an das Herz Gottes und gibt Ihm die Ehre, die Er über alles schätzt. So empfängt die Demut ihre Macht.
Quelle: Augustin Guillerand: Im Angesicht Gottes, S. 60f.

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