Montag, 12. November 2012

St. Martin: Zwischen Mantel und Taufbecken

Ameleo hat in ihrem Lesenswerten Blog Frech Fromm Frau wieder einmal eine Breitseite gegen frömmelnde Kirchgänger wie meineiner abgegeben - zu lesen hier.

Aber nein, mal im ernst: Sie hat auf ein reales Problem hingewiesen. Es gibt Leute, die zwar gerne und oft in die Kirche gehen und vielleicht auf fleißig beten, die ihr Christentum aber an der Kirchentür bzw. am Ausgang des Oratoriums abgeben. Diese werden mit den Schriftgelehrten verglichen, die zwar fromm scheinen, nicht aber fromm handeln. Diesen werden die Praktiker gegenübergestellt, die ihre Zeit nicht damit verbringen, über einer Detaildiskussion bzgl. der bestmöglichen Übersetzung der Wandlungsworte zu brüten, sondern rausgehen und Nächstenliebe praktisch verwirklichen.

Aufgehängt hat sie das ganze an Heiligen wie Martin von Tours, Franz von Assisi oder Hildegard von Bingen, die durch ihre Orthopraxie, nicht ihre Orthodoxie zu zeitlosen Stars des christlichen Europas wurden.

An den Überlegungen ist sicherlich viel zutreffendes. Der Sonntagschrist ist sicherlich nicht das, was Christus für seine Jünger gewollt hat. Allerdings  ist die Unterscheidung und Bewertung von Orthodoxie und Orthopraxie kritisch zu würdigen. Nur weil die Orthopraxie eines Heiligen bekannter ist, bedeutet das nicht, dass sie wichtiger ist. Die Heiligen sind ja nicht heilig, weil sie sich so vorbildlich verhalten haben, sondern weil sie so vorbildlich geglaubt haben und weil aus diesem Glauben heraus die Werke geflossen sind.

Einige Punkte mögen das verdeutlichen:
Die bekannteste Tat des Hl. Martin ist in der Hagiographie sicherlich die Szene, wo er einem Bettler, der sich als Christus erweist, die Hälfte seines Mantels schenkt. Allerdings erschöpft sich das Leben des Heiligen damit nicht. So missionierte er in seiner Heimat Pannonien, eine Aufgabe, die er aufgeben musste, weil er sich entschieden gegen den Arianismus wandte. Als Eremit und Asket lebte er in der Nähe von Tours, wo er zum Bischof geweiht wurde. In den nächsten Jahren war er sowohl organisatorisch als auch missionarisch tätig, freilich ohne seinen äußerst bescheidenen Lebenswandel aufzugeben. Wir sehen also, Martin war alles andere als ein freundlicher Gutmensch, der den Glauben Glauben sein ließ, sondern ein Mann, dessen Nächstenliebe sich aus dem Bewusstsein speiste, dass nur der rechte Glaube an Christus dem Menschen das ewige Heil sichern kann und der sein ganzes Leben in den Dienst der Verkündigung durch Wort und Tat stellte.

Auch Franz von Assisi ist kein lieber Naturbursche, als der er modern so gerne dargestellt wird. Bei aller Liebe zu den Mitmenschen hat er ihnen nie nach dem Mund geredet. Streng war das Armutsideal, dem er sich und seine Anhänger unterwarf und hart sein Leben, dass ihn bis an den Nil führte, um den Herrscher Ägyptens zu missionieren.

Und die Hl. Hildegard? War keineswegs die liebe Sonnenblumenölkommunarde im Nonnengewand, die die Esoterik gerne aus ihr macht. In ihr tritt uns eine Frau gegenüber, die an sich und ihre Umwelt hohe Ansprüche stellte, wenn sie ihren  von Krankheit geschwächten Körper über Feldwege quälte um Bischöfen, Priestern und Volk Mahnpredigten zu halten. Zudem ist gerade Hildegard für ihre besondere Liebe zur Liturgie bekannt.

Kurz und gut: Der Reiz und die Vorbildfunktion der Heiligen liegt keineswegs in einigen wenigen Szenen ihres Lebens, die sie uns heute so gerne als gutmenschliche Vorbilder erscheinen lassen. Heilige sind große Menschen und das bedeutet, sie sind schwierige Menschen. Wer einen Heiligen zum Vorbild eines weltökumenischen Do-it-well-Christentums erhebt, der tut ihm unrecht. Der Heilige Martin schenkte dem Bettler seinen halben Mantel, ganz egal, ob der Christ war oder nicht. Aber ob er Christ war, das war Martin ganz sicher nicht egal. Somit sind beide Aspekte im Leben des Heiligen wichtig. Denn beide sind Akte der Nächstenliebe. Wer nicht will, dass der Nächste im Winter friert, der will auch nicht, dass er in der Hölle schmort. Orthodoxie und Orthopraxie bilden hier eine Einheit, die uns Vorbild sein will.

Zum Thema auch empfehlenswert ist dieser Post von Frischer Wind.

Kommentare :

  1. "Die Heiligen sind ja nicht heilig, weil sie sich so vorbildlich verhalten haben, sondern weil sie so vorbildlich geglaubt haben und weil aus diesem Glauben heraus die Werke geflossen sind."

    Darf ich bei diesem ansonsten vollkommen richtigen Satz nach "Glauben heraus" noch die wichtigen Worte "unter Mitwirkung mit der Gnade" einfügen?
    Ein sehr guter Beitrag, vergelt´s Gott, lieber MC!

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  2. Ein gute Ergänzung, um noch einmal das gnadenhafte Geschehen zu betonen. Da aber auch der Glaube die Gnade vorrausetzt habe und der Gesamtprozess also per se gnadenhaft begleitet werden muss, habe ich das weggelassen. Dennoch Danke für den wichtigen Hinweis.

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