Dienstag, 27. November 2012

Mein Bauch gehört ...

Als Fundi-Katholiken sind wir gegen Abtreibung.
Das muss hier nicht weiter ausgeführt werden.
Allerdings könnte man meinen, wir sind damit ziemlich allein auf weiter Flur. Denn der allgemeine Gesellschaftstrend geht ja dahin, dass der Abbruch der Schwangerschaft (Achtung Verharmlosungsformulierung!) Ok ist, da die Frau ja selber bestimmen kann, was so in ihr heranwächst.

Dankbarerweise stellt jetzt aber eine betroffene Frau die Frage, ob die Frauen wirklich frei bestimmen können, wie sie z.B. mit einem behinderten Kind in ihrem Bauch umgehen. Denn sie selbst hat das ganz anders erfahren. Monika Hey erfuhr bei einer Ultraschalluntersuchung, dass ihr Kind Das Dawn Syndrom habe. Doch anstatt diese Erkenntnis erstmal Sacken zu lassen, haben ihr die behandelnden Ärzte ziemlich deutlich zum Abbruch der Schwangerschaft geraten. So deutlich, dass sich Frau Hey regelrecht bedrängt, ja schier genötigt und vor allem überfordert fühlte. So hat sie sich letztlich, gegen ihr Bauchgefühl, dazu entschieden, dem Rat bzw. dem Druck der Ärzte und des medizinisch-gesellschaftlichen Systems nachzugeben und das Kind abzutreiben. Über diese Erfahrungen hat sie nun ein Buch geschrieben: Mein gläserner Bauch.

Einige Ausschnitte aus dem Interview, das hierüber mit ihr geführt wurde, mögen das ganze illustrieren:
Wir stehen als schwangere Frauen einem gutorganisierten medizinischen System gegenüber, über das wir zu wenig wissen. Die Schwangerschaft ist der ungünstigste Zeitpunkt, um sich über Fragen der Pränataldiagnostik Gedanken zu machen. Frauen müssen schon vorher besser informiert sein, um sich vor dem schützen zu können, was mit der Pränataldiagnostik an sie herangetragen wird. Sie sollten tun können, was sie wollen, und nicht, was sie wollen sollen.
Ich stand auch unter dem Druck, schnell zu entscheiden. Man sagte mir, dass der Abbruch sonst nur noch als Geburtsvorgang möglich wäre. Da bekam ich Angst. Es erschien als einziger Trost, dass ich das Kind gar nicht mehr zur Welt bringen müsste.
Die Verantwortung wird hin und her geschoben. Natürlich sind die Frauen verantwortlich. Aber Sie haben, auch wenn Sie Akademikerin sind, sehr schnell das Gefühl, von den medizintechnischen Prozessen überrollt zu werden. Pränataldiagnostik ist schließlich auch ein Geschäft.
Ich hatte überhaupt keine Orientierung mehr. Ich war überfordert und allein. Diese Ohnmachtsgefühle sind unbeschreiblich.
Ich habe ihn von Anfang an bereut. Ich hatte durchgängig das Gefühl, ich mache mich schuldig. Aber weder mein Verstand noch meine Gefühle konnten mir helfen.
Es geht um die Tötung eines Kindes. Körper und Seele einer Schwangeren sind darauf ausgerichtet, das Kind zu schützen. Zu unterschreiben, dass das Kind abgetrieben werden soll, und selber dazu beizutragen, dass das Kind getötet wird, ist kaum auszuhalten.
Leistung bedeutet auch Anpassung an äußere Anforderungen. Um sich der Pränataldiagnostik zu verweigern, muss man aber extrem widerständig sein. Man muss - aus einem von Anpassung bestimmten Alltag heraus - begreifen, dass es hier um Leben und Tod geht. Mit der Frage der Pränataldiagnostik ist man darum auch im Zentrum einer Kritik an der Leistungsgesellschaft, die immer weniger Toleranz für Schwache hat.
Das ganze Interview gibt's hier.

Kommentare :

  1. "Meine Frauenärztin malte mir die Zukunft mit einem behinderten Kind in den schwärzesten Farben: ein Kind mit schwersten geistigen und körperlichen Behinderungen, das ich bis ins Erwachsenenalter wickeln müsste."

    Da hat die Frauenärztin schlichtweg gelogen. Denn sie wußte selbstverständlich durch ihren Beruf, daß die Diagnose "Down Syndrom" noch nichts über die Schwere der Behinderung sagt und daß die von ihr beschriebene Hilflosigkeit bei Trisomie extrem selten ist. Zahlreiche Menschen mit dem Down Syndrom sind mehr oder weniger unauffällig, ein bißchen dusselig, aber durchaus zu einem ziemlich selbständigen Leben fähig. (Sehr lesenswert übrigens der entsprechende Abschnitt im Wiki-Artikel.

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  2. Weil wir wegen LippenGaumenSpalte in der Familie diesen Super-4D-weißnichtmehrwieerheißt-Ultraschall machen ließen, kam auch die bange Frage auf - was wenn sich dabei herausstellt, dass das Kind behindert ist. Mein Mann und ich waren uns einig - es wird nicht abgetrieben, es soll halt so sein. Wir haben das aber niemanden gesagt, dass wir so denken.

    Ich bin mir sicher, wenn ich ein behindertes Kind bekommen hätte, hätte ich mich noch viele Male im Leben gefragt, ob das die rechte Entscheidung war und ob ich mein Leben nun weggeworfen habe und all sowas. Dabei ist es die richtige Entscheidung. Nur halt nicht für ein einfaches Leben.

    Ich glaube sehr viel ist heutzutage beeinflusst von der Vorgabe: ich darf das aber niemals bereuen, ich muss so leben, dass ich voller Stolz "no regrets" sagen kann. Aber alles mal bereuen und anders haben wollen und mit dem Schicksal hadern gehört dazu. Und nicht das zu tun ist die Niederlage, sondern darin stecken zu bleiben und zu hören, was andere sagen.

    Dennoch glaube ich, dass niemand, der kein behindertes Kind versorgen muss, wirklich urteilen kann.
    Trotzdem bleibt Leben Leben.

    Huppicke

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  3. Zumindest hat die Autorin mit diesem wirklich äußerst gut recherchierten und beachtenswerten Buch allen Frauen die Möglichkeit gegeben, sich umfangreich zu informieren und sie können so im Vorfeld, ohne Zeitdruck, eine für sie annehmbare Entscheidung treffen.

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