Samstag, 10. November 2012

El Escorial

 
Dem Freund europäischer Schlossarchitektur ist ein Besuch des Escorial erst am Ende seines Lebens anzuraten. Denn wer diesen Koloss aus Stein besucht hat, der wird in Zukunft die übrigen Schlösser mit ganz anderen Augen sehen und sie werden ihm, egal wie groß, klein erscheinen.

Denn dem Escorial fehlt alles, was die meisten Schlösser Europas, überwiegend im Barock entstanden, aufweisen. Zugleich besitzt er etwas, was kaum eines dieser Schlösser aufweist:
Er ist echt!

Der Escorial muss nichts vorspielen, nichts suggerieren oder immitieren. Hart, streng, unzweideutig steht er in der kastilischen Hochebene. Sein bloßes Dasein genügt, um zu beeindrucken und sich Herrschaft zu vergegenwärtigen. Weltenfern ist sein schmuckloses Äußeres von den verspielten Fassaden der übrigen Schlösser. Undenkbar, hier Spiegel einander gegenüber zu hängen, um den Raum künstlich zu vergrößern. Abwegig, durch olympische Deckengemälde das Dach künstlerisch aufzubrechen.

Der Besucher des Escorial ist versucht, dieses Monument spanischer Macht mit dem Sinnbild französischer Macht zu vergleichen, Versailles. Doch wird dies nicht nur ein Vergleich zweier Schlösser, sondern auch zweier Monarchen: Ludwig XVI. und Philipp II.

Dabei scheint der Vergleich eindeutig zugunsten Versailles auszugehen. Denn es ist schöner, größer (im Ganzen), prachtvoller und sein Erbauer gilt auch als der Erfolgreichere.

Wer sich jedoch in das Wesen beider Gebäude vertieft, der wird zu einem anderen Schluss kommen können. Denn die monumentale Fassade von Versailles ist wirklich nur eine Fassade, nur Theaterkulisse. Nichts Entsprechendes, Wirkliches liegt hinter den Mauern dieses überdimensionierten Feenschlosses. Der Escorial dagegen wehrt jede Kulissenhaftigkeit ab, kann sich aber unfreiwillig noch nicht ganz einem irrigen Eindruck entziehen. Denn während Versailles nach außen aussieht wie ein Traumort, war es nach innen Höflingsverwahranstalt und Kaserne. Und währen der Escorial nach außen aussieht wie eine Kaserne, ist er nach innen Kloster und Schule.

Wer durch die Räume und Gärten des Escorial streift und sich das gravitätische, ja düstere Zeremoniell vergegenwärtigt, das hier herrschte, für den wirken die Feste Ludwigs XVI., der als Kind König wurde, wirklich wie Kinderfeste. Und der Sonnenkönig, der den Apoll immitierte und sein Schlafzimmer in die Mitte seines Schlosses rückte, erscheint wie ein großmäuliger Parvenü gegen den größten Monarchen seiner Zeit, der den höchsten Monarchen aller Zeiten zum Zentrum seines Palastes machte. Und während jeden Morgen Ludwig der Sonne entgegensah, richtete Philipp II., wenn er im Bett lag, den Blick auf den Hochaltar.

Doch vielleicht ist der wahre Triumph des Klosterpalastes gegenüber dem Feenschloss das Leben selbst. Wer beide kennt, wird sofort meinen, der Escorial feiere den Tod, Versailles hingegen das Leben. Falsch ist das nicht und dennoch hat sich der Escorial das Leben bewahrt. Das ist auf den Zweck zurückzuführen, den beide Schlösser erfüllen sollten. Versailles, das ist eigentlich nur Ludwig XIV. Alle, die sonst noch in Versailles lebten waren nur Staffage für die Sonne Frankreichs. Als dieses Licht aber erlosch, endete auch die Bedeutung seines Schlosses. Keiner seiner Nachfolger konnte mit dem Riesenbau wirklich etwas anfangen und es blieb, bei allen Bemühungen, ein Torso, dem man das Herz aus der Brust gerissen hatte. Auch heute noch ist Versailles kaum mehr als ein Museumsstück, in dessen Seitenflügel gelegentlich das parlamentarische Frankreich sich die Ehre gibt. Doch Leben kann die Republik dem Monument des Mega-Monarchen nicht mehr einhauchen.

Im Escorial hingegen finden sich zahlreiche, unerwartete und nicht selten eigenartige Spuren von Leben. Die erste Spur bemerkt der, der aus dem Fenster der großen Bibliothek auf den Vorplatz blickt. Dieser wird zu bestimmten Zeiten des Tages von spielenden Kindern geflutet. Es ist Pause. Denn der Escorial nimmt noch immer seine Aufgabe war, Schule zu sein. Eine weitere Lebensäußerung erfährt, wer sich in der Schlosskirche aufhält. Auch hier wird der museale Charakter der Anlage zu manchen Zeiten aufgebrochen, wenn man plötzlich den Gesang von Männerstimmen vernimmt. Im Hochchor, den Blicken der Touristen entzogen, stimmen die Augustiner-Mönche, die hier in der Nachfolge der Hieronymiten leben, das Stundengebet an.

Es ist diese besondere Eigenschaft, die den Escorial noch einmal von den übrigen Schlössern abhebt. Sie sind nur Museen, Erinnerungorte vergangener Größe und Wünsche. Der Escorial erinnert sich nicht nur, er erfüllt auch noch immer, wofür er geschaffen. Er ist lebensvoll, gerade weil er über das Erdenleben hinausblickt. Noch immer werden hier die spanischen Könige begraben, noch immer gebetet, noch immer gelehrt. Philipp II., für den die Krone Spaniens eine Dornenkrone war, hat etwas geschaffen, was bleibt, auch nachdem die Kronjuwelen aus dem Escorial fortgezogen sind. Damit siegten er und sein Palast über Ludwig und sein Schloss, wie Christus über Apoll triumphierte.

1 Kommentar :

  1. Vielen Dank für die bildlichen und geistesgeschichtlichen Impressionen!

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