Montag, 22. Oktober 2012

Ideele Unterschiede zwischen Kirche und Moderne I

In seinem empfehlenswerten Post Glauben nach Gutdünken? Teil 1 hat Pro spe salutis von einer anthropolischen Wende gesprochen. Seiner Meinung nach liegt ein Kernproblem der Diskussion um den Katechismus darin, dass hier zwei Perspektiven aufeinanderprallen: Eine anthropologische Perspektive, die den Glauben vom Menschen her denkt und eine theozentrische Perspektive, die den Glauben von Gott her denkt. Ob ich jetzt den geistesgeschichtlichen Abriss in allen Details teile sei einmal dahingestellt, doch seine Analyse der Folgen ist stichhaltig. Daher habe ich mich entschlossen, diesen Aspekt aufzunehmen und  damit meine bisherigen Ausführungen zum Thema Katechismus zu ergänzen. Die vorherigen Posts gibt's hier, da und dort.

Zu diesem Zwecke wollen wir uns zum einen mit der Gewissensfrage auseinandersetzen, also der Frage nach der Bewertung unseres Lebens wie unserer Einzelentscheidungen, zum anderen mit den Zielen des Christen und des modernen Menschen. Hierfür wollen wir mit der Moderne beginnen.

Sie fusst ihrem Kern nach auf der Vorstellung von der Freiheit oder Autonomie des Gewissens. Diese Autonomie kann auf zweierlei Weise verstanden werden: 1. als eine Autonomie gegenüber Dritten, dass also meine Gewissensentscheidungen durch Dritte nicht anfechtbar sind soweit sie sie nicht tangieren und 2. der Autonomie gegenüber der Wahrheit. Beide Verständnisformen hängen eng miteinander zusammen. Denn ich kann meine Autonomie gegenüber Dritten nur dann konsequent herausstellen und mich in diesem Punkt von ihnen unabhängig machen, wenn ich davon ausgehe, dass es kein objektives Prinzip gibt, dass meiner subjektiven Entscheidung zuwiderläuft. Meine Gewissensentscheidung wird in diesem Kontext durch Dritte unhinterfragbar und unanfechtbar und entzieht sich, konsequent gedacht, damit jeglicher Begründungsnotwendigkeit. Volle Autonomie bedeutet, dass meine Gewissensentscheidung richtig ist, weil ich sie getroffen habe, unabhängig, was ein anderer davon denkt, denn es ist ja auch seine autonome Entscheidung, meine abzulehnen. Es handelt sich demnach bei meiner Gewissensentscheidung um einen originär subjektiven Akt. Jedwede vernünftig-objektive Argumentation ist für die Begründung der Entscheidung überhaupt nicht von Belang, weil ich sie nicht begründen muss. Solche Argumentationen dienen also entweder zur Vorbereitung des Prozesses oder zur postumen Vermittlung der Gewissensentscheidung.

Doch ist eine Aussage, die sich nur auf meine eigenen subjektiven Wünsche stützt, natürlich nicht diskursfähig, weil sie sich der Nachprüfbarkeit entzieht. Besonders brisant wird sie dann, wenn ich, was auf die meisten Menschen ja zutrifft, so inkonsequent bin und meine Gewissenentscheidung an eine höhere, objektive Autorität rückkopple. Diese Autorität nennen gläubige Menschen Gott. Dieser Mensch muss nun also seine Entscheidung zu begründen suchen. Hierfür gibt es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: 1. Möglichkeit: weil er mit Gott ein absolutes Prinzip anerkennt, was die schwächere Form der Inkonsequenz ist, und seine Entscheidung gegenüber Dritten damit auf Wahrhaftigkeit überprüfbar ist. 2. Möglichkeit: weil er Gott, der ja für das Ich ein Du ist, begründen muss, warum er dies oder jenes getan hat, wofür er sich einer expressis verbis christlichen Position schon sehr weit angenähert hat. Letzteres kann er auf zwei Weisen zu erreichen trachten. Er versucht es entweder objektiv zu begründen, indem er auf Folgen seines Handelns oder ähnliches verweist oder er erklärt es, was zutreffender und ehrlicher wäre, durch sein Bedürfnis.

Für Personen, die Gott als Prinzip oder als Du anerkennen, aber aus einem atheistisch-agnostischen Denkhintergrund kommen, bedeuten diese Überlegungen, dass eine subjektive Bedürfniserfüllung als Begründung für eine bewusstseinstranszendentale Realität herhalten muss. Einfach gesagt: Ich fühle es, also ist es wahr. Für Christen hat das zur Folge, dass der Gott des Gewissens nicht zum Gott der Offenbarung wird, sondern zum Gott des Ichs. Das Du Gottes löst sich im Ich des Menschen auf, sodass, ein Wort Bultmans aufgreifend, vom Menschen reden heisst, von Gott zu reden.

Eine solche, zutiefst emotionale und personale Argumentation kann sich natürlich keine Institution zu eigen machen, schon gar nicht, wenn sie davon ausgeht, dass es eine ewige Wahrheit gibt, nach der sich der Mensch ausrichten muss und nicht eine wandelbare Wahrheit, die sich nach dem Menschen auszurichten hat. Es gibt somit nur eine einzige Wahrheit, die durch Jesus Christus den Menschen geoffenbart worden ist. Natürlich war und ist es nicht möglich, diese Wahrheit vollständig, in ihrer ganzen Fülle niederzulegen, hat doch schon der Evangelist Johannes gesagt, dass alle Bücher der Welt nicht ausreichen würden, alles aufzuschreiben, was Christus getan und verkündet habe. Folglich ist es nicht so, dass das katholische Lehramt einfach nur Wahrheiten predigen würde, die alle mal vor 2000 Jahren aufgeschrieben wurden und danach nie mehr neu eingefasst wurden. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, die Gegenwart in der Offenbarung zu spiegeln und auf konkrete sich stellende Fragen Antworten zu finden, die sich mit dieser Offenbarung decken. Da sich Geschichte in Aspekten wiederholt, kann und muss das Lehramt dabei die Aussagen vergangener Zeiten mitrezipieren und aus dieser 2000 Jährigen Tradition seine Antworten schöpfen. Grundsätzlich gilt dabei, dass es auf ein und dieselbe Frage nicht zwei verschiedene Antworten geben kann, ohne dass eine von beiden irren würde. Denn etwas kann nicht heute wahr sein und morgen falsch, es sei denn, es ist einer seinsmäßigen Veränderungen unterworfen worden. Wenn aber alle Wahrheit von Gott kommt, dann müsste Gott, vom Hl. Thomas als unbewegter Beweger beschrieben, sich verändern, eine Vorstellung, über die dem Menschen jedes Urteil entzogen ist. Folglich ist die streitende Kirche der Moderne an die Antworten der Kirche früherer Zeiten rückgebunden und kann ihr nicht dort widersprechen, wo diese schon immer eine bestimmte Meinung vertreten hat. Vielmehr wird sie stets auf diese Meinung rekurrieren, um aus dieser Stärke heraus die Lösungen für neue Herausforderungen zu finden. Diese Fähigkeit der Kirche, Neues im Bewusstsein des Alten vernünftig und organisch zu integrieren und somit objektiv unbewusst aber von göttlicher Hand geführt die Einzelgründe zur Gesamtüberzeugung zusammenwachsen zu lassen, ist der Kern ihrer Dauer und ewigen Modernität. Modern insoweit, als sie sich ständig anpasst und ewig soweit, dass die Anpassungen in der Ewigkeit verhaftet sind.

In diesem Spannungsfeld der Kirche lebt auch der Christ mit seinem Gewissen. Denn der Grundsatz der Kirche, das das Neue immer aus dem Alten schöpfen muss, das die Wahrheit nicht situationspassend erfunden werden kann, ist in der heutigen Zeit, in der neu gut ist, natürlich höchst problematisch und schwierig zu verstehen. Wer will, wer kann heute noch mit Hinweis auf Aussagen von Personen, die vor Jahrhunderten gelebt haben, begründen, das z.B. Empfängnisverhütung eine Sünde ist, um ein populäres Thema zu nehmen. Das Maximum, um beim Thema zu bleiben, dass ein Katholik heute zulassen kann, ist eine Ablehnung des Benutzens eines Kondoms ohne einen Grund außer dem Bedürfnis nach dem Geschlechtsakt. Wenn sich zu diesem aber noch der Wunsch nach Gesundheit hinzugesellt, etwa weil eine konkrete Gefahr der Ansteckung von Aids vorliegt oder um einem von Geburt an mit Aids infizierten Menschen den Liebesakt zu ermöglichen, dann stößt der Wille des Katholiken, dem kirchlichen Lehramt zu folgen, endgültig an seine Grenzen. Dann ist die Kirche wirklichkeitsfremd. Dann mutet sie einem Menschen etwas zu, was er nicht leisten kann oder zumindest etwas, was er sicher nicht leisten wird. Daher sollte Rom doch besser etwas Realistisches fordern, etwas, was die Menschen auch umsetzen werden und sie daher in ihrem Seelenfrieden und ihrer Gesundheit fördert und sie in beidem nicht belastet. Jesus hätte das so gewollt!

„Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel genannt werdet.“ (Mt 5,43-45) Wo bitte ist denn das realistisch und wirklichkeitsnah? Wo stellt das eine Forderung an die Gläubigen, die sie umsetzen werden. Legt nicht Jesus uns hier eine Last auf, die wir unmöglich erfüllen können und die unserem Seelenfrieden damit nur nicht förderlich sein kann, von unserer Gesundheit ganz zu schweigen. Was sind das also für merkwürdige Forderungen, die da durch Christus und die Kirche an uns gestellt werden, die wir nach unserem eigenen Ermessen gar nicht erfüllen können und die wir auch niemand anderem aufbürden wollen. Denn diese Forderungen sind offensichtlich für eine konkrete Lebensführung, für ein gutes, gerechtes und gesundes Leben alles andere als förderlich. Wer will schon seine Feinde lieben. Oder ihnen gar noch die andere Wange hinhalten. Gut für die Gesundheit ist das auch nicht grade. Sind also die Päpste, die Kirchenväter, Christus und die Autoren des Alten Testaments alle weltfremde Elfenbeinturmbewohner gewesen. Bei Jesus zumindest ist es unwahrscheinlich, der war Handwerker. Bodenständiger geht’s nicht mehr.

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