Samstag, 15. September 2012

Reliquiare VI

Brauchtum um das Kreuz im katholischen Europa

Zuletzt wollen wir verschiedene Kreuzfeste behandeln, wie sie im Mittelalter im heutigen Bistum Limburg begangen wurden. Diese lassen sich grob in zwei Bereiche teilen: Zum einen solche, in denen die Legenden um das Kreuz und neben dem Kreuz noch die Tagesheiligen stehen und solche, die ganz auf das Kreuz hingeordnet sind. Bei den ersten handelt es sich z.B. um die Feste von Kreuzauffindung und Kreuzerhöhung, bei letzterem die Karwoche, darunter besonders der Karfreitag.1) Zur Volkfrömmigkeit, die nicht selten Eingang in die Liturgie findet, gehören gerade auch Legenden, die das, was man sieht und was man glaubt, vorstellbar machen und nicht selten ausschmücken. Um das Kreuz haben sich wesentlich zwei Legendentypen herum gebildet. Zum einen die Legende der Auffindung des Kreuzes durch die Mutter Konstantins, deren eine Version der Autor bereits angesprochen hat, und die Legende von der Rückholung des Kreuzes nach Jerusalem durch Kaiser Herakleios.

Der historische Kern der Legende ist die Verschleppung des Kreuzes durch die Perser im Rahmen der Eroberung Jerusalems 614. Herakleios führte in den folgenden Jahren zahlreiche Feldzüge, an deren Ende er die Perser, genauer die Sassaniden, 628 endgültig besiegte und das Kreuz 631 nach Jerusalem zurückführte. Diese Ereignisse wurden durch die Jahrhunderte ausgeschmückt, so dass der persische Großkönig zunehmend als grundböser, gotteslästerlicher Tyrann erscheint, wogegen Herakleios immer mehr zum Sinnbild eines christlichen Herrschers wird. Genannt sei hier nur die Legende, dass der Kaiser das Kreuz erst nach Jerusalem habe zurückbringen können, als er es selbst in eigener Person in die Stadt trug.2) Doch zurück zu den Festen. Im Laufe der Jahrhunderte fanden die Kreuzfeste, wie sie in den Metropolen des Ostens begangen wurden, auch in die abendländische Kirche Eingang, wobei Rom, dass lange Zeit unter byzantinischem Einfluss verblieb, dabei eine führende Rolle einnahm. Beginnen wir mit den beiden Kreuzfesten „inventio“ und „Exaltatio sanctae Crucis“. In beiden Festen steht das Kreuz unbestritten im Mittelpunkt. Die Frage stellt sich daher, wie weit dieses Thema den Tag dominierte und wie weit andere Themen daneben Raum hatten. Diese beiden anderen Themen waren die Heiligen des Tages, besonders die Martyrer und die Legenden. Dabei kann man festhalten, dass die Tagesheiligen die weit größere Rolle spielten als die Legenden, die teilweise gar nicht vorkamen oder nur im Rahmen einer sehr verkürzten Erwähnung. Man kann dabei unterscheiden zwischen dem Fest Kreuzerhöhung und Kreuzauffindung. Besonders zum Fest Inventio ist das Kreuz der Mittelpunkt des Tages, wohingegen die Heiligen nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Für das Fest Kreuzerhöhung gilt das nicht, Hier kommt das Kreuzfest zwar vor, ist den Heiligen aber nur bei- und nicht übergeordnet.3) Alles dominierend wird das Kreuz dann aber in der Liturgie der Karwoche, im „Triduum Paschale“. In dieser Zeit, in der man den Gläubigen das Leiden Christi in der Liturgie vergegenwärtigen wollte, spielte das Kreuz als das Symbol des Leidens die zentrale Rolle, neben der alles andere verblassen musste. Besonders geschah dies am Karfreitag und in der Osternacht, wo es mit dem leidenden Christus quasi identifiziert und damit zur Hauptperson der Liturgie, mithin der Inszenierung wurde. Dies fand im Mittelalter noch deutlich plastischer und handgreiflicher statt. So wurden regelrecht szenische Darstellungen in den Kirchen aufgeführt, in deren Verlauf das Kreuz, es musste dabei keine Kreuzreliquie sein, bestattet wurde.4)

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1 Vgl. Krüger, S. 80.
2 Vgl. Krüger, S. 58-60.
3 Vgl. Krüger, S. 71.
4 Vgl. Krüger, S. 80.


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