Freitag, 14. September 2012

Reliquiare V

Kreuzreliquien im Westen
 
Bereits bevor die byzantinischen Kreuzreliquien geplündert und nicht selten geteilt und somit über das ganze katholische Europa verstreut wurden, gab es auch in diesen Gegenden Kreuzreliquien. Das hängt damit zusammen, dass durch die zunehmende Popularität des Kreuzkultes auch die Nachfrage nach erreichbaren Reliquien stieg. Aus diesem Grunde entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten der christlichen Herrschaft Jerusalems ein regelrechter Export von Kreuzpartikeln, für die teilweise sogar kostbare Reliquiare gleich mitgeliefert wurden, die in einer Goldschmiedewerkstatt der Chorherren vom Heiligen Grab hergestellt wurden. Es sind aus dieser Zeit indes nur noch sehr wenige Beispiele erhalten wie die Scheyerner Kreuzreliquie. Die wichtigste Quelle für Kreuzreliquien der katholischen Christenheit aber lag in Rom. Es handelt sich dabei um das große Stück, das Konstantin der späteren Basilika Santa Croce gestiftet hatte und von dem in bereits erwähnter Weise immer wieder kleine und kleinste Teile abgetrennt wurden. Es ist diese oft geringe Größe der Reliquien, die dazu führt, dass entgegen landläufiger Meinung, alle Kreuzteile zusammen kaum ein Drittel des Originals ergeben würden. Einschränkend hierzu muss erwähnt werden, dass diese Zählung nur den Bestand wiedergab, wie er Rohault de Fleury 1870 vorlag. Im Mittelalter mögen mehr Kreuzreliquien im Umlauf gewesen sein. Mit den kostbaren Reliquienkreuzen in Rom fanden zu bestimmten Feiertagen, besonders zum Fest der Kreuzerhöhung, Prozessionen durch die Stadt statt, so z.B. von Sancta Sancotrum zur Lateransbasilika. Am Karfreitag wird ein anderes Reliquienkreuz dem Altar von Sancta Sanctorum entnommen und vom Papst verehrt. Wir können darin gewisse Ähnlichkeiten zwischen den Riten in Jerusalem und Konstantinopel mit dem römischen erkennen, der vermutlich über Pilger vermittelt wurde.

Eine andere wichtige Kreuzreliquie des Westens ist das Reichskreuz, das zu den Kleinodien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gehörte. Es steht in der Tradition der juwelengeschmückten Prunkkreuze und ist schon allein dadurch ausgezeichnet, dass die darin aufbewahrte Kreuzreliquie mit 31 cm Länge alle anderen Partikel des Abendlandes an Größe übertraf. Dieses Stücke kam auf einem sehr viel friedlicheren Weg in den Westen als die Staurothek, da es ein Geschenk Kaiser Manuels I. an Konrad II. war.1)

Bei dieser Reliquie handelt es sich um ein Krückenkreuz von 77,5 cm Höhe und 70,8 cm Breite. Der Kreuzpartikel war in den senkrechten Kreuzbalken eingelegt, wohingegen im waagrechten die Heilige Lanze untergebracht war. Der Holzkern ist auf allen Seiten mit Goldblech beschlagen. Die Vorderseite ist darüber hinaus mit einem reichen Dekor aus Juwelen und Perlen geschmückt, die bei aller Reichhaltigkeit eine Ordnung aufweisen. Die Rückseite kommt ohne den Schmuck von Juwelen aus, ist aber mit gravierten und niellierten Darstellungen reich versehen. Im Zentrum steht das Lamm, das von elf Aposteln in den Kreuzbalken umgeben ist. In den quadratischen Enden erscheinen die Symbole der Evangelisten. Das Kreuz lässt sich an der Vorderseite öffnen und gibt den Blick auf mehrere Fächer frei, in die neben den Kreuzpartikeln und der Heiligen Lanze weitere Reliquien eingesetzt waren, wobei man sich bei letzteren nicht sicher sein kann, ob sie bereits am Anfang dort enthalten waren. Insbesondere mit den beiden Passionsreliquien verweist das Reichskreuz auf eine höfische Tradition, die vielleicht ihren Ursprung, zumindest aber ihre Inspiration in Byzanz hat. Denn die Tradition der crux gemata, die den Triumph Christi symbolisieren sollen, stammen aus dem Osten und sind von hier nach Rom gekommen, wo sie von den Päpsten über die dunklen Jahrhunderte an die christlichen Königreiche überliefert wurden. Denn erst um 1000 n. Chr. können wir solche Kreuze als kaiserliche Sieges- und Schutzsymbole feststellen, wenngleich im 10. Jhr. mit dem Interesse der Ottonen gegenüber dem byzantinischen Hofzeremoniell bereits eine Tendenz feststellbar ist. Das Reichskreuz gehört unter den nun entstehenden Reliquiaren sowohl zu den Ältesten als auch zu den bedeutendsten. Es wurde, wie andere seiner Art, nicht nur für festliche Prozessionen verwendet, sondern auch im Stil byzantinischer Kaiser im Krieg mitgeführt. Darauf verweist insbesondere die Heilige Lanze, die als siegbringender Talisman bereits unter den Ottonen Berühmtheit erlangte. Die gemeinsame Aufbewahrung der Reliquien in diesem Kreuz geht wohl auf die späte Ottonen- oder frühe Salierzeit zurück, wenngleich auch diese Tradition bereits in Byzanz vorhanden war und darin vermutlich seinen Ursprung hatte. Wenn dies so war, dann wurde die byzantinische Vorstellung von einer „crucidera lancea“, einer durch das Kreuz gekrönten (heiligen) Lanze hier durch die Zusammenführung in einer Reliquie abstrahierend umgesetzt.2)

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2 Vgl. Legner, S. 55-64.
3 Vgl. Kirchweger, S. 45-49.

Kommentare :

  1. Sehr guter Beitrag, MC! Es wird einem ja sogar bei Führungen in Klöstern erzählt, dass das Kreuz ja riesige Ausmaße gehabt haben müsse, wenn man alle Reliquien zusammennimmt, und daher die Reliquien nur Berührungsreliquien wären.

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  2. Danke.
    Ja, die Kreuzeswald-Story erzählt man gerne. Aber da muss man differenzieren. Die eigentlichen Kreuzreliquien sind ja bis auf ganz wenige alle sehr sehr klein, sodass zumindest die gut nachgewiesenen Kreuze durchaus echt sein können. So zwei Balken geben ja auch nicht grade wenige Splitter. Sicher dürften einige Reliquien nur Berührungsreliquien sein. Aber so wild ist das ja nun auch nicht.

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