Donnerstag, 13. September 2012

Reliquiare IV

Die Staurothek als Beispiel byzantinischer Kreuzreliquiare und Inspiration des Westens

Die Limburger Staurothek teilt mit vielen kostbaren Reliquien, die heute in den Kirchen des Westens ausgestellt sind, ein ähnliches Schicksal. Sie sind nicht ursprünglich Stücke der westlichen-katholischen Verehrung gewesen, sondern stammen aus Konstantinopel. Hier, in der alten Kaiserstadt des römischen Reiches, hatte sich das unter Augustus begründete Kaisertum und mit ihm seine Schätze erhalten. Konstantinopel war in einem Zeitraum von fast 900 Jahren trotz aller Kostbarkeiten, die hinter seinen Doppelmauern gesammelt wurden, nie eingenommen worden. So konnten sich neben weltlichen Schätzen auch geistliche erhalten, so konzentriert und so reichhaltig, wie nirgendwo sonst in der Christenheit. Erst als das katholische Abendland auf dem Vierten Kreuzzug zu seiner ewigen Schande diese Stadt plünderte, zerstreuten sich ihre Schätze. In diesem Zusammenhang kam, wenngleich nur indirekt über das nach der Eroberung gegründete Lateinische Kaiserreich, auch die Staurothek durch Heinrich von Ulmen an die Mosel und von hier nach Limburg.

So muss man, will man die Staurothek verstehen und sie ganz wertschätzen, vor allem als byzantinisches Produkt begreifen. Als solches ist sie vor allem deshalb herausragend, weil seine Entstehungsgeschichte und damit die Authentizität seiner Kreuzreliquie weit in die Vergangenheit nachvollzogen werden kann. Das ist durch zwei Stifterinschriften möglich, welche die Staurothek als kaiserliche Auftragsarbeit ausweisen. In der ersten sind zwei Kaiser genannt, Konstantin und Romanos, was nahelegt, dass sie zu diesem Zeitpunkt gemeinsam regiert haben. Dies trifft nur auf eine Paarung zu, Konstantin VII. Porphyrogennetos und Romanos II., die im Zeitraum von 945-959 gemeinsam herrschten. Mit der Stiftung des Reliquiars stehen die beiden Kaiser in einer langen Tradition, die bereits auf Konstantin und seine Mutter zurückgeht. Konstantin soll ein in ein kostbares Reliquiar eingefasstes Kreuz der römischen Kirche Basilica Sessoriana gestiftet haben. Nach diesem Kreuz wurde sie später als Santa Croce in Gerusalemme benannt. Nachweisbar ist die kaiserliche Stiftertätigkeit seit Kaiser Justin II. aus dem 6. Jhr.1) Die beiden Kaiser fassten auf ein Trägerholz insgesamt sieben unterschiedlich lange Kreuzpartikel, die sich vermutlich schon seit Jahrhunderten im kaiserlichen Besitz befanden. Dieses Kreuz wiederum wurde in eine Lade geborgen. Diese ist mit vergoldeten Silbertreibarbeiten, Juwelen und Emailarbeiten reich verziert. Auf der vergoldeten Rückseite findet sich eine Darstellung des Kreuzes mit verschiedenen umgebenden Verzierungen. Wichtig zu erwähnen ist, dass die Lade nicht nur das Reliquienkreuz barg. Vielmehr finden sich in ihr um das Kreuz herum angeordnet 33 Fächer. Davon liegen zehn direkt an der Lade und sind mit Engel-Darstellungen verziert, die gleichsam als Ehrengarde des Kreuzes dienen. In den größeren Fächern daneben, auf denen als Archai und Exousiai benannte Gestalten prangen, waren weitere Reliquien Christi, Mariens und Johannes des Täufers verborgen - bis sie unter Bischof Dominicus Willi in ein eigenes Reliquienkreuz überführt wurden. Der Rahmen wird durch verschiedene getriebene, punzierte und ziselierte Friese gestaltet, zu denen auch ein Inschriftenfries gehört. Zu dieser Lade gehört auch ein Schiebedeckel. Besonders erwähnenswert ist hier die Emailarbeit, die aus neun Plättchen besteht. Auf diesen sind die Evangelisten, Erzengel, Apostel, Maria und Johannes der Täufer als kaiserlicher Hofstaat dargestellt, die den thronenden Christus Pantokrator umgeben. Diese Platten sind von einem Schmuckrahmen umgeben, die mit edelsteinbesetzten Goldblattburdüren und Emailplättchen besetzt sind. Prachtvolle, mit Juwelen verzierte Schmuckbordüren beschließen unter- und oberhalb den Rahmen. Ein Palmettenfries leitet zur Lade über. Darüber befindet sich eine Inschrift, die den Stifter nennt, einen Basileos, der das Amt des Proedros inne hatte, eines wichtigten Hofbeamten. Besagter Basileos wirkte in der Zeit des Konstantin VII. bis zu Basileos II. 985 n. Chr. Die Stiftung bzw. die Verschönerung dieses kostbaren Reliquiars stellt jedoch für den Poedros keine Seltenheit dar, sondern ist als Teil einer umfassenden Stiftertätigkeit zu sehen, die dieser zeitweise mächtigste Mann der reichsten Monarchie der Christenheit entfaltete und wie es wohl von einer Person seines Status auch erwartet wurde. Aufgrund weiterer Quellen und der Entwicklung der Machtverhältnisse in Byzanz kann man die Anfertigung der Lade zwischen 949-985 datieren. Dabei muss offen bleiben, ob Basileos die Lade lediglich hat restaurieren oder neu anfertigen lassen.2)

Nachdem die Staurothek von Heinrich von Ulmen aus Konstantinopel fortgebracht und an das Benediktinierinnenkloster St. Nikolaus übertragen wurde, konnte es nicht ausbleiben, das sie, und andere ihrer Art, Einfluss auf die Form der Kreuzreliquien nahmen. Der Einfluss der byzantinischen Reliquiare auf jene des Westens wurde allgemein bereits ausführlich beschrieben. Doch kann man durchaus Beispiele finden, in denen ganz konkret byzantinische Vorbilder wie die Staurothek aufgegriffen wurden. Zu nennen ist hier insbesondere die prachtvolle Staurothek der Abtei St. Matthias in Trier und das Tryptichon in Mettlach. Beide bezogen ihre Kreuzreliquien aus Teilen jenes großen Kreuzes, dass Jahrhunderte lang in der Heiligen Kapelle in Konstantinopel verwahrt und nach der Eroberung aufgeteilt worden war. Insbesondere der Staurothek von St. Matthias ist der Einfluss der byzantinischen Staurothek deutlich anzusehen. Wie bei ihr, so ist auch das Kreuz der Trierer Staurothek herausnehmbar und von kostbaren Goldschmiedearbeiten eingerahmt. Auch ist von zahlreichen, insgesamt 20 kleineren Fächern umgeben, in denen ebenfalls Reliquien eingebettet sind. Diese sind indes, hier wird eine anderer Einfluss der byzantinischen Kunst sichtbar, jedoch nicht hinter Bildern verborgen, sondern hinter Bergkristallplättchen sichtbar. Abgeschlossen wird es von einem mit Gold- und Silberarbeiten verzierten und mit Juwelen und Gemmen besetzten Schmuckrahmen.3)


Die weitere Entwicklung, der Limburger und anderer byzantinischen Staurotheken lässt sich an zwei weiteren Reliquiaren deutlich machen. Zuerst, weil zeitlich am nächsten, ist hier ein Tafelreliquiar im Halberstädter Domschatz aus dem Jahr 1208 aufzuführen. Im Zentrum der Tafel liegt ein Kreuz, bestehend aus zwei Spänen des wahren Kreuzes, in deren Schnittpunkt ein Silberplättchen liegt, dass die Kreuzigung darstellt. Neben den Kreuzarmen sind weitere Reliquien gelegt. Ein reich verzierter und mit Juwelen besetzter Rahmen schließt dieses innerste Feld gegenüber einem umlaufendes Feld ab. In diesem sind in Vertiefungen weitere Reliquien eingelassen, die durch Bergkristalllinsen sichtbar sind. All dies ist noch einmal von einem Schmuckrahmen umgeben.4) Erwähnenswert ist überdies eine Reliquientafel von 1310 aus dem Prager Georgs-Kloster. Auch hier nimmt die Kreuzreliquie die dominierende Stellung ein. Wie alle anderen aber liegt es in einer runden, wenn auch größere Kapsel gebettet, die mit einem Bergkristalldeckel verschlossen ist. Darum herum sind weitere 14 Kapseln angeordnet, wobei sich durch ihre unterschiedliche Größe das Bild eines Kreuzes bildet. Erwähnenswert ist darüber hinaus, dass nicht nur Reliquien von Heiligen in diesem Reliquiar Verwendung fanden, sondern auch Steine von Orten Jesu Lebens und Leidens.5)

__________________
1 Vgl. Klein, S. 23-24.
2 Vgl. Klein, S. 23-28.
3 Vgl. Legner, S. 67.
4 Vgl. Legner, S. 67-68.
5 Vgl. Legner, S. 60.

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...