Mittwoch, 12. September 2012

Reliquiare III

Kreuzreliquien

Den höchsten Rang unter allen Reliquien nehmen die Überreste des Wahren Kreuzes ein, an dem der Herr gestorben ist. So war das Bedürfnis, sie zu besitzen oder zumindest ihnen nah zu sein, immens. Da es aber nur eine einzige Quelle dieser wertvollsten aller Reliquienarten gab, die als kostbarster Schatz von ihren Besitzern gehütet wurde, konnten immer nur kleine und kleinste Teile vom Kreuz entnommen werden, sodass Kreuzreliquien oft nicht größer sind als eine Stecknadel.1) Zu den außergewöhnlichsten Stücken dieser Reliquien, sowohl nach der Größe als auch der Authentizität, gehört jenes, das in der Limburger Staurothek verwahrt wird. Dieses Stück bzw. Stücke und ihr Reliquiar führen den Betrachter bis auf den Grund der Kreuzreliquien und ihrer Behältnisse. Die Staurothek ist, wenngleich den längsten Teil ihrer Geschichte Teil des katholischen Westens, im Osten, am Hof von Konstantinopel entstanden. Und wendet man seinen Blick noch weiter, der aufgehenden Sonne entgegen, so fällt der Blick auf jenen Ort, der Ursprung aller Kreuzreliquien ist, Jerusalem.2) Nach der Legende fand Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, unter dem das Kreuz als gemeinsames Symbol von Kaiserreich und Kirche zum Siegeszeichen avancierte, unter den Trümmern auf dem Berge Golgatha die drei Kreuze, von denen sie eines mithilfe des im Auftrag Pilatus‘ angeschlagenen Querschildes als das wahre Kreuz Christi identifizierte. Dieses Kreuz wurde jedoch von ihr geteilt. Der eine Teil verblieb in Jerusalem, den anderen übersandte sie ihrem Sohn Konstantin, der es für den Schutz seiner neuen Hauptstadt in seine Statue auf der Konstantinssäule einsetzen ließ. Inwieweit diese Legende auf tatsächlich Geschehenes rekurriert bleibt fraglich, da aus der Zeit Konstantins noch keine Berichte über die Kreuzreliquien vorliegen. Vermutlich wurde das Kreuz aber in den 30er oder 40er Jahren aufgefunden.3)

Eine erste Nennung in Jerusalem datiert auf die Jahrhundertmitte. Bischof Kyrill von Jerusalem schreibt um diese Zeit an Konstantius II., dass die Kreuzreliquie unter der Herrschaft Konstantins gefunden worden sei und das einzelne Splitter des Kreuzes bereits überall in der Welt verteilt sind, wodurch sich eine frühe Verbreitung von Kreuzreliquien vermuten lässt. Diese ist darauf zurückzuführen, dass man dem Kreuz, und sei es nur in winzigsten Splittern vorhanden, von allen Reliquien die stärkste Kraft zusprach. In Jerusalem entwickelte sich auch früh eine Kultpraxis um das Kreuz, wie ein Bericht der Pilgerin Egeria, die das Heilige Land zwischen 381-384 bereiste, zeigt. Darin wird zum einen das Gefäß erwähnt, in dem das Kreuz aufbewahrt wird. Es sollte sich um ein silbernes Kästchen handeln. Aus diesem wird die Reliquie herausgenommen und vom Bischof gehalten, damit die Gläubigen an ihm vorbeidefilieren und ihm huldigen können, während es von umstehenden Diakonen bewacht wird. Das gibt uns zum eine Vorstellung von der Größe des Kreuzes, zum anderen weist es auf die Gefahr hin, dass Gläubige sich während der Huldigung, sie küssten das Kreuz, Splitter der Reliquie bemächtigen.

Wenden wir uns nun der anderen Stadt mit großer Kreuzreliquie zu. Ob tatsächlich Teile des Kreuzes in die Statue Konstantins eingesetzt wurden, sei hier dahingestellt. Als sicher kann jedoch gelten, dass sich schon kurz nach ihrer erstmaligen Erwähnung Kreuzreliquien in kaiserlichem Besitz befanden und bald in Zeremonien Verwendung fanden. Die erste Erwähnung einer solchen Zeremonie stammt aus dem frühen 6. Jhr.von Theodor Anagnostes, wo das Kreuz offenbar im kaiserlichen Palast aufbewahrt und in kaiserlichen Prozessionen verwendet wurde. Aber nicht nur in der Stadt wurde diese kostbarste Reliquie dem Kaiser vorangetragen, sondern auch wenn er ins Feld zog, wie zuerst von Kaiser Maurikios um 600 berichtet wurde. Diese Praxis ist auch noch im 10. und 12. Jhr. belegt. In diesem Zusammenhang erhalten wir auch einen detaillierten Bericht über das Aussehen eines Kreuzreliquiars. Isaak II. Angelos führte auf einem Feldzug, den er 1190 gegen die Bulgaren führte, eine Kreuzreliquiar mit sich, das neben dem Hauptreliquiar auch noch mehrere Laden hatte, in dem andere wertvolle Reliquien geborgen waren. Ähnliches wird auch von Manuel I. Komnenos einige Jahrzehnte zuvor berichtet. Neben den eigentlichen kaiserlichen Zeremonien, in denen das Kreuz Verwendung fand, gab es auch solche, in denen es explizit um die Reliquie ging. Insbesondere nach der Eroberung Jerusalems durch die Perser und dann durch die Araber im Verlauf des 7. Jhr., wurde Konstantinopel Zentrum des Kreuzkultes. Eine erste Beschreibung solcher Riten finden wir in der Osterchronik vom Jahr 630. Aus dem Jahr 680 datiert ein ausführlicher Bericht über die Kreuzverehrung in der Hagia Sophia. Um die Osterzeit wird die Reliquie an drei aufeinander folgenden Tagen, beginnend mit Gründonnerstag, auf einem Altar ausgesetzt und zuerst durch den Kaiser und seine höchsten Beamten, am folgenden Tag durch die Damen des Hofes und zuletzt durch den Klerus verehrt, dass heisst auch geküsst. Aus diesem Bericht erfahren wir auch, wie das Reliquiat beschaffen war und dass das Kreuz während der Zeremonie darin verblieb und nur durch eine Öffnung zugänglich war. Es handelte sich also um eine hölzerne, flache Lade, die durch einen ebenfalls hölzernen Deckel verschlossen werden konnte. Ähnliches geschah auch am Fest der Kreuzerhöhung. Hier wurde die ihrem Reliquiar entnommene Reliquie durch den Patriarchen erhöht, also erhoben. Auch Prozessionen fanden mit ihr statt, so zur Wasserweihe.4)

___________________
1 Vgl. A. Legner: Reliquien in Kunst und Kult, S. 55.
2 Vgl. Klein, S. 14-16.
3 Vgl. Legner, S. 72-77.
4 Vgl. Klein, S. 16-23.

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...