Dienstag, 11. September 2012

Reliquiare II

Geschichte

Im Weiteren soll die Geschichte der Reliquiare kurz umrissen werden. Dabei soll es zum einen um die künstlerische Entwicklung der Reliquiare gehen. Zum anderen soll der Prozess analysiert werden, in dem die Reliquien sichtbar wurden, also nicht mehr in den Reliquiaren verborgen wurden, sondern nun selbst dargestellt wurden.

Überblickt man die Zahl der Reliquiarformen, so wird sofort auffallen, dass im Laufe der Zeit alles als Reliquiar verwendet wurde, was dazu geeignet war, eine Reliquie aufzunehmen. Dies liegt daran, dass die Reliqiuare, anders als die vas sacrae, nicht an eine bestimmte Funktion in der Liturgie gebunden sind. Das ermöglicht eine große Formenvielfalt. Indes kann nicht jede Zeit einen ähnlich großen Variantenreichtum an Reliquiaren vorweisen. Bis ins 10 Jhr. gab es nur vergleichsweise wenige Reliquiarformen. Diese waren Reliquienkästchen, Bursareliquiare, Plenarreliquiare und Reliquienkreuze. Von den genannten Formen konnten sich lediglich die Bursareliquiare nicht behaupten. Seit dem 10. Jhr. setzte dann eine Erweiterung des ursprünglichen Formenbestandes ein. Bis zum 12. Jhr. wurden Tafelreliquiare, Diptychon- und Tridyptichonreliquiare, Büstenreliquiare, Flaschenreliquiare und Reliquienhörner entwickelt. Den Büstenreliquiaren nicht unähnlich waren solche, die Körperteilen nachempfunden wurden, besonders beliebt waren dabei Kopf- und Armreliquiare. Bis zum 14. Jhr. wurden dann der Formenkanon kompletiert: Es entstanden Scheibenreliquiare, ziboriumförmige Reliquiare, Reliquiare mit stehenden oder liegenden Behältern aus Glas oder Kristall, Reliquiare in Gestalt von Kannen und ähnlichen Gefäßen. Dazu noch Reliquienbursen und Reliquientüchlein. Zu den beliebtesten in dieser Zeit entstandenen Reliquiarformen gehörten die Reliquienosternsorien, die sich von allen am besten dazu eigneten, die Reliquien sichtbar zur Schau zu stellen. Nach dem Ende des Mittelalters, also ab dem 16. Jhr. gingen die Reliquiarformen zurück, was als Ausdruck der nachlassenden Reliquienfrömmigkeit verstanden werden kann. Zwar war den Reliquien nach wie vor ein Platz in der Frömmigkeit zugewiesen, doch die mitunter exzessiven Ausmaße des Mittelalters kannten man später nicht mehr. Vielmehr wurde nun der eucharistische Kult, sinnhaft durch das Einsetzen des Tabernakels in den Altar, zum beherrschenden Element. Viele Formen gingen unter und neue kamen nicht mehr hinzu. Die Sarkophagreliquiare, die im 16. Jhr, entstanden, waren nur Weiterbildungen der bereist bekannten Truhenreliquiare. Auch andere, wie die Pyramidenreliquiare oder die Aedikularreliquiare waren im strengen Sinne nur Umbildung bereits bekannter Formen. Während des Barocks kamen dann im Wesentlichen nur noch truhenförmige Reliquiare, Tafel- und Retabelreliquiare, Scheibenostensorien, Reliquienkreuze und Arm- und Büstenreliquiare vor.1)  

Bevor wir uns der Betrachtung des Prozesses von der sichtbaren zur unsichtbaren Reliquie nähern, sollen noch kurz die Ausschmückungen, die die Reliquiare im Laufe der Zeit erfahren haben, zur Vervollständigung des Bildes dargelegt werden.

Der Schmuck, mit dem die Reliquiare versehen wurden, kann man grob in zwei Bereiche unterteilen: Das Bildwerk und das Ornament.

Beginnen wir die nähere Betrachtung mit den Bildwerken: Formal bestand das figürliche Bildwerk aus Einzelfiguren oder aus Szenen, wobei die Einzelfiguren aus Ganz-, Halbfiguren und Büsten bestehen konnten.2) Gegenständlich hatte das Bildwerk entweder symbolischen oder realen Charakter.3) Es war, im Gegensatz zum Ornament, immer Darstellung des Religiösen. Als solches wurde es schon früh verwendet, wie ein Reliquienkästchen in S. Nazaro zu Mailand aus der Spätantike zeigt. Wie der Schmuck allgemein, so erreichte auch das Bildwerk seine höchste Blüte im Hochmittelalter, also im 12. und 13. Jhr. Besonders bei großen Reliquienschreinen wurde dabei mit Treibarbeit, Schnitzereien und Email eine Pracht betrieben, die den Eindruck erwecken kann, dass eine Steigerung nicht mehr möglich scheint. In dieser Zeit nahm es denn auch Gegenüber der Ornamentik einen höheren Stellenwert ein. So nimmt im 14. und 15. Jhr. die Ausstattung mit Bildschmuck folgerichtig ab, nicht zuletzt dadurch befördert, dass nun neue Formen der Reliquiare Verwendung fanden, die sich für die Anbringung von figürlichen Darstellungen nicht mehr so gut eigneten. Vor allem traf dies auf die Ostensorien zu. In diesen erkennen wir auch die Tendenz, den Gegenstand der Verehrung in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken und zu diesem Zweck die überladenen Bildwerke zurückzunehmen. Im Zuge der Renaissance und später des Barocks nahm die Bedeutung der Bilder weiter ab und das Ornament überflügelte es an Bedeutung, so dass ausgiebiger Bildschmuck nur noch bei größeren Reliquienschreinen anzutreffen ist, wohingegen die meisten Reliquien dieser Zeit fast keine figürlichen Darstellungen aufweisen oder nur noch sehr wenige wie Engelköpfchen. So wie die Masse der Bildwerke abnahm, so auch ihr symbolischer und realer Gehalt. Die barocken Engelsköpfchen waren weder in Gehalt noch in Variationsbreite mit den Kunstwerken des Hochmittelalters vergleichbar.

Lange Zeit hat das Ornament gegenüber dem Bildwerk eine Randbedeutung gehabt, wenngleich es nicht später auftrat als dieses, was z.B. ein ovales Reliquienkästchen aus dem 5. Jhr. im Museo cristiano des Vatikans zeigt. Es blieb aber seit dieser Zeit in den meisten Fällen nur Zutat des Bildwerkes, war nur dienendes, nie beherrschendes Element. Dessen ungeachtet kann man auch bei ihm seinem Höhepunkt im 12. und 13. Jhr ansetzen. So kam es im 14. und 15. Jhr. zu einer merklichen Vereinfachung des Ornaments und zu einem deutlichen Zurücktreten, was auch auf die neuen architektonischen Formen zurückgeht, die eine Ornamentierung erschwerten. Dies ändert sich in der Renaissance, in der das Ornament generell und so auch bei Reliquiaren eine zunehmende Bedeutung erfuhr und erst dem Bildwerk in der Bedeutung gleichkam, um es spätestens im Barock zu überflügeln. Indes war das rein christlich-religiöse Ornament in diesen Zeiten aus der Mode gekommen und wurde durch ein Antikisierendes ersetzt, dem in vielen Fällen die Beziehung zur Hauptsache, der Reliquie fehlte. Es blieb so äußerlicher, mithin oberflächlicher Prunk und nicht selten wurde das Ornament vom untergeordneten zur überwuchernden Hauptsache.4)

Nun jedoch wollen wir uns mit der Frage beschäftigen warum die Reliquien des Abendlandes in kurzer Zeit, jahrhundertealte Konventionen vergessend, in die Sichtbarkeit gezwungen wurden. In diesem Spannungsfeld steht auch die Staurothek, der sich ein späteres Kapitel dieser Abhandlungen widmen wird, denn der wesentliche Impuls für de Veränderung kam von außen, kam aus Konstantinopel. Im katholischen Europa bis ins 13. Jhr. waren die Reliquien in einem Reliquiar eingeschlossen, dass nach allen Seiten durch edle Materialen abgeschlossen war und den Blick auf das Heilige Gebein vollständig verhüllte. Nicht unähnlich einem Tabernakel waren die Reliquien in diesem Gehäuse dann noch einmal von, oft kostbaren, Stoffen umgeben, sodass selbst dann, wenn die Reliquiare geöffnet wurden, die Reliquien nicht sichtbar wurden.5) Demgegenüber waren die Reliquien im orthodoxen Osten den Blicken oft frei zugänglich, nicht selten war es sogar möglich, sie zu berühren.6) Die byzantinischen Reliquien wiesen auch oft keine Pergamentauthentiken auf, vielmehr war die Zuweisung der Reliquie in die schmückenden Metallverzierungen graviert, was ein deutliches Indiz dafür ist, dass man mit dieser Reliquie auch hantieren konnte. Als Beispiel hierfür kann ein Schädel aus Halberstadt verwendet werden, der als Jakobusreliquie angesehen und aus Konstantinopel verschleppt wurde. Aus diesen und anderen Beispielen lässt sich nachweisen, dass die byzantinischen Reliquiare eine andere Aufgabe gehabt haben müssen als ihre westlichen Gegenstücke. Ein gut erhaltenes Reliquiar, das sich seit dem 11. Jhr. in Rom befindet, ist ein Kasten, der zur Aufbewahrung eines Praxedishaupts diente und leicht geöffnet werden konnte. Dahinter befand sich ein zweiter Deckel, in dem sich ein großes Loch befand, durch das der Kopf berührt werden konnte. Das zeigt, dass auch eine Berührung der Reliquie und ein geradezu freier Zugang möglich war. Eine solche Einstellung war im Westen bis ins 12. Jhr. hinein völlig fremd und noch im 13. Jhr. entsprachen viele Reliquien den alten Stilmerkmalen, wenngleich sich in dieser Zeit ein Wandel bemerken lässt. Ein solcher Wandel, der nicht nur stilistischen, sondern auch geistigen Charakters war, lässt sich aus zwei Gründen erklären, die einander bedingen. Der erste ist ein Innerkatholischer, eine Tendenz, das Heilige den Blicken der Menschen auszusetzen, das Bedürfnis der Menschen, zu sehen, was sie verehrten. Der andere ist die Plünderung von Konstantinopel, die eben in diese Zeit fällt und als Katalysator gewirkt haben mag, der die bereits bestehenden Tendenzen verstärkt und den Wandel beschleunigt hat.7) Der Wandel im Westen lässt sich nicht nur an Reliquien zeigen, sondern auch am Umgang mit dem Allerheiligsten. Wie bereits erwähnt, ähnelte sich der Umgang mit konsekrierter Hostie und Reliquie in dieser Zeit, ja es wurden teilweise sogar Vergleiche gezogen. So wurde, zeitgleich mit der zunehmenden Sichtbarmachung der Reliquien, damit Begonnen, die Hostie während der Elevation in die Höhe zu halten, um sie allen Gläubigen sichtbar zu machen. Demgegenüber war die Hostie zuvor vom Zelebranten in Brusthöge gehalten worden. Daran kann deutlich gemacht werden, dass das Schauen des Allerheiligsten zunehmend zu einem Bedürfnis geworden war.8) Um dies zu verstehen, muss ergänzt werden, dass es zu diesem Zeitpunkt, ja für den größten Teil der christlich-abendländischen Geschichte, für die Masse der Gottesdienstteilnehmer nicht üblich war, bei jeder oder bei den meisten Messen zu kommunizieren.9) So hat, um ein prominentes Beispiel zu nennen, noch im 18. Jhr. Ludwig XV. von Frankreich wegen seiner Mätressen über Jahrzehnte nicht kommuniziert.10) Eine ähnliche Tendenz darf man denn auch für die Reliquien annehmen. Da diese aber nicht während der Messe regelmäßig gezeigt wurden, war es nur einleuchtend, sie in ihren Gefäßen sichtbar zu machen. Als Kombination dieser Tendenz mit dem byzantinischen Einfluss darf das Reliquiar des Zeigefingers des Hl. Nikolaus aus dem Halberstadter Domschatz gesehen werden. Bischof Konrad von Krosigk brachte ihn vom 4. Kreuzzug mit und ließ für die Reliquie ein Armreliquiar anfertigen. Dieses, wenngleich es vielen Darstellungskonventionen der Zeit folgt, weist doch zu den herkömmlichen Armreliquiaren einen erheblichen Unterschied auf. Denn die Reliquie wurde auch im Reliquiar im Ganzen unverhüllt gezeigt, indem man die Nische, in die der Finger gelegt wurde, nur mit einer Bergkristallscheibe schloss. Eine genuine Neuschöpfung dieser Zeit, die wohl aus den Überlegungen über die bestmögliche Präsentation der Reliquien und mithin des Beutegutes hervorging, waren solche, deren Kern ein durchsichtiges Gefäß ist. Als hervorragendes Beispiel hierfür darf das Attalarreliquiar angesehen werden, in dem die Hand der Hl. Attala in einen Bergkristallcabochon eingesetzt war.11)

In diesem Wandel des 13. Jhr. durchbrach der Westen die jahrhundertealte Verwendung der Reliquiare als Gräber oder Särge der heiligen Gebeine. Diese Verhüllung der Verstorbenen war noch aus alter heidnischer Tradition überkommen und war durch das Christentum zwar übernommen worden, theologisch nicht aber länger notwendig. Den logischen Schritt, diesen Grundsatz für Reliquien aufzuheben, wurde im Osten schneller vollzogen, sodass sich hier das Reliquiar schon lange vor dem 13. Jhr. als Schaugefäß etabliert hat. Diese Tradition wurde mit dem Beutegut ins katholische Abendland überführt und stieß hier auf eine sie begünstigende Tendenz, die eine neue Form der Reliquiare umsetzte und der Anfang der künstlerischen Hochblüte der Reliquiarkunst und Reliquienverehrung wurde.12)

_______________________________________
1 Vgl. J. Braun: Reliquiare des christlichen Kultes und ihre Entwicklung, S. 509-512.
2 Vgl. Braun, S. 602.
3 Vgl. Braun, S. 601. 4 Vgl. Braun, S. 589-591.
5 Vgl. G. Toussaint: Die Sichtbarkeit des Gebeins im Reliquiar, S. 90-91.
6 Vgl. Toussaint S. 90.
7 Vgl. Toussaint S. 92-96.
8 Vgl. Toussaint S. 97-98.
9 Vgl. Jungmann, S. 464.
10 Vgl. S. Juerwitz-Freischmidt: Galantes Versailles, S. 361.
11 Vgl. Toussaint S. 99-102 u. Bildanhang Abb. 1.
12 Vgl. Toussaint S. 102.

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...