Montag, 10. September 2012

Reliquiare I

Definition von Reliquiaren

Reliquiare sind geschaffen, die Reliquien, also die Überreste einer heiligen Person, aufzunehmen. Wer die Reliquiare verstehen will, ist daher darauf angewiesen, die Reliquien zu verstehen. Reliquien sind im christlichen Sinne Objekte, welche mit einem Heiligen verbunden werden. Davon gibt es zwei Arten: Teile eines Körpers oder solche, die mit dem Heiligen in Verbindung stehen. Den höchsten Rang haben Reliquien Christi inne, wobei es von diesen, abgesehen von Blutreliquien, keine Körperreliquien gibt. Zu den bedeutendsten gehören neben dem Leichentuch in Turin die Kreuzreliquien, von denen eine, die sogenannte Staurothek, in Limburg zu finden ist. Es folgen im Rang Reliquien der Mutter Gottes, von denen wegen ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel auch keine Körperreliquien erhalten sind, sondern nur mit ihr verbundene Reliquien. Dagegen gibt es von den meisten Heiligen Reliquien, sowohl Körperreliquien, die einen höheren Rang einnehmen, sogenannte Primärreliquien, als auch andere, sogenannte Sekundärreliquien.1)
 
Eine Reliquie ist dabei größenunabhängig. Es kann sich bei ihr zum Teil nur um einen Zahn handeln oder gar nur eine Haarlocke, aber auch um einen ganzen Körper, wie den des Hl. Pfarrers von Ars.
Dementsprechend sind auch die Reliquiare angelegt. So können sie die Reliquie in vielerlei Formen aufnehmen. Besonders in früheren Zeiten, in der Spätantike und im frühen Mittelalter, waren die Reliquien in ihren Behältern verborgen, unsichtbar für die Gläubigen und oft noch extra mit Stoff umwickelt. Im Zuge der Gotik begann man dann die Reliquien immer mehr zu zeigen, was zu teilweise monstranzartigen Reliquiaren führte.2) Dabei konnten auch mehr als eine Reliquie in einem Reliquiar enthalten sein. Ob diese einen inhaltlichen Zusammenhang hatten, war dabei oft nicht von Bedeutung. Wichtig war vor allem die Wirkung der Reliquien. Diese sollten die von Gott geschenkte Kraft des Heiligen noch in sich tragen. Daher wurden ihnen zahlreiche Wirkungen zugesprochen, von Gebetserhörungen und Wundern bis zur einer dem Seelenheil förderlichen Wirkung.3)
 
Bedeutung
 
Wer sich die zahlreichen Reliquiare unserer Kirchen betrachtet, der kann nicht um hin kommen sich zu fragen, warum die Menschen früherer Zeiten, seltener auch heute noch, einen solchen Aufwand betrieben haben, um die Reste von Heiligen damit zu umhüllen, dass man sich an eine Monstranz erinnert fühlt. Das hängt damit zusammen, dass die Materie selbst durch den Heiligen, mit dem sie in Verbindung steht, geheiligt ist. Grundgelegt ist dies bereits in der Auferstehung, wo nicht nur die Seele Jesu zum Vater heimkehrt, sondern die ganze Gestalt, mitsamt dem Körper. Dies geht weiter mit der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, die auf den jüngsten Tag verweist. An diesem Tag wird der irdische Leib mit der Seele wieder vereint, wird also der Leib über den Tod hinaus einer Bestimmung zugeführt. Dadurch wurde der verbliebene Körper zu einer Reliquie, die zwischen Himmel und Erde vermittelt. Besonders wichtig war dies bei jenen Menschen, die bereits im Himmel den Herrn geschaut haben, also die Heiligen. Daher wird der Heilige durch seine Reliquien, wenngleich im Himmel weilend und zur Fürsprache vor Gott befähigt, gleichsam mit dem Ort der Präsenz der Reliquien verbunden, mithin gegenwärtig. Mit dem Heiligen  aber wirkt auch seine Kraft noch in den Reliquien. Folgerichtig ging man schon in der Spätantike davon aus, dass Reliquien wundertätig sein konnten und Orte, an denen sich die Reliquien bedeutender Heiliger befanden bzw. viele Reliquien, wurden so zu Wallfahrtsorten. Um möglichst viel der wundertätigen Kraft für sich zu erhalten, wurden die Reliquien nicht nur geschaut, sondern auch berührt, gar geküsst. Die Heiligen wurden aus ihren Gräbern nicht selten versetzt, um sie in einer Kirche unter dem Altar zu bestatten, gemäß Offb 6,9, doch blieben sie meist unversehrt, wenngleich kleine Teile wie Haare, Fingernägel und Zähne teilweise entfernt wurden.

Wollen wir die Kraft, die von den Reliquien ausgeht, noch näher beschreiben, können wir hierfür auf zwei Vorstellungen hinweisen, denen einige Reliquiare besonders sinnhaften Ausdruck geben: Die Vorstellung, dass von den Reliquien ein inneres Licht ausgehe, zum anderen dass die Reliquien neu erblühen könnten. Diese beiden Vorstellungen finden sich in den Strahlenreliquiaren und den Lebensbaumreliquiaren wieder.4) Besonders geeignet zur Vertiefung ist das Bild der Strahlen. Es ist durchaus nicht falsch zu sagen, dass die Reliquie, die ja oberflächlich Materie ist, mit spiritueller Energie geradezu aufgeladen ist, von der eine heilswirksame Strahlung ausgeht.5) Gregor von Tours sprach in diesem Zusammenhang vom mysterium luminis. So wird von König Chlodwig erzählt, er habe aus der Kirche des Hl. Hilarius in Poitiers einen Feuerball aufsteigen und sich auf ihm niederlassen gesehen. 

Das Licht ist dabei gleichsam Medium zwischen Himmel und Reliquie, wie zwischen Reliquie und empfangendem Objekt. Wie bereits angedeutet, ist die Reliquie mit dem Heiligen verbunden und dadurch mit himmlischer Virtus erfüllt, eine Idee, die man bereits bei Victricius von Rouen antrifft. Der Glaube an diese wundertätige Kraft der Reliquien ist es denn auch, die zu ihrer enormen Verbreitung führt. Denn die Vorstellung der Übertragbarkeit der virtus, ihrer Ausstrahlung auf ihre Umgebung, führte dazu, dass man Mithilfe von Reliquien immer wieder neue Reliquien herstellen konnte. So gab es die Möglichkeit, ein Objekt, dass ursächlich gar nichts mit dem Heiligen zu tun hatte, mit virtus aufzuladen. So berichtet erneut Gregor von Tours, dass Tücher, die auf das Martingsgrab gelegt wurden, durch das Aufsaugen der virtus schwer geworden waren. Diese regelrechte Vermehrung der Reliquien, es tauchten auch nicht selten neue Reliquien von alten Heiligen oder von neuen Heiligen auf, beruhte auf dem Bedürfnis der Menschen, solche wenn möglich zu besitzen oder doch zumindest zu ihnen gelangen zu können. Aus erstem Impuls entstanden die Reliquiensammlungen von geistlichen und weltlichen Fürstens, dem zweiten sind die Wallfahrten geschuldet.6)
Bei all diesem könnte man den Eindruck gewinnen, die Menschen hätten den Reliquien eine eigene Heiligkeit zugesprochen. Soweit aber ist man nie gegangen, da solche Verehrung und Gebrauch  als Magie aufzufassen gewesen wären. Das aber hat das Christentum immer strikt abgelehnt. Erst durch den Kontakt mit dem Heiligen wurde ein Gegenstand an seiner virtus teilhaftig, die indes auch nicht aus ihm selber floss, sondern die ihren letzten Grund in Gott selber hatte. Wollte man einen Vergleich wagen, so ließen sich die Reliquien viel eher mit Sakramenten vergleichen. Denn die Wirkung, die man ihnen zusprach, war der der Sakramente nicht unähnlich. Tatsächlich konnten Reliquien zu gewissen Zeiten als sakramental bezeichnet werden, so z.B. noch um 1200 in der Vita des verstorbenen Bischofs Hugo von Lincoln.7)
 
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1 Vgl. TRE, W. Klein: Reliquien, S. 69-72.
2 Vgl. S. Hartmann: Der heilige Leib und die Leiber der Heiligen, S. 38.
3 Vgl. Hartmann, S. 37-38.
4 Vgl. Hartmann 28-30.
5 Vgl. Hartmann S. 11-12.
6 Vgl. A. Angenendt: Heiligen und Reliquien, S. 154-157.
7 Vgl. Angenendt, S. 157-158.

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